dies nicht weiter überraschen , da sie von alter Zeit her Freunde waren , zwischen Etienne und Friedeberg aber klaffte für gewöhnlich ein tiefer Abgrund , der sich ebensosehr in ihrer voneinander abweichenden Erscheinung wie in ihren verschiedenen Lebensgewohnheiten aussprach . Etienne , sehr elegant , versäumte nie , während der großen Ferien , mit Nachurlaub nach Paris zu gehen , während sich Friedeberg , angeblich um seiner Malstudien willen , auf die Woltersdorfer Schleuse ( die landschaftlich unerreicht dastände ) zurückzog . Natürlich war dies alles nur Vorgabe . Der wirkliche Grand war der , daß Friedeberg , bei ziemlich beschränkter Finanzlage , nach dem erreichbar Nächstliegenden griff und überhaupt Berlin nur verließ , um von seiner Frau - mit der er seit Jahren immer dicht vor der Scheidung stand - auf einige Wochen loszukommen . In einem sowohl die Handlungen wie die Worte seiner Mitglieder kritischer prüfenden Kreise hätte diese Finte notwendig verdrießen müssen , indessen Offenheit und Ehrlichkeit im Verkehr mit- und untereinander war keineswegs ein hervorstechender Zug der » sieben Waisen « , eher das Gegenteil . So versicherte beispielsweise jeder , » ohne den Abend eigentlich nicht leben zu können « , was in Wahrheit nicht ausschloß , daß immer nur die kamen , die nichts Besseres vorhatten . Theater und Skat gingen weit vor und sorgten dafür , daß Unvollständigkeit der Versammlung die Regel war und nicht mehr auffiel . Heute aber schien es sich schlimmer als gewöhnlich gestalten zu wollen . Die Schmidtsche Wanduhr , noch ein Erbstück vom Großvater her , schlug bereits halb , halb neun , und noch war niemand da außer Etienne , der , wie Marcell , zu den Intimen des Hauses zählend , kaum als Gast und Besuch gerechnet wurde . » Was sagst du , Etienne « , wandte sich jetzt Schmidt an diesen , » was sagst du zu dieser Saumseligkeit ? Wo bleibt Distelkamp ? Wenn auch auf den kein Verlaß mehr ist ( die Douglas waren immer treu ) , so geht der Abend aus den Fugen , und ich werde Pessimist und nehme für den Rest meiner Tage Schopenhauer und Eduard von Hartmann untern Arm . « Während er noch so sprach , ging draußen die Klingel , und einen Augenblick später trat Distelkamp ein . » Entschuldige , Schmidt , ich habe mich verspätet . Die Details erspar ich dir und unserem Freunde Etienne . Auseinandersetzungen , weshalb man zu spät kommt , selbst wenn sie wahr , sind nicht viel besser als Krankengeschichten . Also lassen wir ' s. Inzwischen bin ich überrascht , trotz meiner Verspätung immer noch der eigentlich erste zu sein . Denn Etienne gehört ja so gut wie zur Familie . Die Großen Kurfürstlichen aber ! Wo sind sie ? Nach Kuh und unserem Freunde Immanuel frag ich nicht erst , die sind bloß ihres Schwagers und Schwiegervaters Klientel . Rindfleisch selbst aber - wo steckt er ? « » Rindfleisch hat abgeschrieben ; er sei heut in der Griechischen . « » Ach , das ist Torheit . Was will er in der Griechischen ? Die sieben Waisen gehen vor . Er findet hier wirklich mehr . « » Ja , das sagst du so , Distelkamp . Aber es liegt doch wohl anders . Rindfleisch hat nämlich ein schlechtes Gewissen , ich könnte vielleicht sagen : mal wieder ein schlechtes Gewissen . « » Dann gehört er erst recht hierher ; hier kann er beichten . Aber um was handelt es sich denn eigentlich ? was ist es ? « » Er hat da mal wieder einen Schwupper gemacht , irgendwas verwechselt , ich glaube Phrynichos den Tragiker mit Phrynichos dem Lustspieldichter . War es nicht so , Etienne ? « ( dieser nickte ) , » und die Sekundaner haben nun mit lirum larum einen Vers auf ihn gemacht ... « » Und ? « » Und da gilt es denn , die Scharte , so gut es geht , wieder auszuwetzen , wozu die Griechische mit dem Lustre , das sie gibt , das immerhin beste Mittel ist . « Distelkamp , der sich mittlerweile seinen Meerschaum angezündet und in die Sofaecke gesetzt hatte , lächelte bei der ganzen Geschichte behaglich vor sich hin und sagte dann : » Alles Schnack . Glaubst du ' s ? Ich nicht . Und wenn es zuträfe , so bedeutet es nicht viel , eigentlich gar nichts . Solche Schnitzer kommen immer vor , passieren jedem . Ich will dir mal was erzählen , Schmidt , was , als ich noch jung war und in Quarta brandenburgische Geschichte vortragen mußte - was damals , sag ich , einen großen Eindruck auf mich machte . « » Nun , laß hören . Was war ' s ? « » Ja , was war ' s. Offen gestanden , meine Wissenschaft , zum wenigsten was unser gutes Kurbrandenburg anging , war nicht weit her , ist es auch jetzt noch nicht , und als ich so zu Hause saß und mich notdürftig vorbereitete , da las ich - denn wir waren gerade beim ersten König - allerhand Biographisches und darunter auch was vom alten General Barfus , der , wie die meisten Damaligen , das Pulver nicht erfunden hatte , sonst aber ein kreuzbraver Mann war . Und dieser Barfus präsidierte , während der Belagerung von Bonn , einem Kriegsgericht , drin über einen jungen Offizier abgeurteilt werden sollte . « » So , so . Nun , was war es denn ? « » Der Abzuurteilende hatte sich , das mindeste zu sagen , etwas unheldisch benommen , und alle waren für Schuldig und Totschießen . Nur der alte Barfus wollte nichts davon wissen und sagte : Drücken wir ein Auge zu , meine Herren . Ich habe dreißig Rencontres mitgemacht , und ich muß Ihnen sagen , ein Tag ist nicht wie der andere , und der Mensch ist ungleich und das Herz auch und