Art von gläubiger Zuversicht zu einem Manne auf , den ich eben erst , und das unter gewiß nicht Vertrauen einflößenden Verhältnissen kennen gelernt hatte , und dessen Name überdies verrufen war weit und breit . Vielleicht lag darin gerade für mich die größte Anziehungskraft . Der » Wilde Zehren « war in der Phantasie des Knaben gleich hinter Rinaldo Rinaldini und Karl Moor gekommen , und ich hatte meinen Freund Arthur , der die abenteuerlichsten Geschichten von ihm zu erzählen wußte , glühend um einen solchen Onkel beneidet . In den letzten Jahren war weniger von ihm gesprochen worden ; ich hatte den Steuerrath einmal - es war im Ressourcegarten - in meines Vaters und einiger anderer Herren Gegenwart » Gott danken « hören , daß der » tolle Christ « nun doch endlich auch vernünftig geworden sei und die Familie von der beständigen Angst , es werde einmal ein » böses Ende mit ihm nehmen « , sich erlöst halten dürfe . Bei derselben Gelegenheit war auch von einer Tochter des » Wilden « die Rede gewesen ; und die Herren hatten die Köpfe zusammengesteckt , und der Justizrath Heckepfennig hatte die Achseln gezuckt . Später erzählte mir Arthur , seine Cousine sei einmal mit einem jungen Hauslehrer davon gelaufen , aber nicht weit gekommen , da der Onkel den Flüchtlingen nachgeritten sei und sie noch vor der Fähre eingeholt habe . Uebrigens solle sie sehr schön sein , und da thue es ihm um so mehr leid , daß der Vater und der Onkel sich so schlecht ständen ; denn dadurch sei es gekommen , daß er Konstanze ( ich erinnerte mich des Namens ) als Kind einmal und dann nie wieder gesehen habe . An dies Alles , und was sich sonst daran reihte , dachte ich , während ich meine einfache Toilette vor dem halb erblindeten Spiegel mit dem braungewordenen Rococorahmen beendete und im Interesse der schönen Cousine meines Freundes die langsame Entwickelung des Bärtchens , das seit einiger Zeit meine Oberlippe zu schmücken begann , verwünschte . Ich ergriff den Seemannshut , den ich seit gestern Abend getragen , und verließ das Zimmer , Herrn von Zehren aufzusuchen . Doch zeigte sich bald , daß dieser selbstverständliche Wunsch nicht eben so einfach in ' s Werk zu richten war . Das Zimmer , aus welchem ich kam , hatte glücklicherweise nur zwei Thüren gehabt ; das , in welches ich trat , hatte aber bereits drei , von denen ich allerdings , wenn ich nicht wieder in mein Schlafgemach zurückkehren wollte , nur zwischen zweien die Wahl hatte . Es schien , daß ich nicht die rechte getroffen ; denn ich kam auf einen schmalen Corridor , welcher sein äußerst spärliches Licht durch eine verschlossene und mit einem Vorhang verhangene Fensterthür erhielt . Eine andere , zu der ich mich hintastete , öffnete sich in einen Saal von den stattlichsten Dimensionen , dessen drei Fenster auf einen großen parkartigen Garten gingen . Aus diesem Saal gelangte ich in ein großes , zweifenstriges Gemach , das nach dem Hofe heraus lag , und aus diesem glücklich wieder in dasjenige zurück , welches sich neben meinem Schlafgemach befand , und von welchem ich ausgegangen war . Ich mußte sehr lachen ; aber das Gelächter schallte so fremdartig-hohl , daß ich plötzlich wieder still wurde . Und es war kein Wunder , wenn mein Lachen in diesen Räumen befremdend klang . Sie sahen nicht aus , als ob sie in letzterer Zeit allzu viel Töne der Art vernommen hätten , wie lustig es auch früher in denselben mochte zugegangen sein . Denn auch dieser Raum war , wie mein Schlafgemach , so gut wie kahl , mit eben solchen zerfetzten Tapeten , zerbröckelnder Decke , wurmstichigen , halb zertrümmerten Möbeln , die einst ein fürstliches Gemach geziert haben würden . Und so war es in den übrigen Räumen , durch die ich gewandert war , und die ich jetzt bedächtiger als das erste Mal durchschritt . Ueberall dasselbe Bild der Verwüstung und Verödung ; überall stumme , wehmüthige Zeugen dahingeschwundenen Glanzes : hier und da an den Wänden lebensgroße Portraits , die gespenstergleich in den dunkeln Hintergrund , aus welchem sie einst hervorgeglänzt hatten , zurückzuweichen schienen ; zerbrochene Marmorkamine , in welchen eine dicke Staub- und Aschendecke auf halbverbrannten Scheiten lag ; in einem Raum ungeheuere Haufen von Büchern in alten , ehrwürdigen Einbänden von Schweinsleder , unter welche , als ich mich näherte , ein paar Ratten huschten ; in einem andern , sonst ganz leeren , eine Guitarre mit zerrissenen Saiten und die Scheide eines Galanteriedegens mit breitem seidenen Bandelier , das einst blau gewesen war . Ueberall Schutt und Staub und Spinngewebe , überall vergilbte oder zerbrochene Fensterscheiben , durch welche die Vögel Stroh und Unrath hereingetragen hatten ( an einem Stuckfries klebten sogar ein paar jetzt verlassene Schwalbennester ) ; überall eine dumpfe , modrige Atmosphäre , daß ich hoch aufathmete , als mich ein glücklicher Zufall , nachdem ich mindestens noch ein halbes Dutzend Gemächer durchwandert , auf einen weiten Flur gelangen ließ , von welchem eine breite Treppe aus Eichenholz mit alterthümlichen Schnitzereien nach unten führte . Auch dieses Treppenhaus , das einstmals mit seinen gemalten Fenstern und den dunkeln Panelen , die beinahe bis an die Stuckdecke reichten , mit seinen Hirschgeweihen , alten Gewaffen und Standarten ungemein stattlich und vornehm gewesen sein mußte , bot jetzt nur noch ein trauriges Bild von Verwüstung und Verödung , und langsam , ganz verwundert und gewissermaßen betäubt von Allem , was ich gesehen und noch sah , stieg ich die Treppe hinab . Mehr als eine Stufe knarrte und knackte , während mein Fuß sie betrat , und als ich zufällig die Hand auf das breite Geländer legte , fühlte das Holz sich sonderbar weich an ; aber es war nur der in Jahr und Tag aufgehäufte Staub , zu dessen Reich , wie es schien , auch die alte Treppe