. Sie hatte zwar schon öfter etwas von Lisett gehört ; sie wußte , daß es ihre Großtante gewesen , und die Muhme sprach den Namen immer mit einer gewissen Feierlichkeit aus , aber da man ihr nie Näheres mittheilte , so interessirte es sie auch nicht , daß sie dort oben gewohnt . Sie schämte sich aber jetzt , daß sie so kindlich geweint vor der Muhme ; was sollte diese nur eigentlich glauben ? Am Ende gar , daß sie den Army – – ? Sie wurde dunkelroth und dachte es nicht aus , sondern fing an zu singen , währeud sie in die Wohnstube lief , um Onkel und Tante Pastor zu begrüßen . Die Muhme aber folgte ihr mit bangen Blicken . „ Herr des Himmels , “ murmelte sie , „ verschone uns in Gnaden mit solch einem zweiten Unglück ! Denn ein Unglück wird ’ s ; es ist noch nichts Gutes von da droben gekommen , seit die Alte auf dem Schlosse Athem holt . Herr Gott , behüte die Gedanken des Mädchens ! Sie weiß es selbst noch nicht , aber es ist wahr , was ich da gehört – sie hat ihn gern , den Army . O du lieber Gott , wie soll man da schon helfen ? “ Und die Muhme grübelte und grübelte , während sie das Abendbrod in der blitzblanken Küche rüstete , und wenn Lieschens helle Stimme einmal aus der Wohnstube her in ihr Ohr drang , dann schüttelte sie mit dem Kopfe , und beim Abendessen betrachtete sie verstohlen das lachende Gesichtchen , von dem die letzten Thränenspuren verschwunden waren . Das war aber auch eine vergnügte Tafelrunde , die in dem kühlen Eßzimmer um den mit schneeweißem Damast gedeckten großen runden Tisch saß . Der Hausherr oben an mit seinem wohlwollenden , von einem großen Vollbarte umrahmten hübschen Gesichte , der Herr Pastor , dem man das Behagen ansah , mit welchem er bei dem Jugendfreunde zu Gaste saß , und Rosine , seine kleine runde Frau , die immer vergnügt war , obgleich sie zu Hause eine ganze Reihe Kinderchen hatte , die wie die Orgelpfeifen auf einander folgten , und für die sie oft nicht wußte , wo sie die neuen Röckchen und Jäckchen hernehmen sollte . Selbst an den Donnerstagabenden auf der Mühle , wo sie sich von den Strapazen der Woche erholen wollte , vermochte sie kaum auf dem Sopha neben der Hausfrau zu sitzen , ohne ein Kinderstrümpfchen in der Hand , an dem sie eifrig strickte , und nicht selten legte dann Frau Erving ihr lächelnd ein ganzes Paket fertiger Strümpfe in den Schooß : „ So , liebe Pastorin , da habe ich ein Bischen geholfen ; nun lassen Sie es heute Abend aber auch einmal gut sein mit dem Stricken und singen uns ein Lied ! “ Und dann sang die Frau Pastorin mit ihrer leisen hohen Stimme irgend ein einfaches Liedchen . Nachher aber griff sie doch mechanisch wieder zum Strickzeuge und sagte , selbst darüber lächelnd : „ Laßt es gut sein , Minnachen ! Ich kann einmal nicht anders . “ Die Hausfrau befand sich heute Abend ganz besonders wohl und erzählte sich mit Rosine lange Haushalts- und Wirthschaftsgeschichten , und Lieschen neckte sich mit dem Vater und dem Herrn Pastor herum ; nur die Muhme war still und hatte heute nicht einmal ein Lächeln für die Lobsprüche , die ihrer Kochkunst galten ; sie nahm kein Schlückchen von dem duftenden Moselwein , der in dem grünen Römer so verlockend vor ihr stand . „ Weißt Du auch , Pastor , “ fragte der Hausherr , „ daß ich jetzt einen Sohn von unserem alten Schulfreunde Selldorf hier habe ? “ „ Von Selldorf einen Jungen ? Ei , was Du sagst ! Wie ist es dem denn eigentlich ergangen ? “ „ Der hat eine große chemische Fabrik in Thüringen . “ „ Ei , was Tausend , und der Junge soll – ? “ „ Der Junge soll einmal seine Nase in mein Geschäft stecken , weil der Alte beabsichtigt , eine Papierfabrik , vulgo Lumpenmühle anzulegen – hat übrigens Glück gehabt ; er kam als Buchhalter in das Geschäft , das er jetzt selbst besitzt , heirathete das einzige Töchterchen seines Principals und war ein gemachter Mann ; ist ein gescheidter Kopf und ein durch und durch reeller Charakter . Mußt Dir übrigens den Jungen einmal ansehen , frappant wie der Alte damals aussah , dieselbe blonde Lockenperrücke , dieselben Augen . Ich dachte , ich wäre wieder jung geworden , als er so vor mir stand . “ „ Wo hast Du ihn denn ? “ „ Drüben im Geschäftshause . Ich halte ihn nicht um ein Haar anders wie die übrigen jungen Leute ; heut Mittag hat er hier gespeist , aber damit ist ’ s gut – Du weißt , ich lasse mich nicht gern stören im Kreise meiner Familie . “ Der Paftor nickte : „ Muß ihn mir wirklich einmal ansehen . Was sagt denn aber Lieschen dazu ? “ fragte er scherzend das junge Mädchen . „ Gar nichts , Onkel , “ erwiderte sie . „ Das ist wenig , “ lachte dieser . „ Aber apropos , da fällt [ 708 ] mir ein , Lieschen , der Army war ja hier . Ich sah ihn von der Post kommen , als er gerade angelangt war , à la bonheur , ist das ein hübscher Junge geworden ! Hast ihn gesehen , Kleine ? “ Lieschen nickte , aber sie war dunkelroth geworden ; die Muhme sah auch gar zu scharf herüber . „ Es kränkt mich aber doch , “ fuhr der Pastor fort , „ daß er es nicht der Mühe werth hält , einmal mit zu uns heran zu kommen ; es ist doch nicht hübsch , daß er seinen alten Lehrer nicht mehr kennt – das ist so