Wirklichkeit nicht mehr als achtzig waren . Sie trugen sämtlich eine Uniform von braunen wollenen Kleidern nach ganz altmodischem Schnitt und lange , baumwollene Schürzen . Es war die Stunde , in welcher sie ihre Aufgaben für den morgenden Tag lernten und das Gesumme von Stimmen , welches ich zuerst vernommen , war das vereinigte Resultat ihrer geflüsterten Repetitionen . Miß Miller machte mir ein Zeichen , mich auf eine Bank nahe der Thür zu setzen ; dann ging sie an das obere Ende des großen Zimmers und rief mit sehr lauter Stimme : » Aufseherinnen , sammelt die Schulbücher zusammen und legt sie an ihren Platz ! « Augenblicklich erhoben sich vier große Mädchen von verschiedenen Tischen , nahmen die Bücher zusammen und legten sie fort . Von neuem ertönte Miß Millers tönendes Kommandowort : » Aufseherinnen , holt die Bretter mit dem Abendessen ! « Die großen Mädchen gingen hinaus und kehrten augenblicklich zurück . Jede trug ein großes Präsentierbrett mit Portionen von irgend welchem Essen – ich konnte nicht unterscheiden , was es war – und in der Mitte eines jeden solchen Brettes stand ein Krug mit Wasser und ein Becher . Die Portionen wurden umher gereicht , wer wollte , konnte auch einen Schluck Wasser trinken , der Becher war für alle gemeinsam bestimmt . Als die Reihe an mich kam , trank ich , denn ich war durstig ; die konsistentere Nahrung ließ ich unberührt . Aufregung und Ermüdung machten es mir unmöglich zu essen , indessen sah ich jetzt , daß es ein dünner Kuchen von Hafermehl war , der in Stücke geschnitten worden . Als die Mahlzeit vorüber war , las Miß Miller das Abendgebet vor , und die Klassen gingen in Reihen von zwei und zwei nach oben . Jetzt hatte die Müdigkeit mich vollständig überwältigt , ich bemerkte kaum , welche Art von Aufenthaltsort das Schlafzimmer eigentlich war ; ich sah nur , daß es ebenso lang war wie das Schulzimmer . Diese Nacht mußte ich das Bett mit Miß Miller teilen , sie half mir beim entkleiden . Als ich mich niederlegte , blickte ich auf die lange Reihe von Betten , von denen jedes schnell mit zwei Teilhabern sich füllte , nach zehn Minuten wurde das einzige Licht ausgelöscht . Stille und vollständige Dunkelheit herrschten ; ich schlief ein . Die Nacht verstrich schnell . Ich war sogar zu müde und abgespannt , um träumen zu können . Nur einmal erwachte ich und vernahm , wie der Wind in wütenden Stößen durch die Bäume brauste . Der Regen fiel in Strömen . Jetzt gewahrte ich auch , daß Miß Miller ihren Platz an meiner Seite eingenommen hatte . Als ich die Augen wieder öffnete , schlug der laute Ton einer Glocke an mein Ohr . Die Mädchen waren bereits aufgestanden und kleideten sich an ; der Tag war noch nicht angebrochen , und ein oder zwei Lichter brannten im Zimmer . Widerwillig erhob auch ich mich , es war bitter kalt , und ich kleidete mich an so gut wie ich es vor Kälte bebend vermochte . Als eine Waschschüssel frei geworden war , wusch ich mich . Allerdings mußte ich lange auf diese glückliche Fügung warten , denn auf den Waschtischen , welche durch die Mitte des Zimmers entlang standen , befand sich nur immer eine Schüssel für je sechs Mädchen . Wieder ertönte die Glocke . Alle traten wie am vorigen Abend zwei und zwei in die Kolonne , und in dieser Ordnung gingen sie die Treppe hinunter . Sie traten in das trübe erhellte und kalte Schulzimmer ; hier las Miß Miller das Morgengebet vor ; dann rief sie laut : » Bildet die Klassen ! « Hierauf folgte ein großer Tumult , der einige Minuten anhielt . Inzwischen rief Miß Miller zu wiederholten Malen : » Ruhe ! « und » Ordnung ! « Als diese endlich eingetreten , sah ich , daß alle sich in vier Halbkreisen vor vier Stühlen aufgestellt hatten , welche vor vier Tischen standen . Alle hielten Bücher in den Händen und ein großes Buch , einer Bibel ähnlich , lag auf jedem Tisch vor dem leeren Stuhl . Nun entstand eine minutenlange Pause , während welcher man nichts vernahm , als das leise Gemurmel von Zahlen . Miß Miller ging von Klasse zu Klasse und machte diese unbestimmten Laute verstummen . Aus der Ferne ertönte eine Glocke . Gleich darauf traten drei Damen ins Zimmer . Jede derselben ging an einen der Tische und nahm ihren Platz ein . Miß Miller nahm den vierten Stuhl , welcher der Thür am nächsten stand und um den die kleinsten Kinder sich versammelt hatten ; dieser letzten Klasse wurde auch ich zugewiesen und zwar als letzte in derselben . Jetzt begann die Arbeit . Die Kollekte des Tages wurde wiederholt , dann wurden mehre Texte aus der heiligen Schrift hergesagt , und endlich folgte das Lesen von Kapiteln aus der Bibel , welches eine ganze Stunde dauerte . Als wir mit dieser Übung zu Ende gelangt , war der Tag vollständig angebrochen . Die unermüdliche Glocke ertönte jetzt zum viertenmal . Die Klassen sammelten sich und marschierten in ein anderes Zimmer , wo das Frühstück eingenommen wurde . Wie froh war ich bei der Aussicht , jetzt endlich etwas zu essen zu bekommen . Der Hunger hatte mich beinahe schon krank gemacht , denn Tags zuvor hatte ich fast gar keine Nahrung zu mir genommen . Das Refektorium war ein großes , niedriges , düsteres Gemach . Auf zwei langen Tischen dampfte etwas Heißes in kleinen Näpfen , das indessen zu meiner größten Enttäuschung einen Geruch ausströmte , der nichts weniger als einladend war . Als der Dampf dieser Mahlzeit in die Geruchsorgane derjenigen drang , welche bestimmt waren , selbige zu vertilgen , bemerkte ich eine allgemeine Kundgebung der Unzufriedenheit . Aus dem Nachtrab der Prozession , den die großen Mädchen der ersten Klasse bildeten , hörte man die geflüsterten Worte