Harrenden und wie sie immer hinaushorchte , um ihren Sohn kommen zu hören , so war sie eigenthümlich wach , und obgleich sie Niemand im Dorfe besuchte und mit Niemand sprach , wußte sie doch Alles , selbst das Geheimste was im Dorfe vorging . Sie errieth es aus der Art , wie sich die Menschen begegneten , aus abgerissenen Worten . Und weil dies wunderbar erschien , war sie gefürchtet und gemieden . Sie bezeichnete sich selbst gern nach einem landläufigen Ausdruck als eine » alterlebte Frau , « und doch war sie äußerst behend . Jahraus jahrein aß sie täglich einige Wachholderbeeren und man sagte : davon sei sie so munter und man sehe ihr ihre 66 Jahre nicht an . Eben daß jetzt die beiden Sechse beisammen standen , brachte sie auch nach einem alten Wortspiele in den Ruf einer Hexe , obgleich man nicht mehr recht daran glauben wollte . Man sagte : sie melke ihre schwarze Ziege oft stundenlang und diese gebe immer gar viel Milch , aber die schwarze Marann ' ziehe während sie melke nur immer den Kühen dessen , den sie hasse , die Milch aus dem Euter ; besonders auf des Rodelbauern Vieh habe sie es abgesehen . Und die große Hühnerzucht , die die schwarze Marann ' trieb , galt auch für Hexerei ; denn woher nahm sie das Futter dazu , und woher konnte sie immer Eier und Hühner verkaufen ? Freilich sah man sie oft im Sommer Maikäfer , Heuschrecken und allerlei Würmer sammeln , und in mondlosen Nächten wie ein Irrlicht durch die Gräben schleichen ; sie trug einen brennenden Span und sammelte die Regenwürmer die da herausschlichen , und murmelte allerlei dabei . Ja , man sagt , daß sie in stillen Winternächten mit ihrer Ziege und ihren Hühnern , die sie bei sich in der Stube überwinterte , allerlei wunderliche Gespräche hielte . Das ganze von der Schulbildung verscheuchte wilde Heer der Hexen- und Zaubergeschichten wachte wieder auf und wurde an die schwarze Marann ' geheftet . Amrei fürchtete sich auch manchmal in langen stillen Winternächten , wenn sie spinnend bei der Marann ' saß und man nichts hörte als manchmal das verschlafene Glucksen der Hühner und ein traumhaftes Mekern der Ziege ; und es erschien in der That zauberisch , wie schnell die Marann ' immer spann . » Ja , « sagte sie einmal , » ich meine , mein Johannes hilft mir spinnen , « und doch klagte sie wieder , daß sie in diesem Winter zum Erstenmal nicht mehr so ganz und immer an ihren Johannes denke . Sie machte sich Vorwürfe darüber und sagte : sie sei eine schlechte Mutter und klagte , es wäre ihr immer , als wenn ihr die Gesichtszüge ihres Johannes nach und nach verschwinden , und als ob sie vergesse , was er da und da gethan habe , wie er gelacht , gesungen und geweint und wie er auf den Baum geklettert und in den Graben gesprungen sei . » Es wäre doch schrecklich , « sagte sie , » wenn Einem das nach und nach so verschwinden könnte , daß man nichts Rechtes mehr davon weiß , « und sie erzählte dann Amrei mit sichtlichem Zwang alles bis auf ' s Kleinste und Amrei war es tief unheimlich , immer und immer wieder von einem Todten so reden zu hören , als ob er noch lebte . Und wieder klagte die Marann ' : » Es ist doch sündlich , daß ich gar nicht mehr weinen kann um meinen Johannes . Ich habe einmal gehört , daß man um einen Verlorenen weinen kann , so lang er lebt und bis er verfault ist . Ist er wieder zur Erde geworden , so hört auch das Weinen auf . Nein , das kann nicht sein , das darf nicht sein , mein Johannes kann nicht todt sein ; das darfst du mir nicht anthun , du dort oben , oder ich werf ' dir den Bettel vor die Thür . Da , da , vor meiner Thür , da sitzt der Tod , da ist der Weiher und da kann ich mich ersäufen wie einen blinden Hund , und das geschieht , wenn du mir das anthust ; aber nein , verzeih mir ' s guter Gott , daß ich so wider die Wand renne , aber mach ' da einmal eine Thür ' auf , mach ' auf und laß meinen Johannes hereinkommen . O die Freud ' ! Komm , da setz ' dich her , Johannes . Erzähl ' mir gar nichts , ich will gar nichts wissen , du bist da ; und jetzt ist ' s gut . Die langen langen Jahre sind nur eine Minute gewesen . Was geht ' s mich an , wo du gewandert bist ? Wo du gewesen bist , da bin Ich nicht gewesen , und jetzt bist du da . Und ich lasse dich nicht mehr von der Hand bis sie kalt ist . O Amrei , und mein Johannes muß warten , bis du groß bist , ich sag ' weiter nichts . Warum red ' st du nichts ? « Amrei war die Kehle wie zugeschnürt . Es war ihr immer , als ob der Todte dastünde , gespensterhaft ; auf ihren Lippen ruhte das Geheimniß und sie konnte es anrufen und die Decke fiel ein und alles war begraben . Manchmal war die Marann ' aber auch gesprächsam in anderer Weise , obgleich Alles auf dem einen Grunde ruhte , auf dem Andenken an ihren Sohn . Und schwer stellte sich hier die Frage der Weltordnung heraus : » Warum hier ein Kind todt , auf das die Mutter wartet , so zitternd , mit ganzer Seele wartet , und ich und mein Dami wir sind verlorene Kinder , möchten so gern die Hand der Mutter fassen und diese Hand ist Staub geworden ? « ... Das war ein