fragte Daumer , was er treibe . Caspar richtete den bis zur Trunkenheit vertieften Blick auf ihn und antwortete leise : » Ich war im großen Haus ; die Frau hat mich bis zum Springbrunnen im Hof geführt . Sie hat mich zu einem Fenster hinaufschauen lassen ; droben ist der Mann im Mantel gestanden , sehr schön anzuschauen , und hat etwas gesagt . Danach bin ich aufgewacht und habs geschrieben . « Daumer machte Licht , nahm das Blatt , las , warf es wieder hin , ergriff beide Hände Caspars und rief halb bestürzt , halb erzürnt : » Aber Caspar , das ist ja ganz unverständliches Zeug ! « Caspar starrte auf das Papier , buchstabierte murmelnd und sagte : » Im Traum hab ich ' s verstanden . « Unter den sinnlosen Zeichen , die wir aus einer selbsterdachten Sprache waren , stand am Ende das Wort : Dukatus . Caspar deutete auf das Wort und flüsterte : » Davon bin ich aufgewacht , weil es so schön geklungen hat . « Daumer fand sich verpflichtet , den Bürgermeister von den Beunruhigungen Caspars , wie er es nannte , in Kenntnis zu setzen . Was er befürchtet hatte , geschah . Herr Binder der Sache eine große Wichtigkeit bei . » Zunächst ist es geboten , dem Präsidenten Feuerbach einen möglichst ausführlichen Bericht zu geben , denn aus diesen Träumen können sicherlich ganz bestimmte Schlüsse gezogen werden « , sagte er . » Dann mache ich Ihnen den Vorschlag , mit Caspar einmal in die Burg hinaufzugehen . « » In die Burg ? Warum das ? « » Es ist so eine Idee von mir . Da er immer von einem Schlosse träumt , wird ihn der Anblick eines wirklichen Schlosses vielleicht aufrütteln und uns bestimmtere Anhaltspunkte geben . « » Ja , glauben Sie denn an eine reale Bedeutung dieser Träume ? « » Ganz unbedingt . Ich bin davon überzeugt , daß er bis zu seinem dritten oder vierten Lebensjahr in einer derartigen Umgebung , gelebt hat und daß mit dem neuen Erwachen zum Leben und zum Selbstbewußtsein die Erinnerungen an die frühere Existenz auf dem Weg der Träume Form und Inhalt gewinnen . « » Eine sehr naheliegende , sehr nüchterne Erklärung « , bemerkte Daumer gallig . » Also der Hintergrund dieses Schicksals wäre nichts weiter als eine gewöhnliche Räubergeschichte . « » Eine Räubergeschichte ? Mir recht , wenn Sie es so nennen . Ich verstehe nicht , weshalb Sie sich dagegen wehren . Soll der Jüngling aus dem Mond heruntergefallen sein ? Wollen Sie irdische Verhältnisse für ihn nicht gelten lassen ? « » O gewiß , gewiß ! « Daumer seufzte . Dann fuhr er fort : » Ich schmeichelte mir mit andern Hoffnungen . Das Grübeln und Verlangen nach rückwärts ist eben das , was ich Caspar ersparen wollte . Gerade das Freie , Freischwebende , Schicksallose war es ja , was mich so stark an ihm ergriffen hat . Außerordentliche Umstände haben diesen Menschen mit Gaben bedacht , wie kein andrer Sterblicher sich ihrer rühmen kann ; und das soll nun alles verkümmern , abgelenkt werden in das Gleis von Erlebnissen , die ja an sich tragisch genug sein mögen , aber doch nichts Ungemeines an sich haben . « » Ich verstehe , Sie wollen den mystischen Nimbus nicht zerstören « , versetzte der Bürgermeister mit etwas pedantischer Geringschätzung . » Aber wir haben größere Pflichten gegen den Mitmenschen Caspar Hauser als gegen das Unikum Caspar Hauser . Lassen Sie sich das ernstlich gesagt sein , lieber Professor . Es erscheinen heutzutage keine Engel mehr , und wo Unrecht geschehen ist , muß Sühne sein . « Daumer zuckte die Achseln . » Glauben Sie denn , daß Sie damit etwas zum Heile Caspars tun ? « fragte er mit einem Ton von Fanatismus , der dem Bürgermeister lächerlich erschien . » Nur Erdenschwere und Erdenschmutz heften Sie ihm an . Schon jetzt erhebt sich ja ein Gezänke um ihn , daß mir mein Anteil an seiner Sache verbittert wird . Es werden böse Geschichten zutage kommen . « » Das sollen sie ; wenn sie nur zutage kommen « , erwiderte Binder lebhaft . » Im übrigen tue jeder , was seines Amtes . « Am nächsten Vormittag stellte sich der Bürgermeister in Daumers Wohnung ein , und sie gingen mit Caspar zur Burg hinauf Herr Binder läutete an der Pförtnerwohnung ; der Pförtner kam mit einem großen Schlüsselbund und geleitete sie hinüber . Als sie vor dem mächtigen zweiflügeligen Tor standen , war es , als ob sich Caspars Gesicht plötzlich entschleiere . Er reckte sich auf , sein Oberleib bog sich nach vorn , und er stammelte : » So eine Tür , genau so eine Tür . « » Was meinst du , Caspar , was schwebt dir vor ? « fragte der Bürgermeister liebevoll . Caspar antwortete nicht . Mit gesenktem Auge und nachtwandlerischer Langsamkeit schritt er durch die Halle . Die beiden Männer ließen ihn vorangehen . Immer nach ein paar Schritten blieb er stehen und sann . Seine Erschütterung wuchs zusehends , als er die breite Steintreppe hinaufstieg . Oben blickte er sich seufzend um ; sein Gesicht war bleich , die Schultern zuckten . Daumer hatte Mitleid mit ihm und wollte ihn seiner Hingenommenheit entreißen , doch wie er zu sprechen begann , sah ihn Caspar mit einem fernweilenden Blick an , lispelte : » Dukatus , Dukatus « und lauschte dabei , als wolle er dem Wort einen heimlichen Sinn abhorchen . Er gewahrte die lange Reihe der Burggrafenbildnisse an den Wänden , er schaute durch die Flucht der offenen Säle , er stand in der Galerie und schloß die Augen , und endlich , auf eine leise Frage des Bürgermeisters , wandte er sich um und sagte mit erstickter Stimme , es sei ihm so , als habe er einmal ein solches Haus gehabt