und durch die großen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte an Reichtum immer noch zugenommen habe . » Das Unglück ist nur , daß des Geistes Gefäß zu eng ist , um alles aufzunehmen , « schloß er enthusiastisch . » Und selbst , wenn es groß genug dafür wäre , « meinte Konrad , » was hättest du davon , jeden Stern benennen , die Liebesregungen jedes Wurms beobachten , die Wirkungen jedes Elements berechnen zu können ? « » Was ich davon habe , du griesgrämiger Träumer ? ! « rief Walter , » was ich weiß , besitze ich ; zum Herrn der Welt macht mich die Erkenntnis . « » Die Erkenntnis vielleicht ! Aber du begeisterst dich nur für Kenntnisse - « Walter blieb mitten auf der Straße stehen , um dem Freunde gerade ins Gesicht zu sehen . » Versuch ' s einmal , Konrad , « sagte er eindringlich , » versuch ' s ernsthaft , konsequent , dir diese gering geachteten Kenntnisse anzueignen , die aller Erkenntnis Grundlage sind . Man muß überall von der Pieke auf dienen , wenn man etwas Tüchtiges werden will ; du hast nach einem Gipfel stürmen und die ermüdende Talwanderung vermeiden wollen . « » Ganz richtig , « antwortete Konrad heiter - der goldene Herbstglanz in der Luft , der die Baumreihen der einzigen königlichen Straße Berlins umspielte , hatte auch an seinem Himmel die Wolken verscheucht , so daß er in der Ferne , traumhaft , die siegkündende Göttin über dem Säulentor verheißungsvoll leuchten sah - » mit achtzig Pferdekräften durch die Täler sausen , nur auf die Gletscher und Felsen zu Fuß , das entspräche meiner Begierde . Aber du weißt ja , ich füge mich , da dieses Zeitalter das der Herden ist , und marschiere in Reih und Glied . « Er blätterte in seinem Notizbuch und zog den Freund mit sich fort . » Rasch - ich versäume den Anschluß : Einführung in die Nationalökonomie . « Er wurde ein ungewöhnlich fleißiger Student , der seinen Lehrern auffiel , aber es lag etwas Krampfhaftes in seinem Fleiß , und wenn Warburg , erstaunt über die Zähigkeit , die er entwickelte , seiner Freude darüber Ausdruck gab , sah er ihn mit spöttisch gekräuselten Lippen und einem eigenen Lächeln an , hinter dem eine wesenlose Trauer sich zu verbergen schien . Eulenburg erklärte ihm in seiner derben Weise wiederholt , daß es ein Zeichen beginnenden Irrsinns sei , morgens Philosoph , mittags Nationalökonom , nachmittags ein Sozio- , Physio- , Zoo- , oder sonst ein Loge zu sein - statt dem Feuergott lieber in irgendeiner Form persönlich zu dienen - und nachts infolgedessen eine Schlafmütze . Seine dringenden Einladungen , ihn in die Bars und Kabaretts zu begleiten , schlug Konrad ab ; statt dessen saß er zu Hause über den Büchern , die er sich fast täglich , wenn irgendein neues Thema ihn gepackt hatte , aus den Bibliotheken heimbrachte , oder besuchte , von Pawlowitsch angeregt , die Bildungskurse der Arbeiter , wobei ihn , wie er ehrlich gestand , die Zuhörer mehr interessierten als die Vorträge , und der Vortragende mehr als das , was er vortrug . Gleich an jenem ersten Abend , zu dem er durch den Russen eingeladen worden war , hatte er sich in seinen tiefgewurzelten Neigungen verletzt gefühlt , und der Aufruhr , in den er dadurch geraten war , hatte ihn die eigenartige Umgebung , in der er sich befand , fast vergessen lassen . Pawlowitsch sprach über die deutsche Literatur nach Goethe und kritisierte dabei die Romantiker als reaktionäre , aller Wirklichkeit abholde Träumer , die , von ungreifbaren Sehnsüchten erfüllt , zu schwach , um sich kämpfend den elenden Verhältnissen der Zeit entgegenzuwerfen , in der Weltflucht ihr Heil gesucht und das Leben zum Spiel gemacht hätten . Das Bild des alten Habicht , seines in Hochseß fast ein wenig geringschätzig behandelten Lehrers , tauchte in Konrads Erinnerung auf , wie er dem Knaben zuerst mit vor Rührung zitternder Stimme Hölderlins Hyperion vorgelesen hatte . Seitdem war der Dichter ihm ein Freund geworden , die ganze Periode der Romantik eine so vertraute , daß er sich unter den Schlegel und Tieck , den Brentano und Hardenberg heimisch fühlte und ihre Bücher ihn in der Bamberger Pension die kalte Fremde der Gegenwart oft genug verschmerzen ließen . Und Pawlowitsch kannte einen Hölderlin kaum , und die Gestalten einer Bettina Arnim , einer Caroline Schlegel erschienen in seiner Schilderung wie Typen überspannter Weiber . Kaum hatten sie sich nach dem Vortrag im Speisesaal des Gewerkschaftshauses wieder zusammengefunden - einem überaus nüchternen , schlecht erleuchteten und noch schlechter gelüfteten Raum , der an jenem Tage infolge des endlos plätschernden Regens draußen , und der vielen tropfenden Kleider und Schirme drinnen , besonders düster und ungastfreundlich war , - als Konrad seiner Empfindungen nicht mehr Herr blieb und ihnen lebhaften Ausdruck geben mußte . Pawlowitsch lächelte überlegen . » Die neue Jugend ! « sagte er , » sie ähnelt verzweifelt der von mir nach Ihrer Ansicht so übel behandelten von damals . Aber selbst , wenn Sie recht hätten , wenn ich mich wirklich einer Geringschätzung großer Künstler schuldig gemacht hätte - , was ich bestreite , denn es kommt auch in der Kunst nicht auf Inhalte , sondern auf Wirkungen an , - und Sie mich davon überzeugen könnten , ich würde meinen Vortrag nicht um einen Satz ändern . « » Also gegen Ihre Überzeugung sprechen , « unterbrach ihn Konrad entrüstet . Pawlowitsch machte eine abwehrende Handbewegung : » Ruhe , Ruhe , junger Freund ! Geschmack hat , noch dazu , wenn er schlecht ist , mit Überzeugung nichts zu tun . Wohl aber stehen meine Vorträge wie unsere ganze Bildungsarbeit innerhalb des Proletariats überhaupt im Dienste einer Überzeugung : der des Sozialismus , der des Klassenkampfes . Besser , hundertmal besser - « seine Augen begannen zu funkeln und sein