der Mond auf dem Balkon und in allen Zimmern . Sie sagte laut mit rauher Stimme : » Es wird sterben . Es ist schon tot . « Dann nahm sie alle Bücher aus dem Bort und baute sie auf dem Tische auf , ohne zu wissen , was ihre Hände machten . Sie hatte keine Gedanken , nur Bilder , immer das Kinderköpfchen mit den welken Lippen , und dann das Dorf dort oben in Graubünden : Camischolas , die grauen Schindeldächer so klein unter den mächtigen Bergen . » Über Chur , « sagte sie und begann ohne Licht nach dem Fahrplan zu suchen . Aber er war vom Winter her und diente ihr nicht . » Nini ! keine Hoffnung ! Nini ! « Sie lief in die Küche und putzte ihre Schuhe , bürstete ihr Kleid . Dann packte sie einige Sachen zusammen und stand auf dem Balkon und sah den Morgen kommen über den See . Er kam mit streifigem , dunklem Gewölk und leisem Regen , aber es war doch der Morgen ; man konnte nach dem Bahnhof gehen und den ersten Zug nehmen , reisen . » Wir haben ihr Blumen gegeben , Mama , viele blaue Glockenblumen und rote Bergnelken , aber Nini wollte sie nicht , Nini wollte nichts , « erzählte Rösli mit fragenden ängstlichen Augen . » Auch Vergißmeinnicht , Mama , und kleine weiße Lilien und Fingerhut ! Ich weiß , wo sie wachsen . Nini ist dort , ich hab es gesehen . Da in einem Loch bei der Kirche . Laure Anaise lügt immer , sie sagt , sie ist im Himmel . « Hermann beugte sich zu der Mutter Ohr : » Aber der Großvater ist sehr grob , Mama , das ist ein alter böser ! Immer hat er Nini gebadet , und sie schreit : Bitte , bitte ! ich will ganz artig sein ! Nun ist sie davon gestorben , Mama . Aber er soll es nicht hören - er kommt , Mama , er kommt ; sag es ihm nicht ! bitte , sei ganz freundlich , damit er nichts merkt . « Dann lief er dem Großvater zu und schmeichelte : » Wir haben die Mama gefunden ! Sie ist in Rueras ausgestiegen , weil alle Leute ausgestiegen sind . Wir wollen der Mama gleich Ninis Grab zeigen . Sie hatte schon bien di1 gelernt , nicht Großvater ? « Mit einer Gebärde des Widerwillens schob der alte Plattner den Buben von sich und ergriff seiner Tochter Hand : » So schnell ist ' s gekommen . Ein gesundes Kind ... Gestern haben wir ' s begraben ... Komm ins Haus , Josy . « Es gibt eine Grenze der Leidensfähigkeit , über die hinaus keine Steigerung möglich ist . Josefine empfand nur einen dumpfen Kummer über den Tod ihres jüngsten Kindes . Sie hatte es nicht leiden , nicht sterben sehen , und sie fühlte eine Art von Dank dem Schicksal gegenüber , das ihr diese Qualen der Ohnmacht erspart hatte . Wie die Erzählung eines Fremden , der fremdes Leid berichtet , vernahm sie ihres Vaters Worte . Die drei Tage der Krankheit hatten ihm viel von seinem gewohnten Frohmut gekostet . Die Unmöglichkeit , sofort einen Arzt zu beschaffen , hier in dem hoch in den Bergen gelegenen Alpendorf , war eine schwere Prüfung gewesen für den Mann , der sonst in einer größeren Stadt lebte , wo es in jeder Straße einen Arzt gibt . » Das Kindli erkrankte in der Nacht , hatte plötzlich Krämpfe . Die Wirtsfrau ist ordentlich : sie machte einen Tee und ein laues Bad . Sagte , das sei nichts Auffallendes bei Kindern . Morgens dann lag das Kleine und schlief ruhig . Ich ging hinunter nach Disentis , aber der Arzt dort war über Land und fort . Wie ich zurückkomme , ist ' s Nina aufgewacht und verlangt zu trinken . Gegen Abend wieder Krämpfe . Ich schicke einen Boten nach Disentis - es sind immerhin achtzehn Kilometer ab und auf - , der Doktor solle sofort kommen . Der Bote bringt die Nachricht : der Doktor ist im Dunkel aus seinem Wagen gestürzt , hat einen Armbruch und Kontusionen im Gesicht . Schickt etwas Beruhigendes mit . Morgen wird er dann selber kommen . Soll ich etwa nach Andermatt fahren ? überlege ich . Ich fahre nach Andermatt , finde den Arzt , nehme ihn mit . Er sieht das Kindli an und findet die Krämpfe unerklärlich , denn im Augenblick ist keine Spur von Krämpfen da . Gibt eine Medizin und fährt ab . Über die Oberalp , weißt Josy , das ist eine Tour für die halbe Nacht ! Wär nicht Vollmond gewesen , hell wie am Tage , er wäre nicht weggefahren . Kaum ist er fort , fangen die Gichter wieder an . Lauf dem Wagen nach ! schrei ich Laure Anaise zu , und die läuft , bis sie hinfällt . Der Wagen ist zu weit voraus , man kann ihn nicht einholen . Eine böse Nacht , sag ich dir , eine Nacht ! Ohnmächtig - dumm , ah pfui , es ist ' ne Misere . Früh um sechs Uhr meldet sich der Doktor-Patient mit der Armschiene und dem verbundenen Kopf . War ein braves Mannli , aber etwas einfältig . Meinte , ich hätte mit dem kranken Kindli zu ihm kommen können , da er selbst blessiert sei . Aber wie er das Nina sieht , vergeht ihm der Spaß . Da ist leider nichts zu machen . Der nächste Anfall macht Schluß . Ich steh da , als hätte er mir eins ins Genick gegeben . Aber gestern hätt man noch helfen können ? sag ich . - Schüttelt er den Kopf : Nein , die Art ist immer tödlich , zumal in dem Alter . - Viereinvierteljahr , sag ich . - Präzis , sagt er .