heimlichsten Grunde eine Stimme nein geflüstert hätte . So sagte sie denn ja und wurde in ehrfürchtiger Hingebung das Weib des Mannes , der ihr Vater sein konnte . Hilmar von Hartenstein aber sagte , eingeklemmt zwischen Trotz und Not : » Meintwegen auch die ! « und heiratete Brigitte Mehlborn . Das Resultat der weltlichen Ehe lag zurzeit selbst vor Freundesblicken noch im Nebel ; die geistliche Ehe dahingegen leuchtete bis in weite Ferne als eine jener » wohlgeratenen « , welche der große Meister Luther » die allersüßeste Gottesgabe « nennt ; der Familie aber , zu der sie sich je mehr und mehr erweiterte , gaben des Vaters unbedingte Autorität , seine kirchliche Ausnahmestellung und angeborene adlige Sitte ein Gepräge , das sie vor profanen Berührungen fast klösterlich abschied . So halb Prälat und halb Patriarch , mit einem merklichen Überguß vom Militär und Kavalier : so war der Mann , oder so erschien er mindestens Konstantin Blümel , nachdem dieser ein hochwertes Bild aus seiner Erinnerungsmappe mit dem gegenwärtigen Original verglichen und für dieses Original in der Galerie seiner Phantasiegestalten vergeblich nach einem Seitenstück gesucht hatte . Eine hohe , schmächtige Gestalt , das frische Kolorit und die tiefe Augenbläue aller Hartenstein bläßlich abgedämpft , der dunkle Reiseanzug von weltmännischer Einfachheit , nichts was an den Pietisten , aber auch nichts , was an die Eitelkeit der Gesellschaft erinnerte , vornehm vom Scheitel zur Zehe , herzenskühl und doch eiferartig : so sah Frau Hanna ihres Gatten vielbesprochenen einstigen Gönner , sah ihn ihrer Vorstellung gemäß , und weil sie ihren Konstantin kannte , begriff sie dessen stumme Verwirrung und war beflissen , den Pflichten landpfarrlicher Gastfreundschaft an seiner Statt gerecht zu werden . Sie nötigte Hochwürden in das behaglichere Wohnzimmer . Zu welchem Zweck ? der Raum genügte ja , meinten Hochwürden . Sie bot Erfrischungen an ; Hochwürden dankten dafür . Sie erlaubte sich die Hoffnung , Hochwürden ein Nachtlager in ihrem Hause annehmen zu sehen . Hochwürden erklärten , daß sie ihren Wagen nach dem Pächterhause vorausgeschickt und sich frische Postpferde dorthin bestellt hätten , da die Universitätsstadt noch vor Nacht erreicht werden sollte und an der neuen Verwandtschaft doch nicht ohne Gruß vorübergegangen werden dürfe . Der Propst - er selber nannte sich , analog seinem großen Vorbilde , den Doktor von Hartenstein - begleitete die letzten Worte mit einem Lächeln , welches die heitere Pfarrfrau nicht zum Mitlächeln reizte , hinterdrein jedoch einen lachenden Eifer in ihr entzündete . Sie sah , daß ihre Gegenwart im geistlichen Gemach von Überfluß sei , und zog sich mit der Verneigung einer alten , gräflichen Gouvernante zurück . » Geht mir doch , « so hatte sie bei einem ähnlichen Anlasse gesagt , » geht mir doch mit den Freunden , die sich vermessen , für uns durch Feuer und Wasser zu laufen ! Wann gerät denn ein Mensch in Feuers- und Wassersgefahr ? Und gerät er einmal hinein , ist es unter hundert Fällen neunundneunzig Mal nicht der Freund , sondern der erste Beste , der , rasch bei der Hand , die Hülfe bringt . Sein Alltagspäckchen sollen wir dem Freunde tragen helfen , vor den kleinen Scherereien , die der Fremde übersieht oder verlacht , nicht die Nase rümpfen und nicht erst Handschuhe anziehen , wenn es gilt , seinen Karren aus dem Sumpfe zu ziehen : nicht mehr , nicht weniger heißt das , was in der vierten Bitte unserm täglichen Brote zugezählt wird . « Dieser ihrer Auslegung vom täglichen Brote , das Frau Hanna selber » hausbackenes « nannte , gemäß , brach sie heute - drei Tage vor dem Danksagungsgottesdienst und dem heiligen Taufakt ! - die Klausur der Wochenstube , um ihrer guten Freundin in einer nie erlebten Verlegenheit mit den Erfahrungen einer in angesehenen Familien konditioniert gewesenen Hauswirtin unter die Arme zu greifen . Sie lachte hellauf , wenn sie sich den Wirrwarr im Pächterhause vorstellte , nachdem der fremde Diener den Besuch des vornehmen Herrn Vetters angemeldet hatte . Und just in der ersten Juliwoche , wo alle dienstbaren Hände bei der Ernte beschäftigt waren ! Schade , daß die kluge Pfarrfrau nicht auch im geistlichen Gemach die Mittlerrolle übernehmen durfte ! Sobald die beiden Amtsbrüder sich allein gegenüberstanden , der eine den anderen um Kopfeshöhe überragend und darum auch unwillkürlich auf ihn niederblickend , sagte der Fremde : » Sie werden in gegenwärtigen Zeitläuften nicht voraussetzen , Herr Prediger , daß ich auf einer Vergnügungs- oder Vetternreise hier haltgemacht . Mein Kommen gilt ausdrücklich Ihnen , das heißt dem Pfarrer . « Pastor Blümel verbeugte sich schweigend . Der andere fuhr fort : » Da mein Standpunkt sattsam bekannt ist , darf ich mir Präliminarien ersparen . « Wiederum eine stumme Verbeugung von seiten des Pfarrers . » Wohlan denn , Herr Prediger . Wie stellt sich das Pastorat Ihrer Ephorie zu der neuen Agende und der Durchführung der Union ? « Pastor Blümel wußte seit dem ersten Wort , worauf die Glocke ausgehoben . Er hatte sich zum Widerstande gefaßt und antwortete ruhig : » Man hat sie , soviel mir bekannt , einmütig als einen königlichen Akt versöhnender Christenliebe aufgenommen . « » Auch Sie ? « » Ich unbedingt . « » Und das Patronat ? « » Hat in Stadt wie Land keinen Widerspruch erhoben . « » Auch mein Bruder ? « » Seine Exzellenz schrieben mir auf meine Anfrage : die Heilsordnung , die meinem König genügt , wird auch mir genügen . Ich gedenke das nächste Abendmahl innerhalb einer unierten Gemeinde zu genießen . « » Es sieht ihm ähnlich ! « » Das freut mich , Hochwürden . « » Aber die Gemeinden ? « » Werden , soweit sie die Unterscheidung begreifen , sie nicht als eine Beeinträchtigung ihres protestantischen Bekenntnisses auffassen . « » Warum auch nicht ? Es sind ja Sachsen ! Landsleute der großen Aufklärer von Leibniz an bis Lessing und