invalide Offizier , der invalide Mensch ist etwas Schreckliches . « » Top ! Ich werde mein Möglichstes thun . « » Ach , das haben Sie schon oft gesagt ... Und dann ... Und wegen dem Ludwig sollten Sie sich doch endlich an den König wenden , damit er wieder ins Vaterland zurück darf . Der arme Mensch verkommt in der Fremde ... In diesem rohen Amerika ... « » Brigitta ! ! Heute kein Wort mehr von diesem Unglücksmenschen , diesem Deserteur ... Und an den König ! Bist Du verrückt ? Wie kann ich an den hohen Einsiedler kommen ? Der sitzt auf seiner Alpenburg wie ein olympischer Gott , den keinerlei irdisches Leid rührt ; denn er hat genug mit sich selbst zu thun . Die Götter müssen sich auch um ihre Existenz wehren - das ist der tragische Spaß der Weltgeschichte . Sehe jeder , wie er ' s treibe , und wer steht , daß er nicht falle ! « » Wenn wir ihm nicht helfen ... « Die Alte schwieg , fast erschreckt , als sie seine strenge Miene sah und seine Stimme rauh und heiser klang . Aber nach einigen Sekunden lächelte Drillinger wieder , und seinen Schnurrbart streichend : » Dir zu Liebe will ich mir sogar einmal das Unerhörteste überlegen . Der Minister haßt mich zwar , ich weiß nicht warum , ich hab ' dem guten Mann nie etwas gethan . Ist heute übrigens auch gar nicht nötig , daß man etwas positiv Unrechtes thue , um nach oben in Mißkredit zu kommen . Es genügt schon , wenn man nicht in das allgemeine Horn tutet ; man verlangt noch Uniformität der Gesinnung und des Gehabens , selbst wenn man die Uniform ausgezogen hat . Man haßt die eigenartigen Köpfe - und behandelt sie verächtlich . Meinetwegen . Vielleicht entdecke ich doch einen Mittelsmann . Erlaubt Dein Befinden , daß ich mich jetzt zurückziehe ? « Die Alte nickte und reichte ihm die Hand . » Danke . « » Auf Wiedersehen zu Mittag . Laß inzwischen mein Täubchen für Dich braten und laß Dir ' s recht gut schmecken . Mir ist der Hunger vergangen . Im Notfall esse ich unterwegs einen Bissen . Hörst Du , wie frisch und fröhlich die Isar rauscht ? Auf Wiedersehen ! Ich bin bald wieder zurück , spätestens gegen Eins . Ich habe einige notwendige Gänge . « Schmerzversunken , rührte sich die alte Brigitta lange nicht von der Stelle . Das Sonnenlicht fiel wärmend auf ihren greisen , müden Leib . » Nein , nicht länger so hinbrüten , « dachte sie , als sie von draußen plötzlich die Stimme ihres Herrn vernahm , wie er , was allerdings selten genug geschah , das Dienstmädchen ausschalt . » Ich muß an die Wirtschaft . Wie der Psalmist sagt : Unser Leben währt siebzig Jahre und wenn es hoch kommt , sind es achtzig Jahre , und wenn es köstlich gewesen , ist es Mühe und Arbeit gewesen . Ja , eitel Mühe und Arbeit und Sorge ohn ' Unterlaß . « Als es aber draußen im Gang wieder stille geworden war und nichts als das eintönige Rauschen der Isar mit der lauen Frühlingsluft in die Stube drang , da rückte sich Brigitta das Kissen zurecht und wollte sich noch kurze Rast gönnen nach den bösen Stunden . Sie legte den Kopf auf die Lehne zurück und erhob ihre Augen nach oben . » Ja , Herr Gott , wenn es Zeit ist , dann laß Deine Dienerin in Frieden fahren - sie vermag wenig mehr zu richten in dieser Welt . « Dann schweiften ihre Augen an den Wänden . Dort hingen auf den dunkel gemusterten olivengrünen Tapeten eine Reihe von alten Kupferstichen in schwarzen Holzrahmen , Städtebilder , zur Erinnerung an liebe Orte , die einst im Leben der Drillingerschen Familie eine Rolle gespielt . Aus freundlicher Aufmerksamkeit für Brigitta hatte ihr Herr auch einige schweizer Landschaften dazwischen gehängt , auch eine Abbildung der Stadt Basel , wo Brigitta bei entfernten Verwandten einen Teil ihrer Jugend verlebt und den guten Grund zu ihrer Erziehung und ihrer fast protestantisch strengen Lebensauffassung gelegt . Auf einer Schweizerreise war es auch gewesen , wo sich ihre ersten Beziehungen zur Drillingerschen Familie anknüpften . Herr Dr. Karl v. Drillinger , Professor in München , hatte eine Schulfreundin Brigittas kennen und lieben gelernt und später zu seinem ehelichen Weibe genommen . Die erste Wiederbegegnung Brigittas mit der Baronin v. Drillinger hatte erst stattgefunden , als Ludwig und Max bereits halbwüchsige Buben waren und ihr nachgeborenes Schwesterchen Amalie , dem ein früh entwickeltes Lungenleiden schon im achtzehnten Jahre den Tod brachte , die Aufnahme einer Erzieherin wünschenswert machte . So war Brigitta als Gouvernante und Stütze ihrer gleichfalls kränkelnden und den Beschwernissen des Ehelebens nicht gewachsenen Freundin Helene in das Drillingsche Haus gekommen . Wie lange war das alles her ! Und doch dieser Schattentanz der Erinnerung , als wäre es gestern erst geschehen ! Und auch von dem alten Familienhause in der Vorstadt ist kein Stein mehr auf dem andern ... Freilich , wie dankbar war damals Brigitta der Fügung , die sie in dieser Familie ein sicheres Asyl und eine festumgrenzte Lebensarbeit finden ließ ! Und so fest schlug ihr Dasein hier Wurzeln und so gesegnet war ihr Wirken , daß nach Helenens Tod Herr Dr. Karl v. Drillinger der seitherigen treuen Stütze der Hausfrau die Hand zum ehelichen Bunde bot . Aber nach tiefer Gewissenserforschung mußte sie ablehnend antworten : es genüge ihr Rang und Pflicht der Wirtschafterin - - Im Grunde ihrer Seele war ' s freilich kein allzu schwerer Verzicht . Ihrer still ehrlichen Natur widerstrebte es , anders als in geräuschloser , nach außen unbeachteter und der gesellschaftlichen Kritik und Bosheit entrückter Weise diesem Hause zu dienen , nachdem über ihre eigene Familie Heimsuchung über Heimsuchung gekommen war . Drillingers Haus war ihr jetzt ein Refugium geworden - und