kalt , mit augenscheinlicher Selbstüberwindung , als ob sie höchst ungern eine zu hohe Rechnung bezahle . Das war ich dir schuldig , da hast du ' s ! ... Sie gab so schwer etwas weg von ihrer Armut , diese karge Seele . Ich aber , meine liebe Freundin , hatte nun erfahren , zu welchem Zweck mich Francine mit stündlicher Überwachung umgab , warum sie mir nachschlich auf Schritt und Tritt , unversehens neben mir auftauchte , wenn ich sie am wenigsten in der Nähe vermutete . Sie war eben nichts andres als ein elender Spion und berichtete über mich in Briefen an die Schwiegermutter des Grafen . Ich hatte sie oft schreibend gefunden , wenn ich durch ihr Zimmer kam , und gelacht über die Hast , mit welcher sie bei meinem Nahen ihr Gekritzel mit der Hand bedeckte oder in die Schublade schob . Angeekelt hat mich das alles , aber nicht besorgt gemacht . Ich war in mancher Hinsicht jünger als meine Jahre und dachte : Übles kann von mir nicht gesagt werden , wenn auch , wie Anka sich ausgedrückt hatte , alles gesagt wurde ; es fiel mir nicht ein , daß sich mehr sagen lassen könne als alles Wahre , nämlich etwas Falsches . 8 Wir befinden uns , wie Sie sich erinnern , im Jahre neun « , hub die Hofrätin von neuem an , » es ist im Beginn des Monats Mai . Daß unsre schönen Träume von einem siegreichen Vordringen unsrer Armee unter ihrem großen Führer sich nicht erfüllten , wissen wir bereits . Etwas ganz Bestimmtes , Unwiderrufliches haben wir aber noch nicht erfahren . Ein Mainachmittag also , ein gar lieblicher noch dazu ; der Doktor , Anka und ich kehren vom Spaziergang zurück , und wie wir uns dem Tore des Hofes nähern , sehen wir es offen und vor dem Schlosse einen großen Reisewagen stehen , schwer bepackt , mit vier Schimmeln bespannt . Anka ! ruft der Doktor , wessen Equipage ist das ? Wer ist angekommen ? Die Kleine schreit auf : Großmama ! Es ist Großmama ! und läuft , so schnell sie kann , in den Hof . Ich ging dem Kinde nach , ohne meine Schritte zu beschleunigen , und hatte alle Zeit , die Dame zu betrachten , die unbeweglich neben dem Grafen stand und ihre Enkelin heraneilen ließ . Sie blickte über Anka hinweg und hielt mich ins Auge gefaßt , aufmerksam , neugierig , ohne Mißgunst und ohne Wohlwollen . Erst nachdem Anka bei ihr angelangt war , beugte sie sich zu dem Kinde nieder , drückte es an ihre Brust und begann mit ihm zu plaudern . Ich sah die Gräfin zum erstenmal ; in der Stadt war ich ihres Anblicks nie teilhaftig geworden , und überrascht und unwillkürlich zweifelnd fragte ich : Die Großmutter ? Ist das möglich ? Die Dame eine Großmutter ? Der Doktor murmelte etwas von wunderbar erhalten , unglaublich konserviert , aber die Gräfin machte nicht den Eindruck einer gut konservierten , sondern wirklich den einer jungen Frau . Ihre hohe , junonische Gestalt bewegte sich mit der Leichtigkeit und Anmut jener Jahre , die für klassische Frauenschönheit die der höchsten Blüte und Entfaltung sind . Trotz des hellen Sonnenlichtes , von dem sie umwoben wurde , war nicht die Spur einer künstlichen Nachhilfe im rosigen Inkarnat ihres schönen Gesichtes zu bemerken . Ihre niedere Stirn , von glatt gescheiteltem , dunkelblondem Haar umrahmt , die klaren blauen Augen , die feine Nase , der liebliche , etwas schwellende Mund erinnerten an die verstorbene Gräfin . Dieser freilich sah man ihr Leiden schon an , als ich sie kennenlernte , während ihre Mutter sich der vollen Frische blühender Gesundheit erfreute . So heiter und sorglos sie dreinsah , so finster und verstört erschien der Graf : Schlechte Nachrichten ! rief er uns schmerzlich entgegen . Geschlagen ! Unsere Armee auf dem Rückzug , Bonaparte auf dem Wege nach Wien ! ... Ich bin auf der Flucht , Herr Doktor , sagte die Gräfin , auf der Flucht vor unsern heimkehrenden Truppen . Das sind jetzt traurige und beschämte Leute . Kolowrat übernachtet heut in meinem Hause . Der Arme ! Vor kurzem sprach ich ihn , da war er trunken von Siegeshoffnung . Ich konnte mich nicht entschließen , ihn jetzt wiederzusehen ... Er hat so große Enttäuschungen durchgemacht , er , und alle , alle ... Mademoiselle Helene , nicht wahr ? wandte sie sich an ihren Schwiegersohn , nachdem sie von neuem ihren glänzenden und teilnahmslosen Blick auf mir hatte ruhen lassen . Der Graf erwiderte , sie müsse mich von Wien aus kennen . Alles in ihm kochte vor Zorn über den Gleichmut dieser Frau . Sie nahm davon keine Notiz . Mais pas du tout , sagte sie . Ich hatte noch nicht das Vergnügen , und es ist eines , Sie zu sehen , mein liebes Kind . Nun , wenn es ihr eines war , sie gönnte sich ' s. So hartnäckig , so gleichsam zergliedernd , wie die Gräfin tat , hatte mich noch niemand betrachtet , und ich fühlte es : Sie weiß dich jetzt auswendig , sie könnte dich malen , sie könnte Rechenschaft geben von jedem Faden an dir , vom Band an deinem Hut bis zu dem an deinem Schuh . Und dabei beantwortete sie die Fragen , mit denen der Doktor sie bestürmte . Ja , ja , wir hatten furchtbare Verluste erlitten ; über das Schicksal ihrer Söhne jedoch konnte die Gräfin , Gott sei Dank , ruhig sein . Sie hatten sich wacker gehalten und waren in mörderischen Gefechten unversehrt geblieben . Aber der arme Stephan - ja der ... Was ist ' s mit ihm ? rief der Graf , der bisher geschwiegen , die Zähne zusammengebissen hatte und offenbar mit Widerstreben den Erzählungen seiner Schwiegermutter zuhörte . Er wollte wissen , was sie sagte ;