, während sie im Kreise ihrer schwärmerischen Genossen die überfüllte Phantasie entzügelte . Doch in jeder Jahreszeit einmal , wenn in der Natur die großen Veränderungen geschahen und die alten Menschen an die schnelle Vergänglichkeit ihres Lebens erinnerten und ihre körperlichen Gebrechen fühlbarer wurden , erwachte , meistens in dunklen schlaflosen Nächten , ein entsetzlicher Streit zwischen ihnen , daß sie aufrecht in ihrem breiten altertümlichen Bette saßen , unter dem einen buntbemalten Himmel , und bis zum Morgengrauen , bei geöffneten Fenstern , sich die tödlichen Beleidigungen und Zankworte zuschleuderten , daß die stillen Gassen davon widerhallten . Sie warfen sich die Vergehungen einer fern abliegenden , sinnlich durchlebten Jugend vor und riefen Dinge durch die lautlose Nacht aus , welche lange vor der Wende dieses Jahrhunderts in Bergen und Gefilden geschehen , wo seitdem ganze dichte Wälder entweder gewachsen oder verschwunden , und deren Teilnehmer längst in ihren Gräbern vermodert waren . Dann stellten sie sich darüber zur Rede , welchen Grund das eine denn zu haben glaube , das andere überleben zu können , und verfielen in einen elenden Wettstreit , wer von ihnen wohl noch die Genugtuung haben werde , den andern tot vor sich zu sehen . Wenn man am Tage darauf in ihr Haus kam , so wurde der greuliche Streit vor jedem Eintretenden , ob fremd oder bekannt , fortgeführt , bis die Frau erschöpft war und in Weinen und Beten verfiel , indes der Mann anscheinend munterer wurde , lustige Weisen pfiff , sich einen Pfannkuchen buk und fortwährend irgendeine Flause dazu hermurmelte . Er konnte auf diese Weise einen ganzen Morgen hindurch nichts sagen als immer : » Einundfunfzig ! einundfunfzig ! einundfunfzig ! « oder zur Abwechslung einmal : » Ich weiß nicht , ich glaube immer , die alte Kunzin da drüben ist heute früh spazierengeritten ! sie hat gestern einen neuen Besen gekauft ! ich habe so was in der Luft flattern sehen , das sah ungefähr aus wie ihr roter Unterrock ; sonderbar ! hm ! einundfunfzig « usf. Dabei hatte er Gift und Tod im Herzen und wußte , daß seine Frau durch das Betragen doppelt litt ; denn sie hatte keine Bosheit noch Mutwillen , um den Kampf auf diese Weise fortzusetzen . Was aber beide in diesem Zustande sich zuleide taten , bestand dann gewöhnlich in einer verschwenderischen Freigebigkeit , womit sie alles beschenkten , was ihnen zu nahe kam , gleichsam als wollte eines vor des andern Augen den Besitz aufzehren , nach dem ein jedes trachtete . Der Mann war gerade kein gottloser Mensch , sondern ließ , indem er in der gleichen wunderlichen Art wie an Gespenster und Hexen , so auch an Gott und seinen Himmel glaubte , denselben einen guten Mann sein und dachte nicht im mindesten daran , sich auch um die moralischen Lehren zu bekümmern , welche aus diesem Glauben entspringen sollten er aß und trank , lachte und fluchte und machte seine Schnurren , ohne je zu trachten , sein Leben mit einem ernstern Grundsatze in Einklang zu bringen . Aber auch der Frau fiel es niemals ein , daß ihre Leidenschaften mit dem religiösen Gebaren im Widerspruche sein könnten , und sie zeichnete sich vor ihren schmausenden Adeptinnen darin aus , daß sie niemals dem Ausdrucke dessen , was sie bewegte , einen Zügel anlegte . Sie liebte und hafte , segnete und verwünschte und gab sich unverhüllt und ungehemmt allen Regungen ihres Gemütes hin , ohne je an eine eigene mögliche Schuld zu denken und sich unbefangenerweise stets auf Gott und seinen mächtigen Einfluß berufend . Jede der Ehehälften hatte eine zahlreiche Verwandtschaft blutarmer Leute , welche im Lande zerstreut wohnten . Diese teilten unter sich die Hoffnung auf das gewichtige Erbe um so mehr , als Frau Margret , zufolge ihrer hartnäckigen Abneigung gegen unverbesserlich arm Bleibende , ihnen nur spärliche Gaben von ihrem Überflusse zukommen ließ und sie nur an Feiertagen gastlich speiste und tränkte . Alsdann erschienen von beiden Seiten her die alten Vettern und Basen , Schwestern und Schwäger mit ausgehungerten langnasigen Töchtern und bleichen Söhnen und trugen Säcklein und Körbe herbei , welche die kümmerlichen Gaben ihrer Armut enthielten , um die alten launenhaften Leute für sich zu gewinnen , und worin sie reichere Gegenspenden nach Hause zu tragen hofften . Diese Sippschaft war schroff in zwei Lager geschieden , die sich in dem Streite , der zwischen den Hauptpersonen herrschte , ebenfalls den Hoffnungen auf den frühern Tod des Gegners hingaben , um einst ein vergrößertes Erbe zu erhalten . Sie haßten und befeindeten sich ebenso stark untereinander , als die Leidenschaften Margrets und ihres Mannes das Vorbild dazu abgaben , und es entstand jedesmal , nachdem die zahlreiche Gesellschaft sich an dem ungewohnten Überflusse gesättigt und gewärmt hatte und der Übermut den anfänglichen Zwang auflöste , ein mächtiger Zank zwischen beiden Parteien , daß sich die Männer die übriggebliebenen Schinken , ehe sie dieselben in ihre Reisesäcke steckten , um die Köpfe schlugen und die armen Weiber sich gegenseitig unter die blassen spitzigen Nasen schimpften und über dem befriedigten Magen ein Herz voll Neid und Ärger auf den Heimweg trugen . Ihre Augen funkelten stechend unter den dürftig aufgeputzten Sonntagshauben hervor , wenn sie mit langen Schritten , die vollgepfropften Bündel unter dem Arme , aus dem Tore zogen und sich grollend auf den Scheidewegen trennten , um den entlegenen Hütten zuzueilen . Solcherweise ging es viele Jahre , bis die alte Frau Margret mit dem Sterben den Anfang machte und in jenes fabelhafte Reich der Geister und Gespenster selber hinüberging . Sie hinterließ unerwarteterweise ein Testament , welches einen einzelnen jungen Mann zum alleinigen Erben einsetzte ; es war der letzte und jüngste jener Günstlinge , an deren Gewandtheit und Wohlergehen sie ihre Freude gehabt hatte , und sie war mit der Überzeugung gestorben , daß ihr gutes Gold nicht in ungeweihte Hände übergehe , sondern die Kraft und die Lust tüchtiger Leute sein werde .