sich innerlich am nächsten , denn es fielen dann nicht bloß die Meinungsverschiedenheiten und Schraubereien fort , sondern sie fanden sich auch wieder zu früherer Liebe zurück und schrieben sich zärtliche Briefe . Das wußte keiner besser als der Schwager drüben in Arnewiek . Arne stellte denn auch heute wieder seine Betrachtungen über dies Thema an und gab ihnen in ein paar Scherzworten Ausdruck . Aber das war nicht wohlgetan ; sosehr es zutraf , was er sagte , sowenig lag es im Wunsche seiner Schwester , diese Dinge berührt zu sehen . Vielleicht war es denn auch dieser Gang der Unterhaltung , was den die leise Verstimmung seiner Frau beobachtenden Holk veranlaßte , die Dobschütz zu einem Spaziergang in den Park aufzufordern , » er habe noch dies und das mit ihr zu besprechen « . Als sie fort waren , sagte Christine zu ihrem Bruder , mit dem sie allein geblieben : » Du mußtest das nicht sagen , Alfred , nicht in seiner Gegenwart . Er hat , wie du weißt , ohnehin die Neigung , ernste Dinge leichtzunehmen , und wenn du ihm darin mit gutem Beispiel vorangehst , so weiß er sich noch was damit und gefällt sich darin , den Freigeist zu spielen . « Arne lächelte . » Du lächelst . Aber ganz mit Unrecht . Denn ich sage nicht , ein Freigeist zu sein . Ein Freigeist sein , das kann er nicht , dazu reichen seine Gaben nicht aus , auch nicht die seines Charakters . Und das ist eben das Schlimme . Mit einem Atheisten könnte ich leben , wenigstens halte ich es für möglich , ja , mehr , es könnte einen Reiz für mich haben , ernste Kämpfe mit ihm zu bestehen . Aber davon ist Helmuth weit ab . Ernste Kämpfe ! Das kennt er nicht . Mit allem , was du da sagtest , zu mir kannst du so sprechen , verwirrst du ihn bloß und bestärkst ihn nur in allem , was schwach und eitel an ihm ist . « Arne begnügte sich , etlichen Buchfinken , die während des Gesprächs bis unter die Halle gekommen waren , ein paar kleine Krumen hinzuwerfen , schwieg aber . » Warum schweigst du ? Bin ich dir wieder zu kirchlich ? Ich habe kein Wort von Kirche gesprochen . Oder bin ich dir wieder zu streng ? « Arne nickte . » Zu streng . Sonderbar . Du findest dich nicht mehr in mir zurecht , Alfred , und wenn das ein Vorwurf ist , und du meinst es so , so muß ich dir den Vorwurf zurückgeben . Ich finde mich nicht mehr in dir zurecht . Du weißt , wie mein Herz an dir hängt , wie ich , aus meiner Kindheit Tagen her , voller Dank gegen dich bin , und dies Dankesgefühl habe ich noch . Aber ich kann dir das Wort nicht ersparen , du bist ein anderer geworden in deinen Anschauungen und Prinzipien , nicht ich . An dem einen Tage bin ich dir zu sittenstreng , am anderen Tage zu starr in meinem Bekenntnis , am dritten Tage zu preußisch und am vierten zu wenig dänisch . Ich treff es in nichts mehr . Und doch , Alfred , all das , was ich bin , oder doch das meiste davon , bin ich durch dich . Du hast mir diese Richtung gegeben . Du warst schon dreißig , als ich bei der Eltern Tode zurückblieb , und nach deinen Anschauungen , nicht nach denen der Eltern , bin ich erzogen worden ; du hast die Herrnhuterpension für mich ausgesucht , du hast mich bei den Reckes und den Reuß ' und den frommen Familien eingeführt , und nun , wo ich das geworden bin , wozu du mich damals bestimmtest , nun ist es nicht recht . Und warum nicht ? Weil du mittlerweile die Fahne gewechselt hast . Ich will es respektieren , daß du , der du mit dreißig an der Grenze des äußersten Aristokratismus warst , jetzt , wo du beinah sechzig bist , die Welt mit einem Male durch liberalgeschliffene Gläser siehest ; aber darfst du mir Vorwürfe machen , wenn ich da blieb , wo du früher auch standest und wo du mich selber hingestellt ? « Arne nahm zärtlich der Schwester Hand . » Ach , Christine , stehe , wo du willst . Ich habe nicht den Mut mehr , Standpunkte zu verwerfen . Das ist eben das eine , was ich in meinen zweiten dreißig Jahren gelernt habe . Der Standpunkt macht es nicht , die Art macht es , wie man ihn vertritt . Und da muß ich dir sagen , du überspannst den Bogen , du tust des Guten zuviel . « » Kann man des Guten zuviel tun ? « » Gewiß kann man das . Jedes Zuviel ist vom Übel . Es hat mir , solang ich den Satz kenne , den größten Eindruck gemacht , daß die Alten nichts so schätzten wie das Maß der Dinge . « Holk und die Dobschütz kehrten in diesem Augenblicke von ihrem Spaziergange zurück , und von der andern Seite her kam Asta die Strandterrasse herauf und eilte sofort auf Arne zu , dessen Liebling sie war und an dem sie jederzeit den besten Zuhörer hatte . Der Mama gegenüber zeigte sie sich meist zurückhaltend ; aber wenn Onkel Alfred da war , mußte alles herunter , was ihr auf der Seele lag . » Ich habe heute früh schon an Pastor Petersens Arbeitstisch gesessen , und rechts lag die Bibel , und links stand der Kasten mit Altertümern , und war eigentlich kein Zollbreit Platz mehr da , um mir zu zeigen , was in den Pappschachteln alles lag . Meistens waren es Steine . Zuletzt aber , als er die Bibel zurückgeschoben hatte ... « » Da hattet ihr Platz « , lachte die Gräfin . » Mein