der That nicht ; aber sicher ein herzlich schlechter Christ , da ich ein Jude bin . Gönnen Sie mir also immerhin die Belehrung durch Ihr Beispiel . Wenn es mich auch nicht bekehrt , so bessert und erfreut es mich , und für Beides bin ich Ihnen nur zu gern verpflichtet . Damit empfahl er sich und ließ Clara in eigenthümlicher Bewegung zurück . Sie hatte ihren Arzt liebgewonnen und ein unbedingtes Zutrauen zu seiner Behandlung gefaßt , sie achtete ihn als Mann , heute hatte sie ihn tief in ihrer Seele lesen lassen . Das Unglück ihres ganzen Lebens , das Niemand kannte , hatte sie ihm enthüllt , er hatte sich dabei gegen sie wie ein Bruder mild und gut gezeigt , sie war ihm näher getreten , als jemals einem andern Manne , und - er war ein Jude . Sie erschrak , und mußte doch lächeln , denn sie hatte es gewußt , und die Ihrigen hatten sie damit geneckt , daß sie darauf bestanden , sich nur von einem Arzte des » auserwählten Volkes « behandeln zu lassen . Man hatte sie oft genug um den eigentlichen Grund dieser Wahl gefragt , und doch konnte sie die Thatsache so ganz vergessen , daß sie sie in diesem Augenblicke überraschte . Noch vor einigen Tagen hatte William , der öfter in ihrem Krankenzimmer erschien , mit großer Theilnahme von der Meierschen Familie gesprochen , und dafür eine Strafpredigt der Commerzienräthin aushalten müssen , die er mit verständigen Gründen zurückgewiesen hatte . Jetzt war Clara völlig seiner Ansicht . Sie nannte William in ihrem Herzen einen guten aufgeklärten Menschen - aber Eduard war mehr als das . Sie mußte an sein klares , kluges Auge denken , an seine freie Stirne , und sein jüdisches Gesicht kam ihr fast schön vor . Ob Christus wohl auch ähnliche Züge gehabt haben mag ? fragte sie sich , und immer und immer wieder an ihn denkend , sank sie endlich in einen festen Schlaf , in dessen Träumen William und Eduard und der Heiland , wie die alten Bilder ihn uns zeigen , in einander flossen , und aus dem sie erst am frühen Morgen neu gestärkt erwachte . Weniger ruhig sollte dem armen Eduard die Nacht vergehen . Während ihn Jenny längst mit seiner schönen Kranken aufzog und seine Mutter an jenem Abend das Geheimniß seines Herzens entdeckt zu haben glaubte , ja mit mütterlicher Sorge bereits dem Vater davon Mittheilung gemacht hatte , merkte der Doctor es noch nicht , daß Clara ihn mehr , als irgend eine seiner andern Kranken beschäftigte . Später als gewöhnlich war er an dem Abende zu den Seinen heimgekehrt . Er fand sie ganz allein . Seine Eltern und Jenny saßen traulich beisammen , er sah , daß man ihn erwartet und vermißt hatte . Komm her , mein Sohn , rief ihm der Vater entgegen , setze Dich zu uns und erzähle , wo Du so lange geblieben bist . Eduard gab den Bescheid , er hätte Fräulein Horn noch besucht . Jenny erkundigte sich nach ihrem Ergehen , er sagte , daß die Genesung nur langsam vorwärts schreite , und daß die Kranke viel Schmerzen ertragen müsse . Da könntest Du Geduld und Ruhe lernen , Jenny , schloß er seine Rede . Es scheint , als ob Clara überhaupt eine gute Lehrerin ist , antwortete jene schnippisch , denn es ist nicht zu leugnen , daß sie Dir auch manche Begriffe beigebracht hat , die Dir früher nicht geläufig waren . Ich sagte es noch gestern zur Mutter , das ewige Politisiren hast Du Dir ziemlich abgewöhnt , dafür bist Du aber so zerstreut und träumerisch geworden , daß Du gar nicht hörst , wenn man mit Dir spricht . Entweder macht Dir Deine Patientin solche Sorgen oder Du langweilst Dich bei uns zu Hause . Eduard hörte das gelassen an , und seine Mutter meinte : Etwas selten bist Du wirklich in der letzten Zeit zu Hause geworden , und verändert finde ich Dich auch , mein Sohn ! Kannst Du uns sagen , woher das kommt , so wirst Du mich beruhigen . Was Ihr für närrische Frauen seid ! rief der Vater lächelnd . Ist denn das Leben nicht täglich neu , die Natur nicht täglich verändert , und Eduard sollte unwandelbar die gleiche Stimmung haben ? Könnt Ihr wissen , was in seinem Berufe sich für neue Verhältnisse seinem Geiste aufdrängen , und wie klein und beschränkt ihm Eure Interessen gegen die seinigen oft erscheinen mögen ? Da kommt Ihr mit Euren Haus-und Familiengeschichten und wundert Euch , wenn man nicht mit Antheil danach hört , und nennt das kalt , nennt es zerstreut . Eduard hat , wenn er einst selber Hausherr sein wird , die Kunst zu lernen , mit dem Ohr zuzuhören , ohne daß das Gehörte bis in den Kopf dringt , das lernt sich aber mit den Jahren . Wollte Gott ! sagte die Mutter , augenblicklich zugreifend , wo ihr eine Handhabe für ihr Lieblingsthema dargeboten ward ; wollte Gott , Eduard wäre erst so weit . Ungebunden , wie er jetzt ist , läßt er sich in Dinge ein , die ihn nicht kümmern ; er nimmt , wie man so sagt , kein Blatt vor den Mund , er äußert politische Ansichten und Hoffnungen , die unnöthig die Augen der Regierung auf ihn gerichtet erhalten , und wenn man ihn warnt , heißt es ein für allemal : Was thut ' s ! ich bin ja unabhängig , ich bin ungebunden ! Das heißt , erläuterte der Vater , Du möchtest unserm Sohne mit dem süßen Rosenband der Ehe zugleich eine tüchtige Kette anlegen , eine möglichst kurze , damit er nicht zu große Sprünge machen könne . Die Mutter macht ' s wie Julia in Shakespeare , » so liebevoll mißgönnt sie ihm die Freiheit . « Freundlich nahm der Sohn die Hand der