geworden und schämte sich , denn er dachte , sie wolle ihn hänseln . So behielt sie ihre stille Neigung , wie er von Hause fortkam auf die Schule und wie er erwachsener wurde und auf die Universität ging ; aber weil sie eine herbe und verschlossene Natur war und ohne Zutunlichkeit , so verspürte niemand etwas von dem , was sie heimlich bei sich dachte . Und auch der Student seinerseits , der durch seine Jahre selbstbewußter geworden war , wie er als Junge gewesen , dachte viel an sie mit Liebe und Hoffnung , nur hatte er noch so viel Schüchternheit , daß er ihre Begegnung mied , und spann sich noch mehr in seiner tabaksqualmigen Dachstube ein , wie er es sonst getan hätte ohne seine liebende Gesinnung . Wie er seine Examina bestanden und hoffen durfte , daß er in wenigen Jahren eine Pfarre bekommen werde , da dachte er wohl , daß er nun wagen dürfe , mit ihr zu sprechen über das , was er im Herzen hatte . So geschah es , daß er einst an einem Sonntagnachmittag nach der Predigt mit ihr durch die Felder ging , und auf beiden Seiten stand der hohe Roggen , untermischt mit Kornblumen und roten Kornrosen . Und wiewohl er ihr nur ganz alltägliche Dinge erzählte aus Scheu , so spürte sie doch durch ein geheimes Überfließen seines Herzens , was er sagen wolle ; aber da überfiel sie mit einem Male eine namenlose Angst und eine heftige Scham , und das spürte er sofort , und zwar hatte er in seinem Herzen eine Bewegung , die das richtig deutete , und er hatte Lust , sie in seinen Arm zu nehmen und an die Brust zu drücken , aber da überkam ihn aus einem andern Winkel seiner Seele plötzlich ein lähmendes Mißtrauen und eine Furcht , so daß sich alle Gefühle in ihm zurückzogen als erschreckt , und ihm ganz starr wurde im Herzen . So redete er mit stockender Aussprache weiter , was er Gleichgültiges angefangen , und ging neben ihr her ; und ihre bebende Hand streifte einmal über das hohe Korn ; da sah er , daß ihre Hand bebte , und es begann wieder lebendig zu werden in ihm ; aber die Erstarrung war bei dem feinen Menschen zu groß , er wurde ihrer doch nicht wieder Herr , und so blieben die Worte ungesprochen zwischen den beiden , nach denen ihrer beider Herzen sich sehnten , und sie gingen stumm nach Hause . Da war aber eine Schicksalsstunde versäumt , die in langen Jahren nicht wiederkam . Sie dachte , daß sie sich wohl geirrt habe in ihrem Gefühl , daß er zu ihr neige , und er habe überhaupt keine wärmere Liebe für sie , nur für die andern ; und er meinte traurig , für sie , die große , feste und herbe Jungfrau mit den geschlossenen Lippen sei er zu gering , und sie könne ihn nicht lieb haben , sondern müsse ihre Liebe auf einen andern richten . Ohne Eifer dachte er das und mit tiefer Trauer . So vergingen Jahre ihnen beiden in stillem Sehnen , bis jenes Unglück über ihn kam mit seiner Schwester . Wie er von Hamburg zurückkehrte , da trieb es ihn , daß er zu ihr gehen mußte , die schon längst für sich gezogen war und allein hauste ; sie waren aber nun beide Menschen weit über die vierzig ; da erzählte er ihr alles , davon er doch manches gar nicht recht verstand , weder die blinde Leidenschaft der Schwäche seiner kleinen Schwester , noch die rohe Habgier der Schlechtigkeit bei dem Manne . Und wie er geendet und sie anblickte , ohne Rat und Trost , da sah er , daß in ihren Augen Tränen standen , die sie vergeblich zurückhalten wollte . » Weinst du über sie ? « fragte er . » Nein , über dich ! « rief sie in Selbstvergessenheit . Da vergaß auch er alles und fragte , als ob er träume , und lächelte dabei wie ein Kind : » Hast du mich denn lieb ? « Aber eine Erwiderung in Worten wurde nicht gegeben , sondern sie kamen zusammen mit ihren Herzen , und ihr Gesicht , das sonst unbeweglich und fest war , lag an seiner Brust und wurde von vielen Tränen überströmt . So hatten sich die beiden gefunden , nachdem sie des Lebens Höhe schon überschritten und sich seit frühen Jahren nacheinander gesehnt ; und als sie sich dann heirateten , da war es , als ob alles Glück , das für sie bestimmt gewesen und nicht verbraucht war in den langen Jahren , als ob das sich angesammelt habe und nun um sie sei , und verging kaum ein Tag , daß sie nicht darüber staunten , wie glücklich sie waren , und machten sich selbst aufmerksam auf dieses oder das in ihrem Leben , und freuten sich über sich selbst . Und das war sonderbar , daß , wer die beiden allein sah , hätte gemeint , diese ernste Frau mit dem festgeschlossenen Mund müsse dem kindlichen Mann überlegen sein , auf dessen reiner Stirn nur die einfachen Gedanken zu lesen waren , die ihn bewegten ; und sie konnte auch nicht gut mit Kindern umgehen , während dem Mann alle Kinder anhingen und ganz mit ihm sprachen wie mit ihresgleichen , welches der stärkste Ausdruck kindlicher Zuneigung ist . Wenn aber die beiden zusammenstanden , dann kam niemand mehr auf den Gedanken , der Mann könne schwächer sein wie die Frau , sondern das natürliche Verhältnis von Mann und Weib war offenkundig vorhanden , obwohl sie in vielen Dingen für ihn sorgte , daß er hätte ganz unselbständig scheinen müssen ; so schnitt sie ihm bei Tisch das Fleisch vor . Das Pfarrhaus hat für die Leute auf dem Lande etwas Festtägliches , durch die Ruhe , die wenigen Menschen in den vielen Räumen