Worte wurden nicht mehr abgewogen , nicht mehr peinlich bedacht , gewählt , gesetzt . Adam verhielt sich allerdings im Ganzen ziemlich schweigsam . Herr Quöck sprudelte verschiedene pikant gewürzte Anekdoten heraus und mußte oft so herzlich über seinen eigenen Ulk lachen , daß ihm die Brille überschweißt wurde . Dann kramte er sein großes , gelbseidenes Taschentuch heraus und putzte mit zwinkernden Weinaugen über die Gläser hinweg . Die Hände waren roth , etwas aufgeschwollen , und ganz sicher gehorchten sie auch nicht mehr . Herr Oettinger erzählte allerhand italienische Reiseabenteuer . Die Ueberzeugung von seiner Unwiderstehlichkeit , die er heute Abend aus dem Benehmen Lydias ihm gegenüber folgern zu müssen geglaubt , verleitete ihn , seine an sich recht harmlosen Geschichten mit kühneren erotischen Pointen auszuschmücken . Der Herr Referendar bekundete in seiner Weinlaune eine ganz respectable Phantasie . Man spielte sehr unregelmäßig ... und man erlaubte sich schon allerlei kleine Freiheiten . Man guckte sich gegenseitig in die Karten und ignorirte kühn die Unantastbarkeit des Scats . Dabei wurde dem Weine wacker zugesprochen . Und die Stunden schienen etwas Besonderes darin zu suchen , sich überschnell aus dem Staube zu machen . Mit der Zeit wurde Adam matt , abgespannt . Er unterdrückte nur mühsam das Gähnen , und Wein und Cigarren verloren immermehr ihre Reize für ihn . Er trank öfter , nippte aber immer nur kleine Schlucke und kaute mechanisch den Nicotinsaft aus seiner Cigarre heraus . Ab und zu warf er ein gleichgültiges Wort in das Gespräch , welches Oettinger jetzt fast allein führte . Denn auch Herr Quöck kämpfte mit der überhandnehmenden Müdigkeit . Nach drei Uhr trennte man sich . Der Herr Referendar wankte und schwankte ein Wenig . Adam nahm sich des armen Kerls an und schob seinen Arm unter den Oettingers . Die Straßen lagen in tiefer Stille . Ab und zu begegnete den einsamen Nachtwandrern ein langsam heranspazierender Wächter . Manch ' einer dieser edlen Herren blieb breitspurig auf dem Trottoir stehen und beäugelte kritisch die vorüberstapfenden Spätlinge . Der Herr Referendar konnte einige herzhafte Redensarten über diese » zu-dringliche , ganz ver-fluchte O-cu-cular-Inspection « nicht unterdrücken . Er sprach überhaupt etwas laut , der ehrenwerthe Cylinderenthusiast . Die » Angströhre « saß ihm allerdings schief und verrätherisch nach hinten geschoben auf dem jugendlichen Haupte , das der erste , zarte Flaum einer discreten ... Platte zierte , wie Adam heute Abend mit dem banalen Genugthuungsgefühl eines berechtigten Sarkasmus wahrgenommen . » Feudales Weib , diese Lydia , nicht , Doctor - ? « phantasirte Herr Oettinger , » Göttergestalt - fescher Corpus - und dieser Busen - möchte wohl ' mal - nur ' mal küssen diese L ... l ... ippen - - Ah ! ... ah ! .... ent-zückend ! ... Uebrigens , Doctor - - sind doch ' n famoser Kerl - - gehen so ein-ein-trächtig Arm in Arm - wollen uns nur wieder ver-vertragen - ha ... ha ... Wollen nächstens ' mal Sect kneipen zusammen - ja - ? gloriose Idee - - bringen kleine Hedwig mit - na ? ... na ? ... Verhältniß anbändeln - - auch nicht übel - - auf Ehre ! werde das reizende Scheusal gelegentlich ' mal pou-pou-ssiren - - - « Adam ließ die Rede Oettingers Monolog bleiben . Er begnügte sich , die kargen Ueberreste seiner geistigen Wachbarkeitskräfte vor Allem zur Steuer ihrer nicht mehr ganz seetüchtigen Leibesfahrzeuge zu verwenden . Er hatte seine liebe Noth , den Herrn Referendar von allzu intimen Berührungen mit verschiedenen Häuserwänden zurückzuhalten . Plötzlich fühlte Adam das brennende Bedürfniß , allein zu sein . Ein Gedanke war in ihm aufgezischt , ein Wunsch war in ihm emporgesprungen , dessen Erfüllung der merkwürdigen , halb träumerisch-müden , halb bewegt-reizsuchenden Stimmung , die ihn gekapert hatte , entsprach . Er wollte noch einmal durch die Straße gehen , in welcher Hedwig wohnte , wollte noch einmal vor ihrem Hause stehen , noch einmal zu ihrem Fenster hinaufschauen . Vielleicht ... vielleicht gab es hinter den Gardinen , hinter den Vorhängen noch ein spätes , heimliches Leben , das ihm zarte Zeichen , eine geheimnißvolle , süße Kunde brächte . Doch er mußte allein sein . Und ganz Egoist , suchte er dem schwer athmenden , prustenden , oft ausspuckenden Oettinger begreiflich zu machen , daß es das Beste wäre , wenn er nun allein nach Hause wanderte . Der Herr Referendar war schon viel zu acut über sich hinausgekommen , um eines kräftigeren Widerstandes noch fähig zu sein . An der nächsten Ecke machte sich Adam von ihm los und überließ ihn seinem Schicksal . Man verabschiedete sich sehr kurz und abgerissen . Adam trottete eine Weile hin , ganz im Zwange seiner hüpfenden Gedankenschemen . Da merkte er , daß er sich in der Richtung geirrt . Er mußte umkehren . Und am Besten wäre es , wenn er die Straße , in die vor einer kleinen Weile Oettinger hineingeschwankt , kreuzte . Wahrhaftig ! Da drüben auf der andern Seite - da stapfte sein wackerer Zechgesell immer noch redlich fürbaß . Adam konnte sich nicht enthalten , mit verstellter , dumpf gurgelnder Stimme ein diabolisch-mysteriöses » Oettinger ! « über den Straßendamm hinüberzuknurren . Der geheimnißvoll Angerufene wandte sich jäh um und blieb stehen . Adam setzte seinen Weg mit großen Schritten fort und kicherte leise in sich hinein . So ! ... Nun war der Herr Referendar in den Schatten der Nacht hinter ihm verschwunden . Adam schluckte mit Behagen den kühlen Wind ein und setzte seine Füße emphatisch auf die Asphaltflächen . Grell , in scharf abgekantetem Rhythmus , hallte sein Gang wider . Einförmig und unförmlich lagen die Häusermassen da . Selten klebte sich in der Gegend der oberen Stockwerke ein magerer Lichtschein an die Riesentafeln . Die Gasflammen hüpften nervös in ihren Glaskäfigen hin und her . Es hatte geregnet . Ueber das Pflaster hin lagen hier und dort dunkelgelbe Reflexe gestreut . Oefter leuchtete