einen wichtigen Gedanken bemerkte , dann legte er ihr die Hände auf die Schultern und schaute ihr fest ins Gesicht . » Willst du , willst du nächsten Winter am Kadettenball meine Tänzerin sein ? Es wird dir nicht zur Unehre gereichen , denn im Spätherbst werde ich Offizier . Dann erscheine ich im Tanzsaal mit einem Schleppsäbel und einer breiten roten Schärpe ; Quasten und Fransen an der Schärpe , die bis ans Knie reichen ; in den Kragen und in die Aufschläge der Ärmel ( schwarzsamt , wie du siehst ) kommen dann noch goldgestickte Granaten ; Lackstiefel und weiße Hosen verstehen sich von selbst . Also , willst du ? Gesima ? « » Unter der Bedingung , daß du mir eine Verbeugung machst . « Da wippte er mit dem Oberkörper . » Ja , aber von einem Offizier verlange ich bessere Verbeugungen , hübschere , gefälligere . Du verbeugst dich so , daß man dir ansieht , du bist einmal ein Storch gewesen . Komm , ich will dichs lehren . « Und führte ihn abseits in den Schatten eines Nußbaumes und erteilte ihm dort auf dem Rasen eine kleine Ergänzungstanzstunde . Als ers schließlich leidlich hübsch konnte , gaben sie sich die Hand und verlobten sich feierlich zum Kadettenball . Nachher setzten sie ihre Reise fort , nunmehr als erklärte Freunde und Kameraden , traulich und herzlich . Die junge Eintracht machte sie so vergnügt , daß sie von selber zweistimmig zu singen anfingen , immer die nämliche Melodie : das jubelnde Siegesthema aus der Regimentstochter , das ihnen , je öfter sie es wiederholten , um so lieber wurde . Während des Singens schlenkerte Gerold zum Spiel Gesimas Arm von sich , um ihn nach dem nächsten Schritt wieder aufzufangen wie einen Pendel ; und ihr Arm federte so flügelleicht , daß er dem gelindesten Druck seiner Finger nachgab . Weil er aber dazu beständig in den blauen Himmel schaute , kam ihm vor , als ob ihre Stimme nicht neben ihm , sondern dort oben jauchzte , mit himmelblauen Tönen und silbersprühenden Aufleuchtern , sooft sie eine höhere seligere Note nahm . Wer ihnen begegnete , vermählte sie mit dem Blick , lächelte ihnen wohlwollend einen Gruß zu und schaute ihnen nach . Eine Kleinkinderschar , die sie einholten , gaffte sie mit offenen Mündern an . » Nehmt euch ein Beispiel « , mahnte die Kindergärtnerin , auf Gerold und Gesima zeigend . » Tobias mit dem Engel Raphael « , vermutete ein naseweises Stimmchen aus der Kinderschar . Das verräterische Springseil Also singend gelangten sie zu einem komischen Zwergstädtchen , das bloß aus einer einzigen Straße bestand . » Weidenbach « , belehrte Gesima . Am Eingang des Städtchens stand Hansli in feindseliger Stellung , die Beine gespreizt , mit höhnischem Gebärdenspiel ein Stück Brot vorzeigend und verzehrend , in der Hoffnung , Neid zu erwecken ; aber beim Näherrücken des gefährlichen Kanoniers stahl er sich vorsichtig um die Ecke , den Durchpaß freigebend , und die Verbündeten zogen in Weidenbach ein . Appetitliche Gerüche von Fleischbrühe und Körbelkraut grüßten die Vorübergehenden ; aus kühlen , verhängten Stuben klapperten Teller und Löffel , ein sonnenfeindlicher Hut- und Handschuhladen entsandte einen muffigen Hauch fremdländischen Aroms . Durch schwarze Hausflure gewahrte man besonnte Hofwinkelchen , ähnlich den Sentisbrugger Glückseligkeiten , nur auf andern Stengeln . Auf der Schattenseite der Straße trieb ein Scherenschleifer seinen Wetzstein , daß das Schnurren und Kritzen das stille Städtchen erfüllte . Neben ihm erschien , aus einem Hausgang tretend , von einem Völklein neugieriger Kinder gefolgt , eine Magd mit einer Mäusefalle , gleichgültigen Blickes das Städtchen nach Zerstreuungen absuchend , als ob sie ein Haushaltungsgeschäft besorgte wie ein anderes . Eine aufgeregte Katze schmiegte sich kosend an ihre Füße , weiche , flehende Töne gespannter Mordlust jammernd . Schaudernd beschleunigte Gerold seine Schritte und schaute kummervoll zum Himmel , ob nicht das teuflische Henkerspiel dort oben einen Schmutzfleck in der Welt zurücklassen werde . Neben der Herzensangst des Mitleids quälte ihn überdies ein dumpfes Schuldgefühl , da ihm sein Gewissen zuflüsterte , alles , was immer geschehe , gehe die Verantwortlichkeit sämtlicher Gegenwärtiger an . Und dazu surrte das Rädchen des Scherenschleifers geschäftig weiter , und seine scharfen Messer kreischten so schrill , daß es einen bis ins Knochenmark fror , wenn man sich an die Stelle des Wetzsteines lebendiges Fleisch dachte . Als er aber seinen Abscheu vor dem schauderhaften Benehmen der Katzen mit den Mäusen aussprach , wurde er von Gesima gescholten . » Geschieht den Mäusen nichts als recht « , urteilte sie , » warum fressen sie die Vorhänge ! « Vor einem Zuckerbäckerladen am Ausgang des Städtchens gestand Gesima , Hunger zu verspüren . » Ich habe kein Geld « , bedauerte Gerold . » Hingegen ich ! fünfzig Rappen ! « Und überredete ihn einzutreten . » Guten Tag , Kinder , was ist euch gefällig ? « fragte die freundliche Verkäuferin . Nach einigem Zaudern entschied sich Gesima für Pomeranzen . » Wieviel für fünfzig Rappen ? « » Vier , und eine fünfte obendrein , weil ihrs seid . Aber ist das nicht , oder täusche ich mich , Gesima Weißenstein von Bischofshardt ? Wie kommen denn Sie dazu , Fräulein , am heißen Mittag zu Fuß auf der Landstraße zu reisen ? Wollen Sie nicht vielleicht ein wenig ausruhen und einen Teller Suppe essen ? « Doch Gesima verneinte dankend . Jenseits des Städtchens spähten sie nach einem Plätzchen , wo sie die Pomeranzen am behaglichsten verspeisen könnten . Über dem Straßenbord auf der Höhe eines Wiesenraines ruhten zwei Heuwagen , haushoch überladen , zur Heimfahrt bereit , aber noch nicht mit Pferden bespannt . In den Zwischenraum dieser beiden Wagen setzten sie sich wie in ein Stübchen , mit einer leuchtenden , weißen Wolke zum Dach . Nun klaubte das Mädchen mit der Daumenbreite die dicken , pelzigen Goldschalen zu einem Kranz auseinander und bot das