kam ihm so über die Lippen , ohne daß er recht wußte wie , es war ihm doch gar nicht darnach zumut , an eine andere zu denken , aber das traurige bleiche Gesicht des leichtfertigen Mädels stieg doch vor ihm auf , als er die Verse vor sich hin summte . » Glaub fast , die tät keinen Mann , der es ehrlich mit ihr meint , so beschimpfen , und sie ist doch ... « Der Leopold redete laut mit sich selbst und stolperte weiter . Je näher er der Blauen Gans kam , desto langsamer ging er . » Tust mir bitterlich weh ! « » Ja , ja , Weib ! Tust mir so bitterlich weh , wie mir noch kein Mensch getan hat . « Jetzt stand er vor dem Haustor , er seufzte schwer , preßte die Stirn an den eiskalten Steinpfeiler , dann zog er plötzlich so scharf an der Klingel , daß er es bis heraus auf die Straße läuten hörte . Die Lene ist , nachdem er davongelaufen war , noch eine Weile still sitzen geblieben , freilich mit gebeugtem Rücken und zusammengekrallten Fingern . Sie weinte nicht , sie sprach nichts , nur der Nacken tat ihr weh , und langsam , als ob sie sich überzeugen wollte , daß ihr der Kopf nicht von den Schultern falle , bewegte sie ihn nach rechts und links , dann erhob sie den Oberkörper , zog aber rasch das Genick ein und langte nach der schmerzenden Stelle . Ihr weißes Gesicht wurde blutrot , die graugrünen Augen liefen hastig durch die ganze Stube , sie nagte an der Unterlippe und fuhr mit dem Fuße , als ob sie etwas wegstoßen wollte , über die Diele . » Aus ist ' s « , sagte sie kurz . Jetzt aber begann ein seltsames Treiben ; sie probierte eines ihrer Kleider nach dem anderen und spähte aufmerksam , welches davon ihrem Leib die schönste Form geben konnte . Sie hatte nicht viel Auswahl , darum behielt sie ein schwarzes Kleid , das glatt anpaßte , sie erkannte auch , daß ihr weißes Gesicht und ihre roten Haare sich noch schärfer abhoben . Nun wand sie ein schwarzes Schleiertüchelchen um den Kopf , nahm ein warmes dunkles Tuch über die Schultern , und sie war fertig hergerichtet wie zu einem Abendspaziergang mit ihrem Manne . Sie holte ihren Handkorb und packte einen Kamm , ein Paar Schuhe und ihr Gebetbuch ein , dann füllte sie den übrigen leeren Raum mit Wäsche . Sorgfältig versperrte sie die Schubladen und den großen Kleiderkasten und legte alle Schlüssel mitten auf den Tisch , dann richtete sie das Nachtlämpchen zurecht , stellte die Milch für den Kleinen daneben , legte Kandiszucker und Zwieback dazu , und nun , da alles besorgt war , wollte sie gehen . - Als sie die Türklinke in der Hand hatte , blieb sie stehen und schaute durch die dämmrige Stube hinüber auf die Wiege , die zwischen den beiden Betten stand ; sie tauchte die Finger in den Weihwasserkessel , der neben der Türe hing , und ging zurück zu dem Kinde . - Etwas Ernstes , Feierliches umfloß die schlanke Gestalt , und ihr ausdrucksloses schönes Gesicht wurde traurig . Sie kniete vor der Wiege nieder und küßte leicht und sanft die roten Lippen des kleinen Leopold , und damit sie ihn nicht wecke , machte sie mit dem Daumen in der Luft das Kreuzzeichen über seine Stirne , seinen Mund und seine Brust . - Sie hockte lange dort und horchte , sie dachte , jetzt und jetzt müsse das Kind die Augen öffnen und - und was dann ? Erschreckt stand sie auf , fuhr mit zitternden Händen über das Gesicht , bekreuzte sich selbst und ging mit festen , sicheren Schritten aus der Stube . Die Lene versperrte die Küchentür , rüttelte an der Klinke , um zu prüfen , ob auch gut zugeschlossen sei , und eilte hinüber zu der Hanne . » Gelt , du schaust später hinüber zu meinem Buben , in einer Stund bin ich wieder da , ich muß allerhand abmachen heut « , sagte sie ruhig zu dem Mädchen . » Versteht sich , solang du willst , bleib ich drüben , ich kann gleich hinübergehen und drüben arbeiten « , meinte die Hanne . » Wie du willst . Behüt dich Gott . « Lässig wie immer ging die Lene durch den Hof ; sie warf noch einen scheuen Blick auf ihr verhängtes Stubenfenster und schlenkerte leicht mit dem Korbe hin und her , als ob er leer wäre . Die Hanne packte ihre Arbeit zusammen , nahm das alte Handwerkszeug , die Einspannmaschine , unter den Arm und ging hinüber in das Zimmer ihrer Jugendfreundin . Sie zog den Vorhang zurück , breitete feines Seidenpapier auf das Fensterbrett , legte die ungenähten Handschuhe zurecht und sah nach dem Kinde , ehe sie sich an ihre Arbeit setzte . Bald jedoch trieb der blanke Fingerhut an ihrer schlanken Hand die winzige Nadel durch die feingefeilten Zähne der zwei Messingplatten , welche den Handschuh eingeklemmt hielten . Gleichmäßig wie die alte Uhr , nur rascher , pochte der Fingerhut an die Platten , und nach jedem Stiche lag der Seidenfaden , der die Lederteile zusammennähte , wie eine Perle gleich und glatt über den glitzernden Zähnen der Maschine . Die Hanne war auch nach der Käthe die flinkste Näherin in der Blauen Gans , und sie hatte ihre Freude an der eigenen Arbeit . Wenn ein Handschuh fertig war , blies sie mit vollen Backen hinein , damit sie sah , ob sich kein Finger daran verdrehte , zog ihn über dem Knie glatt und richtete ihn so zurecht , daß der alte Herr Fuchs oft gesagt hatte : » Über meiner Käthe und der Walter Hanne ihre Handschuhe braucht man nur ein einziges Mal mit dem Zurichtholz zu fahren . « He