Leben nehmen , wären wir nicht wie die Kinder geneigt , uns das Kommende , das Unbekannte , trotz aller unserer Erfahrungen , doch immer wieder schöner und verlässiger , als das Bekannte vorzustellen . Wer seines Lebens froh werden will , muß eigentlich gar keine Zeugnisse seiner Vergangenheit aufbewahren , denn damit allein gewinnt man die Möglichkeit , sich nur dessen zu erinnern , was man festzuhalten wünscht , und Alles zu vergessen , was man vergessen möchte . Der Caplan widersprach dieser Ansicht . Wer das Bestreben der Selbstvollendung hat , meinte er , muß sich vor sich selbst als Einheit aufzurichten wünschen und hat als Grundlage für seinen eigenen Fortschritt den genauen , klaren Ueberblick über seine ganze Vergangenheit nöthig . Mich dünkt , sagte er , ein jeder Irrthum , aus dem wir belehrt hervorgegangen sind , wird uns zu einem Antriebe , weiter in dem Streben nach Wahrheit fortzuschreiten ; jede Versuchung , jede üble Neigung , die wir besiegten , ist eine Ermuthigung für uns , jedes Unterliegen eine Mahnung zum Mißtrauen gegen uns selbst , und wenn ich auf meine ganze Vergangenheit zurückschaue , so möchte ich nicht eine Stunde derselben vermissen . Der Baron war von der Aeußerung überrascht . Ich kenne Sie doch nun über ein Vierteljahrhundert , sagte er , aber für so glücklich hätte ich Sie nicht gehalten . Nach Ihren Aeußerungen müssen Sie von dem Leben , von den Menschen keine Enttäuschungen erlitten haben ; dann freilich wären Sie zu beneiden , wären Sie glücklicher als ich gewesen bin ; aber ich habe das nicht geglaubt . Er brach damit plötzlich das Thema ab , als sei es völlig erschöpft , wenn er seine Ansicht darüber ausgesprochen habe , und der Caplan hatte keine Neigung und keinen Grund , es weiter fortzusetzen . Aber der Baron war aufgeregt und warf mit einer gewissen Heftigkeit noch einige Päcke Papiere in das Feuer , die hell aufflammten und bald als ein Häufchen Asche zwischen den großen Holzbränden versanken . Das wäre abgethan ! sagte er , und als sei mit diesen schriftlichen Zeichen entschwundener Jahre auch all dasjenige vernichtet , was der Baron nicht erlebt und gelebt zu haben wünschte , so erleichtert wandte er sich von dem Feuer ab . Er ging an sein Bureau , schloß eines der Fächer desselben auf , nahm einen Schmuckkasten von violettem Sammet heraus , der auf seinem Deckel das Wappen der Familie Arten trug , und zeigte , den Kasten öffnend , seinem Freunde den darin enthaltenen Schmuck . Sehen Sie einmal , sagte er , was Fassung thut ! Sie kennen ja unsern Familienschmuck ; aber wie viel schöner sieht er in seiner jetzigen Fassung aus , als in der früheren , in welcher meine Mutter ihn trug ! Er hielt ihn dabei gegen das Licht , daß die Flamme der Kerzen sich tausendfach in den schön facettirten Brillanten spiegelte , und schien große Freude an ihrem Glanze zu haben . Mich dünkt , der Schmuck ist größer und reicher , als ich ihn früher gesehen habe , meinte der Caplan . Das ist er auch . Sie wissen ja , daß es ein Uebereinkommen oder vielmehr eine Sitte unter uns ist , bei jeder neuen Uebertragung des Schmuckes auf eine neue Frau von Arten , den Schmuck zu vergrößern . Ich habe die fünf Solitaire , welche die Mitte des Colliers bilden , dazu gekauft , und die ganze Aigrette ist neu . Ich denke , daß sie Gräfin Angelika vortrefflich kleiden wird . Die fünf Steine , welche durch meinen Ankauf an der hinteren Seite des Halsbandes übrig geworden sind , habe ich als Pendeloques für die Brust-Agraffe fassen lassen , und so schön die Steine an und für sich sind , muß man es dem Juwelier , dem Jakob Flies , doch lassen , daß er ihnen durch die Art der Zusammenstellung einen ganz besonderen Glanz gegeben hat . Er ist fraglos einer der geschicktesten Juweliere und der honneteste Jude , der mir vorgekommen ist . Er blieb mit der Betrachtung des Schmuckes beschäftigt , nahm die einzelnen Theile mit einer fast weiblichen Genugthuung aus dem Etui heraus , hielt sie gegen das Licht und rief endlich : Keine Königin dürfte sich dieses Schmuckes schämen ! Dann legte er Alles in dem Etui zurecht , deckte das wattirte weiße Atlaskissen über die Brillanten und schloß das Kästchen mit dem goldenen Schlüssel wieder behutsam zu . Ehe er es aber in das Bureau setzte , ließ er den Caplan noch einmal die Arbeit des Etuis betrachten , welche sehr geschickt das alte , jetzt zu klein gewordene Schmuckkästchen nachahmte , und mit dem doppelten Behagen des Kenners und des Besitzers holte er noch vier , fünf ältere Schmuckkasten herbei , welche die Vorgänger des jetzigen gewesen waren . Man hatte durch alle Generationen die Form und Zeichnung des ersten Schmuckkästchens festgehalten , das einst einer der Herren von Arten seiner Braut als Hochzeitsgabe dargebracht hatte . Es machte sich also von selbst , daß der Baron dabei seiner Mutter und Großmutter , seiner Vorfahren überhaupt gedachte , und er , der sich eben noch gegen alle und jede persönliche Rückerinnerungen ausgesprochen hatte , fand sich bald in das liebevollste Gedenken an seine Eltern , in den stolzesten Rückblick auf sein Geschlecht versenkt . Er sprach von seiner Mutter , von seinem Vater , er verglich die Eigenschaften und den Charakter seiner verstorbenen Schwester mit denen seiner Braut , er entwarf Lebensplane für die Zukunft und war , wie sanguinische Menschen bei einem neuen Abschnitte in ihrem Leben es pflegen , voll guten Glaubens und voll guter Vorsätze . Er kam darauf noch einmal , als er dem Caplan die Trauringe zeigte , auf den jüdischen Juwelier zurück . Ich kenne ihn seit langen Jahren , mein Vater bediente sich seines Vaters schon , sagte er , aber ich habe mir niemals die Mühe genommen , mich weiter mit ihm