längst nicht mehr Herr und Diener , sondern Freunde waren . » Sihdi , wie denkst du über das Sterben ? « wiederholte er seine Frage , als ob er annehme , daß ich ihn nicht verstanden habe . » Du kennst ja meine Ansicht über den Tod , « antwortete ich nun . » Er ist für mich nicht vorhanden . « » Für mich auch nicht . Das weißt du wohl . Aber ich habe dich nicht nach dem Tode , sondern nach dem Sterben gefragt . Dieses ist da , kein Mensch kann es wegleugnen ! « » So sage mir zunächst , wie du zu dieser Frage kommst ! Mein lieber , heiterer , stets lebensfroher Hadschi Halef spricht vom Sterben ! Hast du etwa einen besonderen Grund zu dieser deiner Frage ? « » Nein . Von meiner Seele , meinem Geiste , meinem Verstande wurde sie nicht ausgesprochen , sondern sie ist mir aus den Gliedern in den Mund gestiegen . « Das klang wohl sonderbar ; aber ich kannte meinen Halef . Er pflegte mit dergleichen , für den ersten Augenblick auffälligen Ausdrücken immer den Nagel auf den Kopf zu treffen . Darum wiederholte ich seine Worte : » Aus den Gliedern ? Fühlst du dich vielleicht nicht wohl ? « » Es fehlt mir nichts , Sihdi . Ich bin so gesund und so stark wie immer . Aber es ist etwas in mich hineingekrochen , was nicht hinein gehört . Es ist etwas Fremdes , etwas Ueberflüssiges , was ich nicht in mir dulden darf . Es steckt in meinen Gliedern , in den Armen , in den Beinen , in jeder Gegend meines Körpers . Ich weiß nicht , wie es heißt und was es will . Und dieses unbekannte , lästige Ding ist es , welches dich über das Sterben gefragt hat . « » So wird es wohl wieder verschwinden , wenn wir es gar nicht beachten , ihm gar keine Antwort geben . « » Meinst du ? Gut ; wollen das versuchen ! « Er kehrte nach diesen Worten in sein früheres Schweigen zurück . Der liebe , kleine , so gern lustige Hadschi war seit gestern oder wohl schon seit vorgestern ungewöhnlich ernst und in sich gekehrt gewesen , bei ihm eine Seltenheit . Ich hatte angenommen , daß ihn irgend ein Gedanke innerlich beschäftige ; nun aber wußte ich , daß dies nicht der Fall gewesen sei . Es war eine körperliche Indisposition vorhanden , von der ich annahm , daß sie bald vorübergehen werde . Wir waren von Basra über Muhammera und Doraq an den um diese Zeit ziemlich wasserreichen Dscherrahi gekommen und hatten uns von ihm in die Berge des südlichen Luristan führen lassen . Nun war der Fluß längst verschwunden , und wir befanden uns in einem wasserarmen Gebiete , wo der Regen höchst selten und dann nur als kurzes , aber verheerendes Gewitter aufzutreten pflegt . Die Höhen ragten schroff und steil empor . Ihre Hänge waren kahl . Man sah keinen Baum , nur hie und da einen durstigen Strauch . Die Sonne brannte am Tage heiß hernieder ; die Nächte hingegen waren empfindlich kalt , und wo es in den Schluchtentiefen mit Gras bewachsene Stellen gab , da hatte dieses Grün sein Dasein nur dem Tau der kalten , wunderbar sternenhellen Nächte zu verdanken . Wir glaubten , morgen den obersten Zufluß des Quran zu erreichen . Dort , wo es Wald und Wasser gab , wollten wir uns ausruhen und unseren Pferden einige Tage Zeit lassen , sich von der jetzigen Anstrengung zu erholen . Jetzt war es Nachmittag . Wir strebten einem Höhenkamm zu , dessen Erklimmen die Kräfte unserer Pferde so in Anspruch nahm , daß wir , als wir endlich oben angekommen waren , für einige Zeit anhielten , um sie verschnaufen zu lassen . Tief unter uns sahen wir das leere , wild zerrissene Bett eines Regenbaches , dem wir zu folgen hatten , wenn wir den jenseitigen Gebirgszug erreichen wollten . Ich sprach die Hoffnung aus , daß sich dort ein zum Uebernachten geeigneter Ort finden lassen werde . Aber Halef ging nicht , wie ich geglaubt hatte , auf diesen Gedanken ein , sondern er sagte : » Sihdi , ich habe es versucht , doch vergeblich . Die Frage kommt immer wieder . Wie denkst du über das Sterben ? Antworte mir ; ich bitte dich ! « » Lieber Halef , meinst du nicht , daß es besser wäre , von etwas anderem zu sprechen ? « » Besser oder nicht besser ; ich kann jetzt an nichts anderes denken . Es ist , wie ich schon sagte , nicht der Tod , den ich meine . Den habe auch ich früher für etwas Wahres gehalten , jetzt aber weiß ich , daß er nichts als Täuschung ist . Wenn wir von ihm sprechen , so meinen wir eben das Sterben , welches doch kein Tod ist . Hast du schon darüber nachgedacht ? « » Natürlich ! Jeder ernste Mensch wird das thun . Warum fragst du denn nicht dich selbst ? Du hast doch ebenso wie ich schon Menschen sterben sehen ? « » Nein , noch keinen ! « » Wieso ? Ich habe doch mit dir vor Sterbenden gestanden ! « » Allerdings . Aber sterben sehen habe ich trotzdem noch keinen Einzigen . Man legt sich hin ; man schließt die Augen ; man röchelt ; man hört auf zu atmen ; dann ist man gestorben . Aber was ist dabei geschehen ? Hat etwas aufgehört ? Hat etwas angefangen ? Hat sich etwas fortgesetzt , nur in anderer als der bisherigen Weise ? Kannst du mir das sagen ? « » Nein , das kann ich nicht . Das kann überhaupt kein Lebender . Und wenn die Gestorbenen wiederkommen und zu uns sprechen könnten , wer weiß , ob sie es vermöchten ,