diese Gabe anschaulicher Definition und rascher Schlussfolgerung . 20 New York , Januar 1900 . Lieber Freund , heute Nachmittag wollte ich die Frau unseres Konsuls besuchen . Ich fuhr mit der Hochbahn zu ihr , denn sie wohnt weit draussen , in einer der Strassen mit den ganz hohen Nummern , die mich immer an neuformierte , an den Grenzen aufgestellte Regimenter erinnern . Die Häuser sehen alle ganz gleich aus , man könnte jedes mit jedem verwechseln , und darin liegt wohl gerade das Militärische ; sagte mir doch mal mit Begeisterung ein junger Verwandter , der seit ein paar Wochen Leutnant war : » Vollkommene Gleichmässigkeit ist das Ziel , Verwischung der Individualitäten die erste Aufgabe . « Da ich die Frau Konsul nicht zu Hause traf , ging ich von dort aus noch etwas auf eigene Faust explorieren , was mir immer viel interessanter ist , als wenn ich von patriotischen New Yorkern herumgeführt werde , die erwarten , dass ich mich für irgendein turmartiges Haus begeistere , in dem eine Zeitung gedruckt , Korn verkauft , oder Geld gewechselt wird . Ich ging noch durch einige allerletzte Strassen . Weiter hinaus sieht es sehr bald aus , als sei man im fernen Westen . Weite leere Grundstücke erstrecken sich dort mit den seltsamsten kleinen Behausungen . Zelte , aus allen möglichen Fetzen zusammengeflickt , Löcher in die Erde gebuddelt wie Höhlen der Urzeitmenschen , daneben Hütten , die aus Latten , Kistendeckeln , verrostetem Wellblech und Stücken von Petroleumkasten zusammengezimmert sind . Eine ganze Bevölkerung mit unbestimmten Berufszweigen haust dort und treckt immer mehr hinaus , je weiter die Strassen mit den hohen Nummern vorgeschoben werden . Vielleicht prangt solch abenteuerliches Hüttchen auf der ersten Seite im Erinnerungsbilderbuch manch jetzigen Millionärs ! Das wissen auch die Leute , die heute noch in den exzentrischen Quartieren äussersten Elends kampieren müssen , und deshalb ertragen sie alles leichter , weil sie es als ein Übergangsstadium ansehen und Beispiele vor Augen haben , dass man sich emporarbeiten kann . Das macht Armut in den neuen Ländern weniger drückend . Auch dem Ärmsten schwebt immer die Möglichkeit des finanziellen Marschallstabs vor . Darum kommen sie ja auch über das grosse Wasser , um die Hoffnungslosigkeit , die alte Resignation hinter sich zu lassen . Heute war es aber unendlich melancholisch da draussen . Ein eisiger Wind wehte über das flache Land . Kältebeladen kam er aus der Richtung der grossen nordamerikanischen Seen angesaust , fegte alles vor sich her und pfiff unbarmherzig durch alle Spalten und Ritzen in die merkwürdigen Armeleutewinkelchen hinein . Ob die Bewohner all der wackligen , klappernden Hüttchen wohl auch der Ansicht waren , dass dem geschorenen Lamm der Wind bemessen wird ? Wenn man eine Sealskin-Jacke trägt , erscheint solch behaglicher Glaube immer unanfechtbar . Bei meinem heutigen Spaziergang dachte ich viel an ähnliche in Peking verlebte Wintertage . Besonders eines Rittes musste ich gedenken , den wir jetzt vor einem Jahre dort gemacht . Da war es auch so kalt , wie heute hier . Der Wind kam von der sibirisch-mongolischen Ebene hergeweht , so eisig , als könne es nie wieder Frühling werden . Der Weg dehnte sich endlos an der grauen Stadtmauer entlang . Die Türme mit den verfallenen grünen Kacheldächern standen dräuend gegen den fahlen Winterhimmel . Stellenweise lag etwas hart gefrorener Schnee . Krähen flohen krächzend vor dem Wind . Im hiesigen Winter habe ich des dortigen gedacht und ich sende Ihnen dies kleine Gedicht , das mir dabei in den Sinn kam : An den hohen Mauern der Stadt Ritten wir beide schweigend , Sprachen nicht mehr , weil alles gesagt , Horchten im Schnee auf das Schrei ' n Der schwarzen Vögel . Längst verliess ich dich , graue Stadt , Wandre allein nun schweigend , Habe keinem mein Leiden geklagt , Nur in der einsamen Seele schrei ' n Die schwarzen Vögel . Wie so oft in Peking , war mir an jenem Tage , als sei die ganze Welt erstarrt in Angst , als harre sie atemlos , Unbekanntem , Unheimlichem . - Stadt des Leidens , Stadt des Verhängnisses habe ich Peking oft genannt - und doch liebe ich die graue , düstre Stadt . Ich habe jetzt oftmals ganz deutlich die Empfindung , als gehöre ich ihr , als hielte sie mich für ewig , so fern ich ihr auch räumlich bin . Ich fürchte , ich bin wie alle Leute geworden , die in Peking gelebt haben und es nachher nicht mehr lassen können , immerwährend darüber zu reden oder zu schreiben . Das ist die Rache , die China an den weissen Menschen nimmt dafür , dass sie beinahe alle doch nur deshalb hingehen , um ihm ein Stückchen seines Bodens oder sonst irgend einen Vorteil und Besitz abzuringen-schliesslich sind sie es , die von China absorbiert werden . Lassen Sie sich nicht zu sehr absorbieren , lieber Freund ! 21 New York , Februar 1900 . Lieber Freund , meine letzte Wanderung im winterlichen New York ist mir recht schlecht bekommen . Ich bin seitdem krank gewesen an Husten und Fieber . Husten und Fieber sind ja nun schon seit Jahren die Meilensteine , die an meinem Lebensweg stehen . Schliesslich wird solch Meilenstein zu einem Kreuzchen werden . Und wohin der Weg dann weiter geht und ob es überhaupt noch einen gibt , das weiss man nicht . Es geht mir aber jetzt schon ein bisschen besser . Ich liege auf dem Sofa am Kamin . Die weisse tibetanische Ziegenfelldecke , die Sie kennen , ist über mich gebreitet . Ta geht mit bekümmertem Gesicht ein und aus . Ich weiss nicht , gilt seine Sorge mir , oder den vielen Briefen , die er in letzter Zeit von zu Hause erhalten hat . Gestern schenkte mir mein Bruder ein paar Zweige weissen Treibhausflieders . In Seidenpapier wohl eingewickelt brachte er sie von draussen mit - so ein armer