in Ragaz etwa sechs Wochen lang eine Kur machen , das hat der Herr Doktor befohlen , und dann sollen wir im Dörfli wohnen nachher , und ich soll dann an schönen Tagen auf die Alp hinaufgefahren werden in meinem Stuhl und den Tag über bei Dir bleiben . Die Großmama kommt mit und bleibt bei mir ; sie freut sich auch , zu Dir hinaufzukommen . Aber denk , Fräulein Rottenmeier will nicht mit . Fast jeden Tag sagt die Großmama einmal : Wie ist ' s mit der Schweizerreise , werte Rottenmeier ? Genieren Sie sich nicht , wenn Sie Lust haben , mitzukommen . Aber sie dankt immer furchtbar höflich und sagt , sie wolle nicht unbescheiden sein . Aber ich weiß schon , woran sie denkt : Der Sebastian hat eine so erschreckliche Beschreibung von der Alp gemacht , als er von Deinem Begleit nachhause kam , wie furchtbare Felsen dort herunterstarren und man überall in Klüfte und Abgründe niederstürzen könne , und daß es so steil hinaufgehe , daß man auf jedem Tritt befürchten müsse , wieder rücklings herunterzukommen , und daß wohl Ziegen , aber keine Menschen ohne Lebensgefahr da hinaufklettern können . Sie hat sehr geschaudert vor dieser Beschreibung und seither schwärmt sie nicht mehr für Schweizerreisen , wie früher . Der Schrecken ist auch in die Tinette gefahren , sie will auch nicht mit . So kommen wir allein , Großmama und ich ; nur Sebastian muß uns bis nach Ragaz begleiten , dann kann er wieder heimkehren . Ich kann es fast nicht erwarten , bis ich zu Dir kommen kann . Lebe wohl , liebes Heidi , die Großmama läßt Dich tausendmal grüßen . Deine treue Freundin Klara . Als der Peter diese Worte vernommen hatte , sprang er von dem Türpfosten weg und hieb mit seiner Rute nach rechts und links so rücksichtslos und wütend drein , daß die Geißen alle im höchsten Schrecken die Flucht ergriffen und den Berg hinunterrannten in so maßlosen Sprüngen , wie sie noch selten gemacht hatten . Hinter ihnen her stürmte der Peter und hieb mit seiner Rute in die Luft hinein , als habe er an einem unsichtbaren Feind einen unerhörten Grimm auszulassen . Dieser Feind war die Aussicht auf die Ankunft der Gäste aus Frankfurt , welche den Peter so sehr erbittert hatte . Das Heidi war so voller Glück und Freude , daß es durchaus am andern Tag der Großmutter einen Besuch machen und ihr alles erzählen mußte , wer nun von Frankfurt kommen , und besonders auch , wer nicht kommen werde ; das mußte für die Großmutter ja von der größten Wichtigkeit sein , denn sie kannte die Personen alle so genau und lebte mit dem Heidi alles , was zu seinem Leben gehörte , immerfort mit der tiefsten Teilnahme durch . Es zog auch beizeiten aus am folgenden Nachmittag , denn jetzt konnte es seine Besuche schon wieder allein unternehmen : die Sonne schien ja wieder hell und blieb lange am Himmel stehen , und über den trockenen Boden hin war es ein herrliches Bergabrennen , während der lustige Maiwind hinterhersauste und das Heidi noch ein wenig schneller hinunterjagte . Die Großmutter lag nicht mehr zu Bett . Sie saß wieder in ihrer Ecke und spann . Es lag aber ein Ausdruck auf ihrem Gesicht , als habe sie es mit schweren Gedanken zu tun . Das war so seit gestern Abend , und die ganze Nacht durch hatten diese Gedanken sie verfolgt und nicht schlafen lassen . Der Peter war in seinem großen Grimm heimgekommen , und sie hatte seinen abgebrochenen Ausrufungen entnehmen können , daß eine Schar von Leuten aus Frankfurt nach der Almhütte hinaufkommen werde . Was dann weiter geschehen sollte , wußte er nicht ; aber die Großmutter mußte weiter denken , und das waren gerade die Gedanken , die sie ängstigten und ihr den Schlaf genommen hatten . Jetzt sprang das Heidi herein und gerade auf die Großmutter zu , setzte sich auf sein Schemelchen , das immer da stand , und erzählte ihr mit einem solchen Eifer alles , was es wußte , daß es selbst immer noch mehr davon erfüllt wurde . Aber auf einmal hörte es mitten in seinem Satz auf und fragte besorgt : » Was hast du , Großmutter , freut dich alles gar kein bißchen ? « » Doch , doch Heidi , es freut mich schon für dich , weil du eine so große Freude daran haben kannst « , antwortete sie und suchte ein wenig fröhlich auszusehen . » Aber , Großmutter , ich kann ganz gut sehen , daß es dir angst ist . Meinst du etwa , Fräulein Rottenmeier komme doch noch mit ? « fragte das Heidi , selber etwas ängstlich . » Nein , nein ! Es ist nichts , es ist nichts ! « beruhigte die Großmutter . » Gib mir ein wenig deine Hand , Heidi , daß ich recht spüren kann , daß du noch da bist . Es wird ja doch zu deinem Besten sein , wenn ich es auch fast nicht überleben kann . « » Ich will nichts von dem Besten , wenn du es fast nicht überleben kannst , Großmutter « , sagte das Heidi so bestimmt , daß dieser mit einemmal eine neue Befürchtung aufstieg ; sie mußte ja annehmen , daß die Leute aus Frankfurt kommen , das Heidi wieder zu holen , denn da es nun wieder so gesund war , konnte es ja nicht anders sein , als daß sie es wieder haben wollten . Das war die große Angst der Großmutter . Aber sie fühlte jetzt , daß sie es vor dem Heidi nicht merken lassen sollte ; es war ja so mitleidig mit ihr , und da könnte es sich vielleicht widersetzen und nicht gehen wollen , und das durfte nicht sein . Sie suchte nach einer Hilfe , aber nicht lange , denn sie kannte nur