Waise von Mutterseite und der Vater Schenkwirt , ein arger Hüter für dieses Kind . Ja , für dieses Kind . Daß ich es Euch vor die Augen zaubern könnte , warm , wie es nach einem halben Jahrhundert noch vor dem meinigen lebt ! So , wie es damals war , und so , wie es kaum merklich hineinwuchs in jedes folgende Stufenjahr : als Jungfrau , als Weib , als Matrone , das holdselige Kind Dorothee ! Aber wer beschreibt jener Sonntagsgeschöpfe eines , deren Wiege , wie die Redeweise läuft , die Liebesgöttin samt allen drei Huldinnen umstanden hat ? Und wenn ich den Pinsel statt der Feder zu führen verstände , so sähet Ihr vielleicht die feine , wie aus Wachs bossierte Gestalt , die leise gerundete Wellenlinie der Glieder ; Ihr sähet über dem Rosenknöspchen des Haupts den goldigen Flor , der wie ein Schleier bis zu den Knien niederwallte , sähet die Grübchen in Wangen und Kinn . Aber sähet Ihr auch die Purpurwoge unter der blütenweißen , blaugeäderten Haut ? Das schillernde Farbenspiel des Auges , wenn es , ein durchsichtiger Kristall , in dieser Sekunde sich lachend oder forschend in die Höhe schlug , und in der nächsten , dunkel beschattet , sich demütig zu Boden senkte ? Sähet Ihr das liebliche Neigen und Biegen , den raschen Übergang von flüchtiger Weisheit zu Scherz und Tändelei ? Hörtet Ihr das silberhelle Stimmchen die Tonleiter auf und nieder hüpfen , das herzige Gelächter gleich dem Locken des Pirols am sonnigen Maientag ? Doch was hilft es mir , in dieser Blumensprache von Anno dazumal fortzufahren ? Ihr werdet das Reizende in unserer kleinen » Dorl « aus seiner Wirkung auf andere verstehen lernen , die einzige Manier , in der das Reizende überhaupt geschildert und verstanden werden kann . Zu allernächst in seiner Wirkung auf mich selbst . In jenen Kindheitstagen , ei nun , so wie sie da dachte ich mir die Engelchen unter Gott-Vaters Baldachin , und die pausbäckigen Trompetenbläser in unserer alten Postille dünkten mich gar grobschlächtige , himmlische Gesellen neben meiner zierlichen , irdischen kleinen Dorl . Von Jahr zu Jahr aber wuchs der Zauber , welchen die Menschenschöne allezeit über mich ausgeübt hat - vielleicht weil ich ehrlicherweise sie in meinem Spiegel recht gründlich vermißte . Das Mädchen wurde meine Augenweide , das Wohlgefallen steigerte sich zum Wohlwollen , und ich würde Euch wahrscheinlich von einer schwesterlichen Jugendfreundschaft zu erzählen haben , wenn - ja wenn - - Wir hatten , fast von der Wiege ab , Stunde für Stunde miteinander gelebt ; wir waren gleichen Alters , gleichmäßig gebildet , beide arm ; sie war schön , und ich war es nicht ; - aber sie war eines Faßbinders Tochter und ich eine Freiin von Reckenburg ; es lag eine Kluft zwischen uns , für welche ich das Maß gleichsam mit der Muttermilch eingesogen hatte . Ich durfte ihre Vertraulichkeit empfangen , nicht erwidern , und trotz ihres Liebreizes oder just wegen ihres Liebreizes , der mir jeden weniger reizenden Umgang verleidete , war und blieb ich ein herzenseinsames Ding . » Die Rose und das Blatt , das sie schützend umgibt « , so hatte - wie er meinte schmeichelhaft für das Blatt - der ehrliche Taube uns in seinem Neujahrscarmen besungen , und das Stück grasgrünen Raschs , mit welchem die Frau Mutter einen recht vorteilhaften Jahrmarktshandel gemacht hatte , da es für meine ganze Kinderzeit als Bekleidungsstoff ausreichte , ihm ohne Zweifel als Vorwurf für den zweiten Teil seiner Metapher gedient . Kehren wir denn mit derselben in die Schulstube Christlieb Taubes zurück : Die Rose und ihr Blatt . Es würde Vermessenheit sein , zu behaupten , daß es niemals eine eifrigere und aufmerksamere Schülerin gegeben habe , als Kellermeisters kleine bewegliche Dorl . Ganz gewiß aber keine , mit welcher auch ein hitzköpfigerer Informator wie Christlieb Taube so bereitwillig Geduld gehegt haben würde wie er . Ohne Vermessenheit hingegen läßt sich behaupten , daß es selten eine Schülerin gegeben haben wird , so lernbegierig und beharrlich , wie die große , ruhige Hardine von Reckenburg , ebenso selten aber auch eine , die selber ein Taubenblut dann und wann in Verzweiflung bringen konnte . » Jungfer Grundtext « nannte sie der Herr Papa , wenn er gelegentlich Zeuge ward der unermüdlichen Wie ? und Wo ? und Wann ? und Warum ? , mit welchen sie den ihr zu Gebote stehenden Wissensborn bis auf die Grundneige auspumpte . Lerne was , kannst du was , heißts ! Ei nun , am Ende ihrer siebenjährigen Studienzeit konnte Schülerin Nummer eins , in geziemender Bescheidenheit sei es vermeldet , mit deutlicher Handschrift richtig Deutsch schreiben , auch die vier Spezies ohne Fehl im Kopfe wie auf der Tafel rechnen . Sie konnte die Stammtafel des Hauses Wettin und die Reihe der deutschen Kaiser bis auf Leopolds II. , seit kurzem regierende Majestät , insonderheit aber Doktor Martin Luthers großen und kleinen Katechismus am Schnürchen hersagen . Möglich , daß sie zu jener Zeit auch schon gewußt , die Erde drehe sich ; wenngleich mir dieser Kasus eher unter diejenigen zu gehören scheint , von welchen der Informator seufzend eingestand : » Das kann man so eigentlich nicht sagen , « und erleichtert aufatmete , wenn sein freiherrlicher Patron lachend hinzusetzte : » Ist auch sehr töricht , danach zu fragen . « Zum schwersten Kummer aber gereichte es unserem gewissenhaften Christlieb Taube , daß es bei alledem eine Ader und just eine Hauptader in seinem Borne gab , die er ohne erschöpfenden Erguß in sich selber verschließen mußte . Der freiherrliche Besitzstand erstreckte sich nicht auf ein Klavier , und da die Jungfer Grundtext ein hartes Ohr und eine ungefüge Kehle zu beklagen hatte , eine Kunstfertigkeit ohne Talent aber keine obligatorische Forderung der damaligen Erziehungsmethode war , so mußte die edle Musika von dem Lehrplane gestrichen werden . Nur die üblichen Kirchenlieder wurden