, wie sie hörte , jetzt in vollkommenem Deutsch geführten Gespräch zurück , aber die gutmüthigen Mienen ihrer Träger ließen auf ehrliche Dorfbewohner schließen . Lucinde war so angegriffen , daß sie mit sich geschehen ließ , was man thun wollte . Sie lehnte den Kopf an die Rückenlehne des Sessels und hörte nur . Endlich vernahm sie das Schlagen einer Thurmuhr und Hundegebell . Sich ein wenig aufrichtend , sah sie einige Lichter blinken , auf die man in gleichmäßiger Bewegung zuschritt . Der kleine Zug kam in ein stilles , schon in nächtlicher Ruhe sich wiegendes Dorf . Die hintern Begleiter hatten eine Straße abgeschnitten und waren den Trägern voraus . An der Kirche lag ein stattliches Haus , dem letztere durch ein zur Seite liegendes großes Hofthor schneller beikommen wollten ; doch der Kammerherr sprang heran und rief ein gellendes : Nein ! indem er auf den Haupteingang des Hauses selber zeigte . Seine Gestalt und Stimme bot in diesem Augenblicke einen ängstlichen Eindruck . Lucinde hätte gewünscht , von ihm minder geräuschvoll geehrt zu werden . Daß sie sich in einem evangelischen Pfarrhause befand , bemerkte sie bald an der Umgebung , die immer lebhafter und zahlreicher wurde . Eine freundliche Frau beklagte sie , erklärte sie ohne Zweifel für verirrt , für krank , und rühmte den Kammerherrn , der die Unglückliche entdeckt hätte , die an jener Stelle im Walde unfehlbar die Nacht würde haben verbleiben und sich vollends verderben müssen . Man trug Lucinden eine Treppe hinauf , in ein zwar niedriges , aber freundliches und sehr geräumiges Zimmer , neben welchem ein Cabinet mit Bett sich befand . Alles war schon hergerichtet zu ihrem Empfang . Jeder griff zu , jeder bot ihr Hülfleistung ; nur der Kammerherr stand unausgesetzt von fern und betrachtete , was er sah , wie eine Märchenerscheinung . Jetzt übersah Lucinde die ganze lange , starke , breitschulterige Persönlichkeit , deren zartes , fast süßes Benehmen mit diesem Aeußern in einem fast komischen Contraste stand . Ihre Erklärung , daß sie sich verirrt hätte , genügte vorläufig und verhinderte alle weitere Nachforschung . Man war bedacht , sie mit Speise und Trank zu versorgen und ihr die Ruhe eines weichen Lagers zu gönnen . Sie unterwarf sich auch jedem , was man zu ihrer Stärkung und Bequemlichkeit ersann . Sie war nur das willenlose Echo jedes gesprochenen Wortes bis auf das : Gute Nacht ! das man ihr zurückließ und das sie ebenso erwiderte . Sie hörte noch etwas wie den gezogenen Ton eines Wächterhorns und entschlief . Die weniger kräftige als zähe Natur Lucindens hatte sich am folgenden Morgen vollständig wieder erholt . Von einem wohlthätig über Nacht ausgebrochenen Schweiße merkte sie jetzt kaum noch etwas , als die gewonnene Stärkung . Sie richtete sich , wie die Sonne hell in die sehr niedrigen , aber wohnlichen Zimmer schien , hoch auf und lachte schon wieder über die Situation , in der sie sich befand . Man war schon um sie her beschäftigt gewesen . Sie fand schon Kleider , Wäsche , Hülfsmittel ihre Toilette zu machen , erfrischendes kaltes Wasser . Sie konnte annehmen , daß sie mit Oskar Binder in den von ihm so hochgerühmten Hotels der Seestadt Bremen angekommen und eine Gräfin war , als welche er sie überall behandeln zu wollen versprochen hatte . Bei dem Gedanken , ob der junge Mann nicht schon auf dem Wege ins Zuchthaus war , überlief sie eine peinliche Furcht . Sie erwog indessen ihren Antheil an seiner Schuld und durfte sich freisprechen bis auf den verlorenen Ruf . Letztere Betrachtung störte sie nicht zu lange : ihrer Natur widersprach es , sich um irgendetwas allzu viel Sorge zu machen . Die Kleider , die sie vorfand , entsprachen freilich der Vorstellung von einer reisenden Gräfin sehr wenig . Es waren leichte , vielfach gewaschene und von der Sonne ausgebleichte Kleider der Frau Pfarrerin . Sie zog einen der Röcke an und lachte über sich selbst , als sie in den Spiegel geblickt , von dem sie erst zwei sich kreuzende Pfauenfedern und eine Anzahl Visitenkarten und geschriebene Einladungen zu Mittagessen und Kaffeegesellschaften in der Umgegend wegnehmen mußte . Wie eine Großmutter ! sagte sie , von diesen Familienbezügen angeregt , zu sich selbst . Sie sann hin und her , wie sie sich helfen konnte , denn vollkommen gegenwärtig war ihr die Anwesenheit eines Mannes , den man Kammerherr genannt und der ja vor ihr anbetend auf den Knieen gelegen und sie wahrscheinlich spanisch oder arabisch begrüßt hatte . Leise hatte sie auch schon die an den Fenstern dicht herabfallenden gemusterten und roth umsäumten Musselingardinen gelüftet und richtig schon ihren Verehrer in dem kleinen Garten vor dem Hause auf- und abwandelnd erblickt . Lucinde war eitel genug , die glänzende Toilette , in der er erschien , auf ihre Veranlassung zu setzen . Er trug eine hellblaue Uniform mit goldgesticktem Kragen , mehrere Orden auf der Brust und einen dreieckigen Tressenhut auf dem schon wieder sehr rothen Antlitz . In gravitätischer Würde ging der Kammerherr durch die zierlichen Wege des kleinen Blumengärtchens auf und nieder und brach nur dann und wann zu einem Bouquet , das er schon in Händen hielt , noch eine Rose oder aus den Einfassungen der Beete eine Federnelke . Zunächst ordnete sie ihr verwildertes Haar . Sie legte es wie sonst wieder in Scheitel und Flechten . Um Locken zu machen , fehlte die Feuerzange ihrer Schwester . Diese Umwandlung dauerte lange . Sie wurde ihr aber angenehm durch eine ganz wunderbare Unterhaltung , die plötzlich durch das Haus ertönte . Eine Musik erfüllte die nicht unansehnlichen Räume desselben , und zwar mit einem Wohllaut , der höhern Sphären angehörte . Jedes Glas auf dem Tische , die Fensterscheiben , die Bilder an der Wand , ja , die klappernde Thür eines gußeisernen Ofens , alles schien von dieser Musik mit ergriffen , so mächtig brausten die Accorde durcheinander ,