hatte , regte sich in ihrem Herzen . » Bist Du etwa schlechter als jene vornehmen Damen , die mit verächtlichem Lächeln auf die Dirne herabsehen , wenn ihr Auge zufällig auf Dich fällt ? Ist es Deine Schuld , daß Du so wenig gelernt hast ? Ach , wenn ich schneidern lernen könnte , ich wollte doppelt so viel arbeiten . « Die arme Anna - sie kannte kein höheres Ideal , als das Schicksal einer Putzmacherin . - - Thränen traten in ihre Augen . - Vertieft in ihre Gedanken bemerkte sie nicht , daß schon seit längerer Zeit Jemand ihr auf dem Fuße gefolgt war . Es war - so viel man in der trüben Atmosphäre bemerken konnte - ein noch junger , seiner Kleidung nach den höheren Ständen angehörender Mann , der Anna beim Heraustreten aus dem Laden bemerkt und sie seitdem mit keinem Blicke verlassen hatte . In der Nähe des Thors schien er zu einem Entschlusse gekommen zu sein . - So spät und in dieser Gegend allein , schönes Kind ? Fürchtest Du Dich nicht ? - Anna erschrak zuerst bei dieser plötzlichen Anrede einer unbekannten Stimme . Dann sah sie den unberufenen Frager groß an . - Warum sollte ich mich fürchten ? - gegenfragte sie . - Diese » Gegend « ist mein Vaterland . Es war gewiß ein sonderbarer Ausdruck , die Gegend einer Stadt sein » Vaterland « zu nennen . In Anna ' s Munde klang es jedoch ganz unaffektirt , obschon die Bitterkeit ihres Herzens sich darin mit einer für den Indifferenten nicht erkennbaren Wahrheit kund gab . In der That , wer im Berliner Voigtlande geboren und erzogen ist , für den giebt es keine Vaterstadt , sondern nur ein Vaterland , das Vaterland der Entbehrung , der Menschenknechtung , der Seelenschändung . Die Bewohner und Bewohnerinnen des Voigtlandes stehen außerhalb der menschlichen Gesellschaft , sie haben ihre eigenen Gesetze , ihre eigene Sitte , ihren eigenen Glauben . Sie bilden eine Nation für sich , eine Nation der Entwürdigung im Schooße der glänzenden Residenzstadt des mächtigen , frommen , intelligenten Preußens . Auch den Unbekannten mußte jener sonderbare Ausdruck frappiren , denn er konnte sich nicht enthalten zu fragen : Du willst sagen , daß Du Berlinerin bist , nicht wahr ? - Nein - antwortete Anna in demselben kalten und bittern Tone - ich bin Voigtländerin . Doch was geht Sie das an ? Was kann Ihnen daran liegen , wo ich geboren bin ? - Sehr viel - erwiederte der Fremde , fast verwirrt . - Ich gehe ein Stück mit Dir , wenn es Dir recht ist . - Es ist mir gleichgültig - erwiederte Anna , ohne sich weiter an ihren Begleiter zu kehren . Dieser war offenbar in Verlegenheit . Nach einer Pause , während welcher sie das Thor bereits passirt hatten , bot er ihr seinen Arm an . Anna sah ihn erstaunt an , lehnte es jedoch nicht ab , ihn anzunehmen . - Hast Du noch Eltern ? - - Ja und fünf Geschwister - - Da lebt ihr wohl sehr kümmerlich - Anna seufzte und schwieg . - Sei offen zu mir , Kind . Ich interessire mich für Dich . Vielleicht kann ich Dir helfen - wenn Du hübsch freundlich zu mir sein willst . - Und was würde Ihnen meine Freundlichkeit nützen ? Sie treiben Scherz mit mir . - Nein , wahrhaftig nicht - betheuerte der Fremde , welcher in Anna ' s Antwort eine halbe Nachgiebigkeit zu erkennen glaubte . - Damit Du siehest , daß ich nicht scherze , so höre meinen Vorschlag . Ich weiß , Du arbeitest jetzt bei P .... , nicht wahr ? - Ja - sagte Anna erstaunt , da sie sich nicht erklären konnte , woher der Unbekannte dies erfahren haben mochte . - Wie viel verdienst Du dort ? - Je nachdem ; wenn ich fleißig bin und des Tages 11 Stunden arbeite , 4 bis 5 Silbergroschen . - Wohlan , ich will Dir das Dreifache geben . - Fabriciren Sie auch Cigarren ? - fragte Anna naiv . Der Unbekannte lachte . - Nein , aber ich rauche welche , - antwortete er scherzend . - Dann kann ich nicht zu Ihnen kommen . - Und warum nicht ? - fragte Jener erstaunt . - Weil ich nichts Anderes verstehe . - Ah , dummes Zeug . Du wirst doch Stuben reinigen können ? - - Ja , das kann ich - sagte Anna erfreut . - Und Geschirr blank putzen ? - - Ja wohl , das kann ich auch - sagte sie , und ihre Freude stieg . - Und Gänge in die Stadt machen und einkaufen auf dem Markte ? - - Ei , versteht sich . Ich kann sogar etwas kochen . - Vortrefflich . So sind wir also einig . - Einig ? vorüber ? - Nun , daß Du zu mir ziehst , in meinen Dienst , meine ich . Ich gebe Dir monatlich 15 Thaler und freie Wohnung . Bist Du damit zufrieden ? - Gehen Sie , Sie wollen mich zum Besten haben . - Du bist sehr ungläubig , mein Kind . Um Deine Zweifel zu lösen , sieh ' hier Dein Handgeld . Er drückte ihr ein Goldstück in die Hand . - Mein Name ist Möller und meine Wohnung Behrenstraße * * . Morgen Vormittags um 11 Uhr erwarte ich Dich . Adieu . - Und Sie fragen gar nicht , wer ich bin und wo ich wohne . - Wozu ? - Morgen wirst Du mir ' s sagen . - Aber , wenn ich nicht komme ? - Nun , dann ? - Dann hätte ich das Goldstück umsonst bekommen . - Du bist eine Närrin - dann gingen Dir ja die 15 Thaler verloren und außerdem weiß ich ja , daß Du bei P .. arbeitest . -