freie Hand . Sie sagten , in den Linien Schnuck-Muckelig und Schnuck-Puckelig seien alle Gefühle seit Jahrhunderten der heraldisch-richtigen Bahn gefolgt . Es lasse sich also nichts daran ändern und modeln , was ihre Tochter empfinde . Um die Zeit der vielfältigsten und heißesten Bewerbungen machte ihr Vater mit den Seinigen eine der obengedachten Erholungsreisen zur Stärkung auf die Beschwerden der Jagd und des Spiels . Der Ausflug war diesmal in die Bäder von Nizza gerichtet . Die Familie reiste unter fremdem Namen , denn sechs feurige Landjunker hatten geschworen , dem Fräulein nachzueilen bis an das Ende der Welt , und sie wollte allein sein , allein mit ihrem Nußknacker , dem heiligen Meer und den ewigen Alpen gegenüber . Die Familie hieß in Nizza die von Schnurrenburg-Mixpickelsche . Eines Tages gehen Schnurrenburg-Mixpickels am Strande spazieren ; das Fräulein geht etwas voran , den Freund im Ridicüle . Plötzlich sehen die Eltern sie wanken ; der Vater springt zu , und empfängt die Tochter in seinen Armen . Bleich ist ihr Antlitz , aber von Entzücken strahlen ihre Augen , sie liegt wie eine Selige am Busen des Vaters . Ihre Blicke dringen schüchtern in die Ferne , und kehren dann wie mit goldnen Schätzen der Wonne beladen , in sich zurück . Auch die Eltern erstaunen , als sie den Blicken der Tochter in die Ferne folgen . Denn von der andern Seite des Strandes schreitet ihnen eine Gestalt entgegen , Nußknacker zu entzünden . Von schöner , gedrungner , proportionierlicher Gestalt , sprach sich in allen seinen Gliedern männliche Kraft aus , aus seinem glänzenden , hellroten Gesichte mit breiten , festen Kinnbacken leuchtete der Entschluß , auch die härteste , vom Geschick ihm vorgelegte Nuß zu im großen , weiße Unterkleider , rote Uniform , Federhut , grellblaue , und doch milde Augen , hellrot-glänzendes Gesicht , wie lackiert , breiter Mund , verborgen von der wunderbaren Fülle des schwarzen Schnurrbarts , eine schöne gedrungne Gestalt , Kraft in allen Gliedern , kurz Nußknacker in jeder Miene , Form , Falte . Besorgt tritt er hinzu und fragt , was der Dame fehle ? Der Vater fragt ihn seinerseits : mit wem er die Ehre habe ... ? » Ich bin « , versetzt der Fremde , indem er die Nasenflügel zitternd bewegt , und mit den Augen zwinkert , » Signor Rucciopuccio , von Geburt ein Senese , in Kriegsdiensten Seiner Majestät , des Kaisers aller Birmanen , bei den Truppen auf europäische Art , Kommandeur der sechsten Elefantenkompanie . « » Ei der tausend , da sind Sie wohl verteufelt weit her ? « fragte der alte Baron . » Es geht noch « , erwiderte der Fremde , indem er sich in den Hüften zurechtrückte , daß die Gelenke knackten . Der Alte fragte ihn über die Birmanen aus , die Mutter musterte die Stickerei an seinem Kragen , Emerentia flüsterte , in einen Abgrund von Glück verloren , nichts als : » O Rucciopuccio ! .. « So kamen sie in das Hotel der Familie , wo sich der Fremde nach kurzem Verweilen beurlaubte mit der Bitte , seine Besuche wiederholen zu dürfen , und nachdem er die Augen nochmals bedeutend-zwinkernd auf Emerentia geworfen hatte . Laßt mich von ihr schweigen ! Der Traum ist Wahrheit geworden , das Herz hat sich seinen Wunsch verkörpert , und in die Sichtbarkeit ausgeschaffen ! Am andern Tage läßt sich der Kommandeur der sechsten birmanischen Elefantenkompanie wieder anmelden . Wo das Schicksal gesprochen hat , sind die Menschen über Worte hinweggehoben . Er tritt in die eine Türe , sie tritt in die andre ; er zupft am Schnurrbart , sie zupft am Schnupftuch ; heut wird er blaß , und sie wird rot , er breitet die Arme aus , sie breitet die Arme aus , er neigt sich zu ihr , sie neigt sich zu ihm , und : » Füreinander geschaffen ! « ist der erste Laut , den ihre glühenden Lippen nach der Wonne des ersten Kusses finden . » Füreinander geschaffen ! « wiederholt Rucciopuccio beteuernd , indem er abermals mit den Augen zwinkert und die Nasenflügel zitternd bewegt . Aber diesem rascherblühten Lenze der Liebe folgte ein verheerender Sturm , der alle Rosen jählings zu knicken drohte . In Emerentien erwachte nämlich die ganze Dialektik feinfühlender weiblicher Herzen , wenn sie nicht wissen , was sie wollen . Die Arme fühlte sich durch einen scharfen Konflikt der Gefühle zerspalten . Der Nußknacker war ihr Ideal , ein Fürst von Hechelkram ihre Zukunft , der Birmane Rucciopuccio aus Siena die Gegenwart und Wirklichkeit . Sollte sie dem Ideale und der Zukunft untreu werden um Gegenwart und Wirklichkeit ? Sollte sie Wirklichkeit und Gegenwart opfern und bei Ideal und Zukunft vielleicht eine alte Jungfer werden ? Böse Wahl , schreckliche Kämpfe , die alle Götter und Dämonen ihres Busens aus dem Schlummer weckten ! Eine weibliche Feder wird in einem Anhange zu den gegenwärtigen Erzählungen diesen Teil von Emerentias Geschichte ausmalen . Nur eine Schriftstellerin versteht sich auf die Entzaserung aller der geheimen Fasern und Zasern , welche das Gewebe solcher Nöte bilden . Endlich siegten Gegenwart und Wirklichkeit über Zukunft und Ideal . Das Schicksal räumte nämlich zuvörderst das Ideal hinweg , indem es die Hand der Mutter leitete . Diese ergriff , als sie einmal sich von der Tochter unbemerkt wußte , den Nußknacker , und ließ ihn auf den Kehricht hinter dem Hotel werfen . Dahin gehörte er auch , nachdem er seine Mission erfüllt , und die Idee , deren hölzerner Träger er gewesen war , volles geschichtliches Leben in Rucciopuccio gewonnen hatte . Rucciopuccio aber schwor , als er bei seiner Geliebten auf den Grund des Kummers gedrungen war , ihr mit heiligen Eiden bei dem Affen Hannemann : er sei eigentlich ein Hechelkramischer Fürst , ein vertauschter Knabe , durch teuflische Kabale nach Siena gebracht , und von dort zu den Birmanen verschlagen . Bald