Ja ! : Wirlinger , ein Agitator . Das ist famos ! Sozial ! Und nun : Volk , Arbeiter , Studenten , .... Nein ! Erst noch eine Hauptperson ! : Martha , eine Prostituierte . Ah ! Das giebt was ! Da haben wir den Konflikt ! Ganz von selber kommt immer das Beste . Natürlich : Martha ! Das ist die Retterin ! Sie opfert sich ! Am Schluß bricht eine Revolution aus ! Er kam ganz ins Fieber . Die Prostituierte als Retterin ! Schopf als Typus des krämerischen Bourgeois . Walter Wild der Idealist . Clara das verführerische Weib . Wirlinger der dämonische Volkstribun . Und am Schluß die Revolution ! Er schrieb gleich die Schlußszene , ungeheuer wild und natürlich blos so in Umrissen hingeklitscht wie mit der Maurerkelle . Glockenarten Kanonenschläge . Barrikaden . Brand . Marseillaise . Carmagnole . Martha im schwarzen Hemd mit der roten Fahne . Aber auf einmal war Alles aus . Der Strom war vorbei geschossen . Es wollte nicht mehr fließen . Fortwährend drängte sich , schon bei diesem gewaltigen Hinpatzen der Farben , das Gefühl ein : Aber der erste Akt ? Wieso denn Revolution ? Natürlich muß sie kommen . Freilich ! Aber : Wieso denn ? Es muß doch irgendwie motiviert werden ? ! Und da blieb er stecken und kam nicht heraus . Das Schlimmste war , daß er sich in seinem dichterischen Tumulte zu lebhaft mit Martha beschäftigt hatte . - Ach , hols der Teufel ! Ich geh hin ! ... - Haha ! Ich , mit meinen zwanzig Pfennigen ! ... - Girlinger anpumpen ? ... - Ach der ! Schöne Redensarten ! Und dabei hat er Geld ! ... ....... die Ladenkasse ... ? ... ? ... ! ....... Es ginge ganz leicht .. Ich brauche blos ' nunter zu gehn ... Wiehr sitzt auf dem Stuhl an der Thüre ... Hinten auf dem Laden steht die Kasse , offen ... Ich komme durch die Hinterthüre und stelle mich vor den Laden und spreche mit dem Alten ... Und , während ich mit ihm spreche , halte ich die Hände auf dem Rücken und greife ganz einfach in die Kasse ... Immer , während ich mit ihm spreche ... Ich muß blos was Komisches erzählen ... Oder , nein , sicherer , ich sage : Sehen Sie , Vater Wiehr , da wird Einer arretiert drüben , vor Aeckerleins Keller ! Da stürzt er sicher gleich vor die Thüre ... Es wurde ihm unbehaglich heiß . - Aber das ist ja doch niederträchtig ! Das ist ja Diebstahl ! Pfui Teufel ! ... - Und , wenn sie ' s beim Abrechnen merken ? ... - Unsinn ! ... Sie rechnen ja gar nicht ab , Philemon und Baucis ! ... - Und schließlich , drei oder meinetwegen fünf Mark ... Das fühlen Sie ja gar nicht ... - Überhaupt : Diebstahl ! Mumpitz ! Ich solls ja so mal erben ! Lachhaft ! ... - Ich kann ' s ja auch später wiedergeben , wenn ich selber Geld habe ... - Natürlich : Das versteht sich von selbst . Mit Zinsen ! ... Und er stülpte sich seinen Hut auf und rannte hinunter . Viertes Kapitel Stilpe war nach Untersecunda versetzt worden , aber nur versuchsweise und mit Nachprüfung in der Mathematik nach einem Vierteljahr . Zudem fand sich in seinem Zeugnis eine Bemerkung , für die er nur die Bezeichnung Infam ! hatte . Es war da die Rede von » Zerfahrenheit « , » Unaufmerksamkeit « , » Allotria « . Wischiwaschi ! sagte Stilpe , kaufte sich eine Flasche Eau de Javelle und wischte die Bemerkung weg . Er that es in der Hauptsache wegen der alten Wiehrs , denn es lag ihm daran , daß diese nicht irre an ihm wurden . In sein Tagebuch schrieb er mit Geheimschrift pathetisch ein : » Nachdem ich wöchentlich und konsequent einige Diebstähle begehe , kommt es auf eine Urkundenfälschung nicht mehr an . Ich bin also ein Verbrecher ! ? Ha ! Das ist ausgezeichnet ! Wenn ich wöchentlich , wie Girlinger , 10 Mark Taschengeld hätte , brauchte ich nicht zu stehlen , und wenn die Pauker keine überflüssigen Bemerkungen schmierten , brauchte ich kein Eau de Javelle . Also ? Logik ? Schluß ? Die Hauptsache ist : Sich nicht erwischen lassen ! « An Girlinger verriet er von seinen Streichen nichts . Er wußte , daß dieser » unfähig war , derlei zu verstehen « . Und doch hätte er gerne Jemand gehabt , dem ers sagen könnte . Einmal hatte er bei Martha den Versuch gemacht , indem er sie fragte , sehr feierlich , was sie dazu sagen würde , wenn Jemand ihretwegen ein Verbrechen beginge . Es gruselte ihn angenehm , wie er das sagte . Sie aber antwortete blos : Den würd ' ch anzeigen . Das gab ihm einen Stoß , und er fand von jetzt ab , daß » diese Person sehr gewöhnlich « sei . Er war ihrer überhaupt überdrüssig und warf sich mehr ins Ideale , Heroische . Es kam ihm ein Wulst Gedanken wie : Neues Leben ! Freiheit ! Selbständigkeit ! Je näher die Mathematiknachprüfung rückte , um so dringlicher wurden diese Gedanken . Wenn er nun diese Prüfung nicht bestünde ? Die Perspektive war scheußlich , aber das scheußlichste an ihr war der Gedanke , daß er , der jetzt in Untersekunde mit Sie angeredet wurde , in Obertertia wieder gedutzt werden würde . Also : Das Symbol der Knechtschaft ! Aber auch , wenn er bestünde ! Wie gräßlich war diese ganze Schule überhaupt ! Und so noch vier Jahre bis zur Freiheit , bis zur Universität ! Und in diesen vier Jahren immer dieses leere Stroh , das Einem vorgeworfen wurde : Da , drisch , aber im Takt ! Und was waren das für Leute , die die Aufsicht