vollendetes Werk beschützen kann , das die Natur in ihrem Allerheiligsten aufgestellt . Das beseligt mich ; das genügt mir ! Ich bin ein treuer Wächter , und werde es nicht dulden , daß der Vandalismus der rohen Begierde dies harmonisch gestimmte Saitenspiel zertrümmert . Das Gewitter hat sich entladen ! So folge Schlag auf Schlag - und sei er auch tödtlich ! Er wagt sein prinzliches Blut gegen das meine - er nimmt es auf mit dem Tod , dem uralten Demokraten ! Ich seh ' ihm dreist in das Auge ! Ich falle , wie der Soldat auf seinem Posten ! Oder ist meine Kugel dreist genug , ihm in ' s Herz zu dringen , und ihm unwiderleglich das Evangelium der Gleichheit zu predigen - so bezieh ' ich wieder meine Wacht , stumm und treu , ohne Dank zu verlangen ! Doch ich werde fallen - ich weiß es ! Solcher Tod ist schön - und das Leben könnte noch schmerzlich werden ! Es könnte anders kommen ! Eine Leidenschaft , so tief sie verborgen , so schwer sie gefesselt , könnte aufsteigen , maßlos , alles verlangend , alles durchbrechend , und den treuen Hüter zum frevelnden Räuber machen ! Dagegen giebt es nur ein Radikalmittel - der Tod ! Die Pistolen sind geladen ! Glück auf ! 11 Im Comtoir des Fabrikherrn Oburn war wenige Monate nach seiner Rückkehr vom Bade unter den Commis eine große Unruhe und Unthätigkeit wahrzunehmen . Die Feder hinter das Ohr geklemmt , sahen sie entweder neugierig in die nahe Fabrik , die von den Fenstern des Comtoirs zu übersehen war , oder auf den Buchhalter Ehrig , und flüsterten sich dabei verstohlen einige Worte in ' s Ohr . Das Gesicht des Herrn Ehrig gab ihnen indeß nicht den gewünschten Commentar - es war heute so undurchdringlich ernst , wie es immer zu sein pflegte . Nur die hohe , tiefgefurchte Stirn war noch etwas finsterer als gewöhnlich zusammengezogen , und die schwarzen intelligenten Augen verschlangen gleichsam die Zahlen des vor ihm aufgeschlagenen Hauptkassenbuchs . » Da muß es nicht richtig sein , « lispelte einer der pomade-duftigen Comtoristen seinem Nachbar zu , der ihm ähnlich sah , wie ein nichtssagender Abdruck ; » da fehlt ' s , o , das habe ich schon lange bemerkt . « Der Buchhalter , der mit seinem Ohr diese Bemerkung gehört , wandte sich rasch auf seinem runden , hohen Schreibsessel um , sah die faden Gestalten drohend an , und schien im Begriff , ihnen eine Lektion geben zu wollen , als das plötzliche Oeffnen der Thür , die zur Fabrik führte , und der Anblick , der sich ihm hier darbot , ihn alles andere vergessen machte . Zwölf Männer aus der arbeitenden Klasse , dem Greisenalter nah , sichtbar abgemagert , mit eingefallenen , hohlen Augen , den Rücken krumm gezogen durch übermäßiges Arbeiten , die Hände voller Schwielen , um den elenden Leib einige Kleiderfetzen hängend , traten langsam , einer nach dem andern , ein . Es waren die verschiedenen Werkmeister der Oburnschen Fabrik . Kummervoll überschaute Ehrig jede einzelne Figur ; doch er suchte seine Rührung zu verbergen , und frug ziemlich barsch : » Nun , was soll das ? Warum verlaßt ihr die Fabrik während der Arbeitsstunden ? Ich muß euch für diese Versäumniß die übliche Taxe eures Wochenlohns abziehn . Geht schnell zurück ; was wollt ihr hier ? « Da ergriff der älteste unter ihnen , Webermeister Schmidt , das Wort : » Was wir wollen , Herr Buchhalter , das will ich Ihnen jetzt im Namen aller meiner Kameraden sagen . Wir sind hier um mit unserm Herrn zu reden , weil wir nicht Hungers sterben wollen mit Weib und Kind . Das ist wahrhaftig Grund genug ! Ihr Herren wißt nicht , wie weh der Hunger thut , wie es einem alten Vater fast das Herz bricht , wenn die Kinder , die ihm der Himmel geschenkt , vergeblich nach Brod rufen . Ja , Herr Ehrig , so kann es nicht länger mit uns bleiben ! Wir sind Menschen und wollen auch menschlich leben . Vor Jahren , als Herr Oburn diese Fabriken gründete , bekamen wir doch wenigstens Lohn genug , um , wenn wir des Tags rechtschaffen und fleißig gearbeitet , des Abends ein gesundes Nachtessen zu genießen , und in einem reinlichen Bett Kräfte für den kommenden Morgen zu sammeln . Sonntags ruhten wir uns aus , gingen mit unseren Kindern in die Kirche , und dankten dem lieben Gott für die Wohlthat der Ruhe . Dann gings in die Schenke ; und bei einem Kruge Bier , bei einer Pfeife Taback vergaßen wir alle Lasten des Lebens . Mehr brauchen wir nicht - dabei waren wir glückliche Leute , und trösteten uns dafür , daß wir auf Erden nicht alle gleich sein können , mit der Hoffnung auf ein besseres Jenseits . Denn wer hier Arbeit und Mühsal hat , dem verspricht ja die heilige Schrift im Himmel tausendfältigen Lohn . Mit uns ist ' s aber von Jahr zu Jahr schlechter geworden . Unser Herr ward inzwischen ein reicher Mann . Unser saurer Schweiß hat die Fabriken gehoben , und das Gold in seiner Kasse gehäuft . Wir meinen denn , da wär ' s recht und billig gewesen , uns eine kleine Zulage zu geben . Es hätte uns schon gefreut , weil wir des Herrn Freundlichkeit und Menschenliebe daraus ersehen . Und das thut wohl , und weckt auch bei uns Liebe und Vertrauen , und in die Arbeit kommt ein guter Geist . Doch statt einer verdienten Zulage , hat man uns nach und nach immer mehr Abzüge gemacht , so daß jetzt unser ganzer wöchentliche Verdienst sich auf anderthalb Thaler beläuft . Davon können wir mit unseren Familien nicht leben . Sehen Sie unsere morschen , ausgemergelten Knochen - woher soll uns die Kraft kommen , Tag für