Aber er ist ja gestern abend an meiner Tür gewesen « , schrie der eine . » An meinem Fenster ! « schrie der andere . » Meine Nummern sind herausgekommen 2 , 5 , 27. « » Meine , meine 17 , 48 , 80. « » Schweigt , ich hab ' ein Terno , 46 , 57 , 89. « Der Lärm wurde immer größer - die Frau wußte sich der Anstürmenden nicht zu erwehren und schrie um Hilfe . Schließlich stand die ganze Gemeinde um den Laden , die Betroffenen wütend , die Zuschauer lachend . Der Knabe aber , der durch sein Nachahmungstalent den ganzen Spuk angerichtet hatte , saß zur selben Zeit mit ungewohntem Ernst zu Füßen seines Lehrers und nur zuweilen zuckte es wie ein Blitz über das blasse Antlitz . Dieses Talent entwickelte sich überhaupt immer mehr und es ist schwer zu sagen , ob die Juden von Buczacz mehr Freude oder mehr Verdruß davon hatten . Auch der harmloseste Mensch hört es gern , wenn man seinen lieben Nächsten ein wenig verspottet , und darum war Sender in den meisten Häusern ein gern gesehener Gast . Da stellte sich der Knabe hin : » Ratet , wer ist das ? « Und dann hörte man eine sanfte Lispelstimme : » Erbsen ! immer Erbsen ! Weib ! warum gibst du mir niemals Fleisch ? « Worauf eine polternde Frauenstimme erwiderte : » Mit Braten bist du aufgewachsen ? Verdien dir das Fleisch ! « Der Mann fuhr fort zu flehen , das Weib zu poltern - man brauchte bloß die Augen zu schließen und hätte schwören mögen , da zanke sich der kleine Chaim Roser wieder einmal mit seinem großen Weibe Rifka . Ein Hauptstücklein des Knaben war ' s , sonderbare Käuze in verschiedenen Gemütszuständen vorzuführen - zärtlich oder betrunken , zornig oder furchtsam . Seinem Lehrer hatte er vollends jede Gebärde abgeguckt - es war den Zuschauern fast unheimlich ob solcher Naturtreue . Aber er bedurfte dazu nicht erst langjähriger Beobachtung . Da war einmal ein berühmter Rabbi ins Städtchen gekommen , verweilte über den Sabbat und hielt am Vormittag eine Gastpredigt . Am Nachmittag war bei Moses Fränkel , einem reichen Manne , in dessen Hause der Rabbi abgestiegen war , zu dessen Ehren ein Fest . Niemand wurde besonders geladen , es war nach der Sitte dieser Kreise selbstverständlich , daß jeder kam , der Lust dazu hatte , Greise , Männer und Knaben . Darunter natürlich auch Sender . Während sich die Frauen des Hauses in einem Nebengemach um die Gattin des Gastes scharten , suchten die Männer den hochwürdigen Herrn nach Kräften zu vergnügen . Zu diesem Zwecke ward ihm auch Sender vorgeführt und machte seine Stücklein . » Könntest du auch nachahmen , wie ich rede ? « fragte der Rabbi . » Warum nicht ? « erwiderte der Knabe und begann eine Kopie der Predigt , Zug um Zug getreu , bis auf die Art des Atemholens . Die Leute sahen sich verlegen an , der Rabbi lächelte , aber immer gezwungener . Da ward die Tür des Nebengemachs geöffnet . » Verzeiht « , sagte die Dienerin , » aber die Rebbezin möchte hören , was ihr Mann predigt . « Die eigene Gattin des Mannes hatte sich täuschen lassen ! So ward Sender unter den nüchternen Leuten von Buczacz nicht selber nüchtern , steckte sie vielmehr mit seinen Torheiten an . Aber es ging dabei nicht immer so harmlos zu . Der schlanke , blasse Junge steckte voll Tücken und Nücken . Nur aus Übermut und weil es nun einmal Menschenart ist , seine Krallen zu brauchen , wenn man sie hat ; wer sie nicht hat , findet das freilich unverzeihlich . Aber gut war der Junge dabei doch , grundgut und warmherzig . Er achtete nicht auf Besitz . Schenken war seine Leidenschaft , und einmal kam er ohne Stiefel , ein andermal ohne Hut heim , weil er sie an Arme verschenkt hatte . Solche Züge versöhnten den guten , dicken Simon immer wieder mit seinem ungezogenen Zögling . » Eben ein Pojaz ! « sagte er achselzuckend . Minder gleichmütig nahm es die Rosel , als sie endlich nach zwei Jahren zum dreizehnten Geburtstage Senders nach Buczacz hinüberkam und die Ergebnisse der Erziehung überblickte . Mit dem vollendeten dreizehnten Jahre tritt der jüdische Knabe , wie bereits erwähnt , in den Bund der Männer , und dies ist auch in der Regel die Zeit , wo er einen bestimmten Beruf wählen muß . » Meine liebe Frau Rosel « , sagte Simon bekümmert , » fünfhundert Knaben habe ich bis zum dreizehnten Geburtstag unterrichtet , fünfhundert Ratschläge habe ich gegeben - Euch weiß ich keinen . Zum Handelsmann taugt der Junge nicht - er schenkt ja alles weg ! Zum Gelehrten auch nicht - er hat einen guten Kopf , aber keinen Fleiß ! « Die kluge Frau faßte sich rasch und wußte Rat . » Dann muß er eben ein Handwerker werden « , entschied sie und gab ihn zu einem Uhrmacher in die Lehre . So begann der dritte Abschnitt im Leben dieses sonderbaren Menschen , aber er endete jäh und bald . Auch hier ging anfangs alles prächtig . Der Lehrherr , Hirsch Brandes , war nicht bloß der beste Uhrmacher des Kreises , sondern auch einer der vernünftigsten Männer von Buczacz . Er hielt den Knaben kurz , und dieser fügte sich , solange ihn die veränderten Verhältnisse und das neue Handwerk interessierten . Dann begann er sich zu langweilen und machte tausend tolle Streiche . Und endlich auch einen , infolgedessen er die Stadt verlassen mußte . Da schlug nämlich einmal in später Abendstunde eines Herbsttages der Holzklöppel des Schuldieners von Buczacz , des kleinen , melancholischen Mendele , dreimal im wohlbekannten Takte an alle Fenster des Städtchens und mit seiner näselnden , ewig umflorten Stimme forderte Mendele die Leute auf , morgen