, und wie am Nachmittag bewegten die zusammengesteckten Tüllvorhänge sich leise im Wind . Dahinter war es ganz dunkel . Eine sanfte Zärtlichkeit regte sich in Georg . Von allen Wesen , die jemals ihre Neigung ihm nicht verhehlt hatten , schien Anna ihm die beste und reinste . Auch war sie wohl die erste , die seinen künstlerischen Bestrebungen Teilnahme entgegenbrachte , eine echtere jedenfalls als Marianne , der die Tränen über die Wangen gerollt waren , was immer er ihr auf dem Klavier vorspielen mochte ; eine tiefre auch als Else Ehrenberg , die sich ja doch nur das stolze Bewußtsein sichern wollte , als erste sein Talent erkannt zu haben . Und wenn irgend eine , so war Anna dazu geschaffen , seinem Hang zur Verspieltheit und zur Nachlässigkeit entgegenzuwirken , ihn zu zielbewußter und erwerbbringender Tätigkeit anzuhalten . Schon im letzten Winter hatte er daran gedacht , sich um eine Stelle an einer deutschen Opernbühne als Kapellmeister oder Korrepetitor umzusehen ; bei Ehrenbergs hatte er flüchtig von seinen Absichten gesprochen , die nicht sehr ernst genommen wurden , und Frau Ehrenberg , mütterlich und weltklug , hatte ihm geraten doch lieber eine Tournee als Komponist und Dirigent durch die Vereinigten Staaten zu unternehmen , worauf Else vorlaut hinzugefügt hatte : » Und eine amerikanische Erbin wär auch nicht zu verachten . « Während er sich dieses Gesprächs erinnerte , behagte er sich sehr in der Idee , ein bißchen in der Welt herumzuabenteuern , wünschte sich , fremde Städte und Menschen kennen zu lernen , irgendwo im Weiten allerlei Liebe und Ruhm zu gewinnen , und fand am Ende , daß seine Existenz im ganzen viel zu ruhig und einförmig dahinflösse . Längst , ohne innerlich von Anna Abschied genommen zu haben , hatte er die Paulanergasse verlassen und bald war er zu Hause . Als er ins Speisezimmer trat , sah er , daß aus dem Zimmer Felicians Licht schimmerte . » Guten Abend , Felician « , rief er laut . Die Türe wurde geöffnet , und Felician , noch völlig angekleidet , trat heraus . Die Brüder reichten sich die Hände . » Du kommst auch erst jetzt nach Hause ? « sagte Felician . » Ich habe gedacht , du schläfst schon lang . « Während er sprach , sah er , wie das seine Art war , an ihm vorbei und neigte den Kopf nach der rechten Seite . » Was hast du denn getrieben ? « » Ich war im Prater « . erwiderte Georg . » Allein ? « » Nein , ich habe Leute getroffen . Den Oskar Ehrenberg mit seiner Dame und den Schriftsteller Bermann . Wir haben geschossen und sind Rutschbahn gefahren . Es war ganz lustig ... Was hast du denn da in der Hand ? « unterbrach er sich . » Bist du so spazieren gegangen ? « fügte er scherzend hinzu . Felician ließ den Degen , den er in der Rechten hielt , im Licht der Lampe schimmern . » Ich habe ihn eben von der Wand herunter genommen . Morgen fang ich wieder ernstlich an . Das Tournier ist schon Mitte November . Und heuer will ichs auch gegen Forestier versuchen . « » Donnerwetter « , rief Georg . » Eine Unverschämtheit , denkst du dir , was ? Aber bis Mitte November ist noch lang . Und das merkwürdige ist , ich habe das Gefühl , als wenn ich heuer im Sommer , gerade in den sechs Wochen , während ich das Ding da gar nicht in der Hand gehabt habe , was zugelernt hätte . Es ist , wie wenn mein Arm indessen auf neue Ideen gekommen wäre . Ich kann dir das nicht recht erklären . « » Ich verstehe schon , was du meinst . « Felician hielt den Degen ausgestreckt vor sich hin und betrachtete ihn mit Zärtlichkeit . Dann sagte er : » Ralph hat sich nach dir erkundigt , Guido auch ... schad , daß du nicht mit warst . « » Hast du den ganzen Nachmittag mit ihnen verbracht ? « » O nein ! Nach dem Essen bin ich zu Haus geblieben . Du mußt grad fortgegangen sein . Ich hab studiert . « » Studiert ? « » Ja . Ich muß mich jetzt ernstlich dranmachen . Im Mai spätestens will ich die Diplomatenprüfung ablegen . « » Du bist also vollkommen entschlossen ? « » Absolut . In der Statthalterei zu bleiben hat wirklich keinen Sinn für mich . Je länger ich drin sitz ' , umso klarer wird mir das . Die Zeit wird übrigens nicht verloren sein . Sie haben ' s gar nicht ungern , wenn einer ein paar Jahre internen Dienst gemacht hat . « » Da wirst du also wahrscheinlich schon im Herbst von Wien fortgehen ? « » Es ist anzunehmen . « » Und wo werden sie dich hinschicken ? « » Ja , wenn man das schon wüßte . « Georg sah vor sich hin . So nahe also war der Abschied ! Doch warum berührte ihn das plötzlich so sehr ? ... Er selbst war ja entschlossen fortzugehen , und erst neulich hatte er mit dem Bruder von seinen Absichten fürs nächste Jahr geredet . Glaubte der noch immer nicht an ihren Ernst ? Wenn man sich doch wieder einmal mit ihm aussprechen könnte , brüderlich , herzlich wie an jenem Abend nach des Vaters Begräbnis . Wahrhaftig , nur wenn das Leben ihnen düster sich enthüllte , fanden sie ganz zueinander . Sonst blieb immer diese seltsame Befangenheit zwischen ihnen beiden . Das konnte offenbar nicht anders werden . Man mußte sich eben bescheiden , miteinander plaudern , in der Art von guten Bekannten . Und wie resigniert fragte Georg weiter : » Was hast du denn am Abend gemacht ? « » Ich habe mit Guido soupiert und einer interessanten jungen Dame . « » So ? «