zugestimmt . Herr Carovius legte sich auf die Lauer . Er spähte in den Gesichtern der neuen Mieter und forschte nach ihrem Umgang . Er wußte , wann sie abends das Licht auslöschten und am Morgen die Fenster öffneten . Er wußte , wieviel Teppiche sie besaßen , wieviel Fleisch sie verzehrten , wieviel Kohle sie verbrauchten , wieviel Briefe sie bekamen , welche Spaziergänge sie bevorzugten , welche Personen sie grüßten und von welchen sie gegrüßt wurden . Zum Überfluß verschaffte er sich alle Schriften , die von Friedrich Benda im Buchhandel erschienen waren und las im Schweiße seines Angesichts die schwierigen wissenschaftlichen Untersuchungen . Er ärgerte sich , daß ihm das Urteil darüber fehlte , und hätte jeden umarmt , der ihm gesagt hätte , es seien nichtswürdige Machwerke . Als er einmal im Frühjahr um die Dämmerstunde in den Hof ging , um dem Hunde Cäsar Futter zu reichen , gewahrte er , emporblickend , seine Schwester Margaret oben auf der Galerie . Sie sah ihn nicht , sie blickte ebenfalls empor , denn auf der Galerie im zweiten Stock , schräg ihr gegenüber , stand Friedrich Benda und erwiderte stumm ein stummes Zeichen , das sie ihm gemacht . Dann schauten sie einander bloß an , bis Margaret endlich ihren Bruder bemerkte und lautlos hinter der grünverhangenen Glastür verschwand . Oho , dachte Herr Carovius , da geht etwas vor . Eine wohltätige Aufregung durchrieselte seine Adern . Von nun an mied er den Hof . Aber er saß stundenlang jeden Tag in einer Kammer , von wo er durch einen Spalt zwischen den Gardinen die Fenster und Galerien genau beobachten konnte . Er entdeckte , daß vom ersten in den zweiten Stock durch die veränderten Stellungen eines Blumentopfes auf dem Geländer bestimmte Signale gegeben und daß die Signale erwidert wurden , indem oben ein gelbes Tuch bald an einem Längs- , bald an einem Querbalken flatterte . Bisweilen trat Margaret scheu hervor und sandte einen Blick in die Höhe , bisweilen kam Benda , blieb an der Brüstung stehen und verlor sich in anscheinend trübe Gedanken . Beide zusammen ertappte Herr Carovius nur noch ein einziges Mal ; er riß den Fensterflügel auf und steckte das Ohr in die Öffnung , aber da wurde in einem Nachbarhof eine Kiste zugehämmert , und infolge des Lärms konnte er nicht verstehen , was sie sagten . Seit jenem Tag hatten sie einander keine Signale mehr gegeben und sich auf den Galerien nicht mehr gezeigt . Herr Carovius rieb sich die Hände bei dem Gedanken , daß der majestätische Andreas Döderlein am Ende gar Hörner aufgesetzt bekäme ; aber seine Freude verringerte sich durch die Vorstellung , daß zwei andere Personen aus diesem Unternehmen einen Gewinn zogen . Dies durfte nicht sein , dem mußte gesteuert werden . So stand er manchmal am Abend in dem schmalen Flur vor seinen Stuben , der Schlafrock hing ihm faltenreich um den dürren Leib , und die brennende Kerze tragend , lauschte er in die Stille des Hauses . Auch kam es vor , daß er spät in der Nacht mit einer Blendlaterne Schritt um Schritt die Treppen hinaufging und lauschte , gierig lauschte . Es war etwas in der Luft , das ihm Kunde zutrug von geheimen und schändlichen Beziehungen . Trug es ihm auch Kunde zu von der Verdunkelung in Margarets Geist und Gemüt ? Von ihrer Gewissensangst und dem wachsenden Wahn ihres geschreckten und für immer gebrochenen Herzens ? Später erfuhr er von Ausbrüchen törichter Angst um das Leben des Kindes ; daß sie das Kind nicht mehr von ihrer Seite lassen wollte ; daß ihr die natürliche Körperwärme als eine fieberhafte Verfassung erschienen war und daß sie jeden Morgen an Dorotheas Bett gejammert , das Mädchen auf den Arm gehoben , den Puls befühlt , den Körper in Decken gehüllt hatte und Nacht für Nacht wachend und betend neben der ruhig Schlummernden gesessen war . So erzählte später die Magd . Eines Tages kam Herr Carovius nach Hause und sah einen Krankenwagen und gaffende Menschen vor dem Tor . Da ging er die Stiege hinauf und hörte ein dumpfes Wimmern . Margaret wurde von zwei Männern aus der Wohnung geschleppt und Andreas Döderlein schritt mit anklagendem Gesicht hinterher . Die Zimmertür war offen , drinnen lagen Scherben von Gläsern und Geschirr , und mitten in den Scherben saß Dorothea , die Lippen zum Weinen verzogen , die Stirn mit einem Tuch umbunden . Die Magd stand händeringend auf der Schwelle , und auf einer Treppenstufe zum zweiten Stock stand bleich und verstört Friedrich Benda . Margaret wehrte sich nur noch schwach ; ihre Augen flohen zurück und suchten das Kind . Herr Carovius vergrub die Hände in den Taschen seines Mantels und folgte der traurigen Karawane bis auf die Straße . Das arme Weib wurde in die Irrenanstalt nach Erlangen gebracht . Herr Carovius sagte sich , daß hier Schuldige sein mußten , und schwor , daß er die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen wolle . Nicht aus Schmerz , nicht aus Bruderliebe , sondern aus Haß gegen eine bewegte Welt , in deren Mitte er zur Unbeweglichkeit verdammt war . 5 Von Döderleins Magd war wenig zu erfahren und die Bemühung , aus der kleinen Dorothea etwas herauszuholen , war ebenfalls fruchtlos . Dorothea war immer mit sich selbst beschäftigt , mit ihrem Putz , mit ihren Spielen , mit ihren kleinen Erlebnissen , und sie hörte kaum zu , wenn er sie auf der Stiege anhielt und seine schlau ersonnenen Fragen stellte . Eines Tages fuhr er nach Erlangen , um seine Schwester in der Irrenanstalt zu besuchen . Möglicherweise , dachte er , gibt sie mir irgendeinen Aufschluß über das Geheimnis . Margaret saß in einem Winkel der Kammer und strählte unaufhörlich ihr langes , gelbes Haar . Ihr Auge war zu Boden gerichtet , und keine List des Bruders war imstande , ihr nur ein einziges Wort zu entlocken . Der Arzt sagte :