ein Feldstein von absonderlicher Form und so dicht mit Flechten überwachsen , daß sich ein paar halbverwitterte Schriftzeichen daran nur mühsam erkennen ließen . Und auf diesen Feldstein setzten sie sich . » Was bedeutet der Stein ? « fragte Grete . » Ich weiß es nicht . Vielleicht ein Wendengrab . « » Wie denn ? « » Weißt du denn nicht ? Dies ist ja das Feld , wo die große Tangerschlacht war . Heiden und Christen . Und die Heiden siegten . Und zu beiden Seiten des Erdwalls , auf dem wir hier sitzen , vor uns bis dicht an den Wald und hinter uns bis dicht an den Floß , liegen sie zu vielen Tausenden . « » Ich glaub es nicht . Und wenn auch , ich mag nicht davon hören . Auch nicht , wenn die Christen gesiegt hätten ... Aber sieh , wie schön . « Und dabei zeigte sie mit der Hand auf die vor ihnen ausgebreitete Landschaft , die sie jetzt erst , von dem hochgelegenen Stein aus , mit ihrem Blick umfassen konnten . Es war dasselbe Bild , das sie letzten Herbst schon von der Burgund dem Gemäuer aus vor Augen gehabt hatten , nur die Dörfer , die damals mit nichts andrem als ihren Kirchturmspitzen aus dem Schattenstriche des Waldes hervorgeblickt , lagen heute klar und deutlich vor ihnen , und die Strohdächer mit ihren Storchennestern ließen sich überall erkennen . » Weißt du , wie die Dörfer heißen ? « fragte Grete . » Gewiß weiß ich ' s. Das hier rechts ist Buch , wo der Herr von Buch lebte , der einen Schatz in unsrer Tangermünder Kirche viele Jahre lang verborgen hielt , um ihn zuletzt als Lösegeld für seinen Herrn Markgrafen zu zahlen . Denn die Magdeburger hatten ihn gefangengenommen . Und er hieß Markgraf Otto . Otto mit dem Pfeil . Ein schöner Herr und sehr ritterlich und war ein Dichter und liebte die Frauen . Weißt du davon ? « » Nein ... Aber hier das Dorf mit dem blanken Wetterhahn ? « » Das ist Fischbeck . « » Ach , das kenn ich . Da wohnt ja der alte Pfarr ... aber nun hab ich seinen Namen vergessen . Oh , von dem weiß ich . Der war eines Fischbecker Bauern Sohn und sollte seines Vaters Pferde hüten . Aber er wollt es nicht und lief ihm fort , denn er wußt es bestimmt in seinem Herzen , daß er ein Geistlicher und ein frommer Mann werden müsse . Und er wurd es auch , und nun hütet er am selben Ort sein Amt und seine Gemeinde . Und sein Vater hat es noch erlebt . « » Aber Grete , woher weißt du nur das alles ? Die Geschichte von der großen Tangerschlacht und von dem Tangermünder Schatze , die weißt du nicht , und die von dem Fischbecker Pastor weißt du so genau ! « Grete lachte . » Und weißt du , wie lang ich sie weiß ? Seit gestern . Und weißt du von wem ? Von Gigas . « » Das mußt du mir erzählen . « » Freilich . Das will ich auch . Aber da muß ich weit ausholen . « » Tu ' s nur . Wir haben ja Zeit . « » Nun sieh , Valtin , du weißt , ich bin immer weit fort ; weit fort in meinen Gedanken . Und du weißt auch , um deshalb halt ich ' s aus . Und immer abends , wenn ich mit der Regine bin , les ich von Kindern oder schönen Prinzessinnen , die vor einem bösen König oder einer bösen Königin geflohen sind , und es gibt viele solche Geschichten , und nicht bloß in Märchenbüchern , viel , viel mehr , als du dir denken kannst , und mitunter ist es mir , als wären alle Menschen irgendeinmal ihrem Elend entlaufen . « Valtin schüttelte den Kopf . » Du schüttelst den Kopf . Und sieh , das tu ich auch . Oder doch von Zeit zu Zeit . Und so war es auch gestern , denn ich hatte wieder einen Traum gehabt , wieder von Flucht , und es war , als flög ich , und mir war im Fliegen so wohl und so leicht . Aber als ich aufwachte , war ich bedrückt und unruhig in meinem Gemüt . Und da dacht ich , das soll ein Ende haben : du wirst Gigas fragen , der soll dir sagen , ob es etwas Böses ist , zu fliehen . Und so ging ich zu ihm , gestern um die Mittagsstunde , trotzdem ich wohl gehört hatte , daß er selber in Sorg und Unruh sei . « » Und wie fandest du ihn ? « » Ich fand ihn in seinem Garten zwischen den Beeten , und wir gingen auf und ab , wie er ' s gern tut , und sprachen vielerlei , und zuletzt auch von unserm Herrn Kurfürsten , der , wie wir ja schon wußten , eine Nacht und einen Tag auf seiner Tangermünder Burg zu verbleiben gedenke . Und als ich sah , daß er sich in seinem Gewissen sorgte , gerade so , wie sich ' s Trud und Gerdt , als sie von ihm sprachen , in unsrem Hause schon zugeflüstert hatten , da faßt ich mir ein Herz und fragt ihn : was er wohl mein ' . Ob Flucht allemalen ein bös und unrecht Ding sei . Oder ob es nicht auch ein rechtmäßig und zuständig Beginnen sein könne . « » Und was antwortete er dir ? « » Er schwieg eine ganze Weile . Als wir aber an die Bank kamen , die zu Ende des Mittelganges steht , sagte er : › Setz dich , Gret . Und nun sage mir , wie kommst du zu solcher Frag ? ‹ Aber ich gab ihm