hinter ihnen im Dunkel ahnte man die phantastisch fratzenhaften Gestalten riesiger Götzen , die Verzerrungen der Drachen an den geschnitzten Decken , die Ocker-und Rosttöne uralter Vergoldungen . Zu bestimmten Stunden rief die große bronzene Tempelglocke , die von außen angeschlagen wird , mit dumpfem Dröhnen durch all die vielen Höfe , die Pavillons , Hallen und Zellen . Dann kamen die Priester in langen Reihen angezogen , den buddhistischen Rosenkranz zwischen den dünnen , gelben Fingern haltend . Sie schritten die Stufen zur Terrasse hinauf , wo unter uralten weißstämmigen Bäumen Gedenksteine verstorbener Mönche stehen ; schritten vorbei an mächtigen bemoosten Steinschildkröten , die auf ihren Rücken hohe Stelen tragen , mit Inschriften zu Ehren des kaiserlichen Tempelerbauers . Und weiter hinan glitt der lange Zug der Priester , verschwindend endlich hinter den hohen Türen aus durchbrochenem Holzwerk ins Innere des heiligen Tempels . - Da schien es zuerst ganz dunkel , aber allmählich tauchten im Hintergrund drei Gestalten auf , riesengroß und von mattem , wie mit Schleiern bedecktem Goldglanz . Die drei Buddhas der Vergangenheit , Gegenwart und Zukunft waren es , die seit Jahrhunderten da auf hohen Steinsockeln thronen und mit metallenen Augen und ewig gleichem Lächeln zuschauen , wie das Heute zum Gestern wird und immer wieder ein neues Morgen auftaucht . Vor jedem von ihnen standen auf langem Tische die fünf Altargeräte , Räuchergefäß , Vasen und Leuchter , auch sie von staubigem Goldton , wie alles in dem großen spukhaften Raume . Und weiter erspähte man im Dunkel , an den Seitenwänden in stiller Erwartung sitzend , zwei Reihen feierlicher Figuren von Boddhisattwas , deren neidenswerte Aussicht es ist , dermaleinst als Buddhas wiedergeboren zu werden . Uralt und traumhaft schien das alles . Uralt und traumhaft auch die Zeremonien der Priester , ihr eintöniges Singen mit dem begleitenden Taktschlagen auf Holztrommel , Bronzeschelle und Klingstein , ihr langes Knien auf den gelbseidenen zerschlissenen Betkissen , ihr lautloses Schreiten auf den ockerfarbenen samtigen Teppichen mit den verblaßten bläulichen Drachen . - Die Taitai wollte alles bis ins genaueste sehen , auch jene Halle , wo all die schaudererregenden Strafen und Torturen , über die die chinesische Hölle so reichlich verfügt , mit dem Genie des Gräßlichen dargestellt waren . Tschun mußte sie bei solchen Wanderungen stets begleiten und den Kodak tragen . Auch versuchte sie durch ihn Gespräche mit den Priestern anzuknüpfen , und zu seinem großen Erstaunen lächelte sie die Geschorenen mit den gelben Wachsgesichtern dabei an , wie sie es sonst eigentlich nur für den hübschen weißen Herrn tat . Aber die Bonzen starrten ganz stier und unempfänglich vor sich hin . Da lachte die Taitai so hell und laut , wie die Buddhas und Boddhisattwas es in ihrer feierlichen Stille sicherlich nie vorher vernommen . Abends beim Diner aber in dem offenen Hof , wo die Leuchtkäfer schwirrten , deren Vorfahren einst Konfuzius und seinen Schülern als Lichter gedient haben sollen , erzählte sie dann den europäischen Herren , diese chinesischen Priester wendeten sich offenbar von ihr ab , weil sie in ihr eine Versuchung witterten , die sie vom Weg zum Nirwana ablenken könnte , es seien doch wahrlich Leute von großer Tugend ! Doch einer der gelehrten fremden Dolmetscher meinte , es sei wohl eher großer Stumpfsinn . Und Tschun gab ihm im stillen recht . Er verachtete diese ganze heidnische Umgebung , und gleichzeitig war sie ihm unheimlich , und er wunderte sich , wie die Taitai , die doch aus einem Lande des wirklichen lieben Gottes kam , sich für all das so sehr begeistern konnte . Aber er hatte ja überhaupt schon gemerkt , daß man in den Gesandtschaften nicht so viel vom wirklichen lieben Gott hielt wie bei den Priestern und Nonnen des Petang . Besonderes Wohlgefallen fand die Taitai an einer Halle , die Tsä schen , dem Gott des Reichtums , geweiht war . Breit , fett und grinsend saß er da , auf den quellenden Geldsack gestützt , und blinzelte schlau und wohlgefällig auf seinen schwammigen Bauch herab . Diese Halle war , wie alle Räume , wo Götzen standen , nicht an die Fremden vermietet worden . Aber gerade das reizte die Taitai . Sie begann vor Tsä schen Blumensträuße aufzustellen und ihm mit vielen Verneigungen Räucherkerzen zu bringen . Ganz von ungefähr waren dann eines Tages ihre Staffelei und Klappstuhl in der Halle stehen geblieben und am nächsten Tag hatten sich ein Tisch und Büchergestell auch dahin verirrt . Teppiche und Sessel mit weichen bunten Kissen folgten . So ward Tsä schens Halle ganz unmerklich zu der Taitai eigentlichem Wohngemach , und die Bonzen ließen schweigend diese Umwandlung geschehen , die die Taitai mit soviel ehrfurchtsvollen Gebärden vor dem fetten Tsä schen zu begleiten wußte . Die Taitai war sehr stolz auf diese Ausdehnung ihrer Einflußsphäre ; sie nannte es eine erfolgreiche » pénétration pacifique « . Dem staunenden Tschun aber erzählte sie , dem Gott des Reichtums würden auch in ihrer fernen Heimat allerwärts Altäre errichtet , und unter allen Göttern zähle keiner so viel Anhänger und Bittsteller wie er . - Und das wollten nun Christen sein ! Fürwahr über alles Verstehen erstaunlich erwiesen sich doch immer wieder diese Fremden ! Sie waren wie Wege , die stets neue , unerwartete Ausblicke bieten . Bei dem Treiben der ausländischen Gäste und ihrer zahlreichen Gefolgschaft war » die unendliche Stille « geflohen . Nur nachts senkte sie sich wieder auf die ihr geweihte Stätte hernieder . Da war das Lachen und Sprechen der barbarischen Westländer verstummt . Bloß die Quelle hörte man vom Berge herabrieseln , und die zahllosen Nachkommen jener Zikaden , die der Kaiser Chien lung einst aus Jehol den Mönchen zur Zerstreuung mitgebracht , zirpten dazu in den Bäumen ihre eintönige Weise . Einmal allnächtlich auch dröhnte dumpf die bronzene Glocke , die die Priester zu andächtiger Uebung in den Tempel rief . Lautlos glitten sie im Dunkel dahin durch die Hallen und Höfe .