« Er schellte , und es dauerte unglaublich lang , bis endlich ein Lakai eintrat und meldete , der Herr Professor sei angelangt , und Lisette habe ihn zur Frau Gräfin geführt . Eine Stunde verfloß , in der die Zeit bleierne Wellen rollte und Wilhelm die nutzlosen Versuche , Hermanns Gedanken abzulenken , aufgab . Plötzlich blieb dieser stehen und lauschte . Er hatte die hastenden Schritte , die sich nahten , erkannt , es waren die Wilhelminens . Sie riß die Tür auf . Das Nebenzimmer war hell erleuchtet , und wie von strahlendem Goldgrund hob ihre Gestalt auf der Schwelle sich ab . » Hermann ? « rief sie fragend in das Dunkel hinein . » Komm , Hermann , komm - du hast einen Sohn ! « » Und Maria ... « » Wohl , Gott sei Dank . « Er stürzte auf sie zu und hob die schwere Frau in seinen Armen in die Höhe und jauchzte laut . » Was heißt denn das ? « sagte sie . » Nimm dich zusammen . Sie ist noch matt . Wenn du dich nicht zusammennimmst , darfst du nicht zu ihr . « » Oh - ich nehme mich ... « er machte einen ungeheuren Aufwand an Selbstüberwindung , warf sich in die Brust , umschlang seine Base und zog sie mit sich fort . » Wilhelm , telegraphiere du an meine Mutter , an meinen Schwiegervater « , rief er noch atemlos zurück und durchmaß den ganzen Weg auf den Fußspitzen , betrat Marias verhängtes Zimmer unhörbar wie ein Sylphe und hätte am liebsten Wolkenform angenommen , um ihr zu nahen . Sie lag ganz still , war blaß - blaß bis an die Lippen und sah unendlich müde aus . Aber sie lächelte ihn an , glücklich , sanft und milde . Das Herz wollte ihm übergehen vor Rührung - doch sie haßte es , bedauert zu werden ; er durfte nichts sagen , er küßte nur leise ihre Hände und blickte dabei mit einer gewissen Verlegenheit nach einem weißen Bündel aus Stoffen , Spitzen , Stickereien , Bändern , das neben sie hingelegt wurde . » Ich gratuliere Ihnen zu einem Prachtbuben « , sprach der Professor , aus dem Nebenzimmer tretend . » Wo ? « stotterte Hermann , und Wilhelmine brach aus : » Jesus Maria , da doch ! « Da - ganz richtig . Unter den Stickereien und Spitzen guckte etwas hervor . Ein kleines braunrotes Gesicht , mit faltenbedeckter Stirn , mit lichtscheuen , fest zugedrückten Äuglein , einer Nase , die mit unzähligen kleinen gelben Pünktchen bedeckt war , und einem winzigen Mund . Es waren auch Pfötchen zu sehen , die unverhältnismäßig lange Finger hatten und die zartesten schmalsten Nägel . Das also war der » Prachtbub « , das war der » Sohn « . Hermann wunderte sich und küßte auch ihm die Hände . Maria erholte sich langsam , und Doktor Weise , der nach der Abreise des Professors Ordinarius geworden , wurde nicht müde , die größte Schonung zu empfehlen . » Besonders der Nerven . Nur keine Aufregung , Herr Graf , Fräulein Lisette , Fräulein Klara , nur keine Aufregung ! « - Er freute sich , daß die Taufe nicht vor dem vierzehnten Tage stattfinden konnte , weil es dem Grafen Wolfsberg , der durchaus selbst als Pate seines Enkels fungieren wollte , unmöglich war , früher einzutreffen . Der Graf schrieb oder telegraphierte täglich , und es schien Hermann , als ob diese Botschaften ihres Vaters Maria peinlich berührten . Zuletzt wagte er nicht mehr , sie ihr mitzuteilen . Nun aber fragte sie allabendlich : » Kommt der Vater ? « und als endlich die Antwort lautete : » Morgen « , da flammte eine fiebernde Röte auf ihren Wangen auf . Sie schloß die Augen , in kurzen , raschen Schlägen klopfte ihr Herz , eine unnennbare Bangigkeit überkam sie . » Was ist dir ? « fragte Hermann . » Maria , was bekümmert dich ? Es ist etwas , das dich bekümmert und das du mir verschweigst . « Sie seufzte tief auf . » Laß es « - bat sie , » wir wollen nie davon sprechen . Geh jetzt , es ist spät . Ich muß Ruhe haben und Kräfte sammeln für morgen . « » Natürlich « , erwiderte er und befand sich schon auf den Fußspitzen und schlug sein beliebtes Sylphentempo an . Maria winkte ihn zurück : » Eines möchte ich dich bitten - bringe es dem Vater vor . Das Kind soll Hermann heißen , Hermann Wolfgang ... Verstehst du mich ? Und dir , Lieber , möge es nachgeraten . « Er ging beseligt , er machte sich selbst zum Hüter der Ruhe , nach der sie verlangte . Mehr als Stille ringsumher vermochte er jedoch nicht herzustellen . Eine so tiefe Stille , daß Maria das Atemholen des Kindleins hören konnte , dessen Wiege dicht an ihrem Bette stand . - Es war unerhört brav , schrie gerade soviel , als sich ' s für einen zwei Wochen alten Jüngling gehört , sog seine Nahrung aus der mütterlichen Brust und schlief und lächelte oft im Schlafe . Und der Anblick seines Friedens war die einzig wirksame Labung , die Marias Seele empfangen konnte in dieser letzten Nacht vor dem Wiedersehen mit ihrem Vater . Ein Wiedersehen und keines - es sollte ja ein anderer Mensch vor sie treten , nicht der , den sie geliebt und angebetet , einer , der gelogen , betrogen und getötet - einer , den sie gerichtet hatte . Am nächsten Morgen war er da , völlig unermüdet , trotz der langen Reise . Den Wagen , der ihn auf der Station erwartete , hatte er seinem Kammerdiener überlassen und kam zu Fuß an . Ein tüchtiger Marsch in der tauigen Frühe war ihm Bedürfnis gewesen nach zweien im Waggon verbrachten Nächten