halber Höhe begannen die Steinbrüche , die nach dem großen Frieden von Nürnberger Bürgern gekauft und ausgebeutet worden waren . Jetzt galt es , Gestrüpp und überhangende Äste aus dem Wege zu räumen , und man mußte vorsichtig sein , damit kein Rad dem Abgrund eines Bruches zu nahe kam . Drunten lagerte schwarzes Wasser und schien brunnentief zu sein . Der Regen bildete enge Ringe und der Himmel spiegelte sich darin mit düsterer Stirn . Schutt , Geröll und unbehauene Steine lagen umher ; allenthalben gab es Löcher und tückische Schluchten , Heidekraut und Brennnessel wuchsen an den Hängen . Die Brüche glichen zerstörten Häusern von Riesen und hatten etwas so frisch Verlassenes , daß man oft aus einem Abgrund den ungeheuern Leib des Bewohners auftauchen zu sehen glaubte . Es ward Abend . Dicke Pfützen von Regenwasser standen in den Höhlungen des Weges , die Räder fuhren hinein und das Wasser spritzte hoch auf . Erstaunlich war es , daß noch keiner an eine Rückkehr dachte , da doch nur Peinigungen und Mühsale zu erwarten standen . Sie blickten unerschüttert in die mysteriösen Weiten , und es war eine dumpfe Ergebung , die sie hinauswandeln hieß , verstummt vor dem unhörbaren Gebot eines Hüters in der Ferne . Wühlten Zweifel in ihrer Seele ? Waren sie zu müde , mit ihren Zweifeln sich abzufinden ? Zu stoisch oder zu sklavisch , den Willen der Idee zu brechen ? Zu feige , um sich bloßzustellen durch Ahnungen ? Ein geduldiger Fatalismus war über sie gekommen . Als es finster wurde , erhob sich ein ungestümer Sturm . Die Stämme erzitterten , die Pechfackeln verlöschten . Auf einmal , es mochte um die sechste Nachmittagsstunde sein , erschallten von vier Seiten im Dickicht des Waldes gleichzeitig Trompetensignale . Der ganze Wagenzug hielt fast mit einem Ruck still . Ein furchtbares Schweigen , eine wahre Totenstille entstand im Nu . Alle wußten , was nun kommen würde . Da oder dort , in einer Lücke des Gehölzes erschien ein Reiter in der Tracht der Nürnbergischen Bürgersoldaten , beleuchtet von den Fackeln , die sie am Bug des Pferdes befestigt hatten . Mit höhnischem Lächeln betrachteten sie den erstarrten Zug der Auswanderer ; sie verachteten die kriegerische Aufgabe , die ihnen zu teil geworden war . Die Stimme des jungen Wagenseil erschallte : zu den Waffen , zu den Waffen ! Ein heiserer Schrei , erstickt durch die Erkenntnis der Hoffnungslosigkeit und des Fehltritts . Da krachte donnernd eine Flinte ; der greise Rabbi Elieser sank , ohne einen Laut von sich zu geben , ins schwammige Erdreich , und sein altes Blut floß ungehemmt dahin und mischte sich mit dem Regen . Jetzt wurden die Gemüter aufgerüttelt . Viele waren plötzlich wie betrunken . Sie stürzten zu den Wagen , packten , was sie gerade fanden : ein Küchengerät , einen Strick , eine Latte , einen Eisenstab , einen Besen , eine Flasche , ein altes Türschloß , Lenkriemen für die Pferde , Steine , Stöcke und Baumäste , das alles sollte Schutz geben gegen die Waffen geübter Landsknechte . Nur zehn oder zwölf hatten Flinten aufzufinden vermocht , aber da sie nicht mit der Hantierung vertraut waren , ergriffen sie sie vorn am Lauf und schwangen die Kolben drohend in der Luft . Doch schon knallten die Nürnberger von allen Seiten ihre Gewehre los und ein Knabe und zwei Frauen folgten dem Elieser in den Tod . Die Weiber begannen ein herzzerreißendes Weinen ; ihr Wehklagen muß tief in den Schoß der Erde gedrungen sein , denn noch heute hört man es zur Nachtzeit dort in den Wäldern . Die Zigeuner allein verstanden zu schießen , aber sie hatten kein Ziel , denn die Pferde der Angreifer waren überaus unruhig und sprangen gequält von Baum zu Baum , während sie im Fackelfeuer ihre eigenen Schatten vor sich tanzen sahen . Viele alte Männer hockten mit fanatisch glänzenden Augen im Wagen , wo sich die Bundeslade befand , küßten die Schrift mit bebenden Lippen , beteten und sangen Psalmen . Die Kinder verkrochen sich unter die Räder , betäubt vor Schreck . Einer der Angreifer schrie auf seinem hockenden Gaul etwas von Ergeben und Umkehren , aber seine Worte verhallten , worauf er Befehl zu neuem Feuern gab . Nun mußten Boruchs Klöß und Wolf Bieresel an den Tod glauben und fielen hin und streckten sich aus . Mit ihren lächerlichen Waffen liefen die Juden auf ihre grausamen Feinde zu und fürchteten weder Sterben noch Wunden . Sie sahen nicht mehr , hörten nicht mehr , sie schrien hebräische Worte und ihre wunderliche Kleidung gab ihnen etwas Gespensterhaftes . Ein Teil stürzte zu Boden über Knorren und Wurzeln , denn das Erdreich war glatt und schlüpfrig , die nassen Zweige schlugen ihnen ins Gesicht , und dann lagen sie da und wälzten sich in konvulsivischen Zuckungen . Nichts mehr schien zu helfen , eine blutige Nacht schien im Nahen zu sein , da gellte plötzlich eine wie toll kreischende Stimme : Feuer ! der Wald brennt ! Und : der Wald brennt ! der Wald brennt ! lief es weiter in der Kette . Die Tannenstämme am zweiten Steinbruch waren wie von innen erleuchtet , in der Tiefe des Forstes stieg ein breiter Lichtkegel empor , ruhig und blendend . Die Luft war durchdrungen vom Purpur der Flammen , die nassen Blätter glänzten , das nasse Moos flimmerte . Schlängelnde Flammen spiegelten sich jäh im nachtschwarzen Moorwasser . Aufsteigend und aufsteigend wie aus einem unerschöpflichen Schlund vermehrte sich die Kraft der Feuersbrunst . Das feuchte Holz prasselte und knatterte , die Flammen leckten gierig von Baum zu Baum , angetrieben durch den sausenden Sturm , der von den Feldern herauffegte . Es wurde drückend heiß ; als ob sie aus den Wolken hervorgetreten wären , erschienen die Ruinen der Schwedenveste zwischen den Feuern . Schrei auf Schrei erschallte , Schreie gräßlicher Angst , wie sie der Wald niemals vorher und