ein Jude , konnte doch gegen diesen Programmpunkt nicht eingenommen sein ? Dieser aber fuhr fort : » Wissen Sie , meine Herren , man bekämpft doch nur etwas , was man ernst nimmt - etwas , was bedrohlich sein kann . Aber der Antisemi - semitismus ( mir ist das bloße Wort schon verhaßt , man sollte ihm gar nicht die Ehre erweisen , es auszusprechen ) das ist ja eine schon absterbende Verirrung , die aus Deutschland hereinkam , eine Erfindung des Pastor Stöcker , die aber hier keine Wurzel fassen wird ... dazu ist der Wiener zu gemütlich und zu - fidel , dem passen solche düstere Verfolgungslehren nicht - auch zu passiv , zu bequem . Glauben Sie mir - ich kenne unsere Bevölkerung ; von den hohen Klassen rede ich gar nicht - ich verkehre doch mit der höchsten Aristokratie ... na , und die kleinen Bürger , denen fällt so was gar nicht ein . Da sind nur so ein paar Hetzer , die man am besten durch Totschweigen unschädlich macht . ... Kurz , ich erkläre , wenn sich das Blatt mit dieser Frage überhaupt befassen , das dumme Zeug nur erwähnen wollte , so ziehe ich meine Mitwirkung zurück . Hat sich was : Antisemitismus ... Unsinn , weiter nichts - und soll auch als Unsinn behandelt , d.h. also in einer ernsten Publikation gar nicht behandelt werden . Dixi . « Bresser erbat sich das Wort . » Da ich der Urheber jenes Programmpunktes bin , so muß ich doch zu seiner Verteidigung und Begründung einige Argumente vorbringen . « » Bringen Sie vor , was Sie wollen , « unterbrach der Baron , » ich gehe von meinem Entschluß nicht ab . Ein Blatt , das ostentativ erklärt , eine solche dumme Frage erörtern zu wollen , subventioniere ich nicht - ich nicht . « Der Vorsitzende fiel ein : » Diese Kontroverse kann leicht behoben werden , « sagte er . » Ich bin ganz einverstanden , daß das Wort Antisemitismus in unserem Prospekt gestrichen werde . Gegen die Formel : Bekämpfung aller rückschrittlichen Gesinnungen haben Sie doch nichts einzuwenden , Herr Baron ? « » Nein . « » Nun , damit ist auch Ihnen Satisfaktion gegeben , Herr Bresser , denn unter diesen Sammelnamen muß ja die mittelalterliche Bewegung auch fallen , die Sie bekämpfen wollen , und die , wenn sie fortfahren sollte , um sich zu greifen , natürlich in einer Tageszeitung auch besprochen werden müßte . « » Ich bin ' s zufrieden , « sagte Bresser . » Ich aber nicht , « versetzte Glasschild . » Je mehr die anderen den Unfug auffallend machen wollen , desto konsequenter müssen wir ihn totschweigen . Übrigens , in ein paar Monaten redet so niemand mehr davon . « Einer der Reichsräte erbat sich das Wort . » Da wir schon von den Bedenken sprechen , die das Programm unserer geplanten Zeitung erweckt , so kann ich nicht verhehlen , daß mir daran der Mangel einer strammen Parteiansicht sehr unangenehm auffällt . Wir sind einig geworden , daß wir auf Regierungssubvention verzichten . Gut . Wir werden auch keine Direktive von oben annehmen , wie wir uns zu dieser oder jener politischen Frage zu äußern haben . Auch gut . Dafür aber müssen wir uns selber eine Direktive geben - einen festen Weg vorzeichnen - sonst gleiten wir unversehens ins reaktionäre oder ins revolutionäre Lager . Hauptsache ist doch , dem liberalen Prinzip zum Sieg zu verhelfen , nicht wahr ? Also ist es doch geboten , daß wir in unsern Leitartikeln die Grundsätze und die Taktik der liberalen Partei zielbewußt vertreten . « » Die Taktik dieser Partei ist mit ihren Grundsätzen oft in direktem Widerspruch , « warf Bresser ein . » Das beruht dann auf kluger Erwägung der gegebenen Umstände . « » Opportunismus , « murmelte Bresser . » Nennen Sie es Opportunismus , wenn Sie wollen . Man muß ja doch mit den realen Verhältnissen rechnen . Man kann , wenn man , um seine Prinzipien desto besser durchzusetzen , regierungsfähig werden will , nicht in allem Opposition machen ; man muß gewisse Forderungen der Regierung - z.B. in der Militärfrage - opfermutig bewilligen , schon um sich loyal zu zeigen , um keinen Zweifel an seinem Patriotismus aufkommen zu lassen . Kurz , man muß , um nicht irre zu gehen , um das segensreiche Wirken unserer Partei zu unterstützen , fest und unentwegt zu ihr halten . « » Dazu hätte man nicht erst eine neue Zeitung zu gründen gebraucht , « bemerkte einer der Journalisten . » Wir besitzen ja in Wien ein Weltblatt , das mit Ihrer Partei durch dick und dünn geht . « Bresser öffnete und schloß mehrere Male hintereinander die Lippen - aber er sagte nichts . Ein zorniges Gefühl stieg ihm in die Kehle - ein Gefühl , das einen trockenen und bitteren Geschmack hatte . - Macht haben und allein sein : das ist das einzige , um Großes , Neues durchzusetzen , - sagte er sich im Geiste - statt all dieser Finanzprotzen , Politikaster und Federfuchser , er allein mit ein paar Millionen in der Hand , dann flöge das Blatt , genau im Geist seines Prospektes beschaffen , schon in vierzehn Tagen in alle Welt . Die kongenialen Kräfte kämen dam schon von selber herbei . Aber hier - das sah er jetzt kommen , würde das Unternehmen an den gegensätzlichen Willensrichtungen scheitern , oder in irgend ein altes Geleise hineingleiten . Schritte zu machen : zu diesem Beschluß raffen sich beratende Körperschaften schon auf : aber nur schön vorsichtshalber auf - ausgetretenem Wege . Einen neuen Weg vorzuschlagen , das wagt immer nur der einzelne . Nach langer Debatte , an der sich Bresser nicht mehr beteiligte , wurde ein Vorschlag eingebracht und angenommen , dahin gehend , daß aus der Mitte der Teilnehmer eine engere Kommission