Stifts kam , da sah ich durch das Schlüsselloch bis nach ihrer Tür , bis mir aufgetan ward ; - ihre kleine Wohnung war ebner Erde nach dem Garten ; vor dem Fenster stand eine Silberpappel , auf die kletterte ich während dem Vorlesen ; bei jedem Kapitel erstieg ich einen höheren Ast und las von oben herunter ; - sie stand am Fenster und hörte zu und sprach zu mir hinauf , und dann und wann sagte sie : » Bettine , fall nicht « ; jetzt weiß ich erst , wie glücklich ich in der damaligen Zeit war , denn weil alles , auch das Geringste , sich als Erinnerung von Genuß in mich geprägt hat ; - sie war so sanft und weich in allen Zügen wie eine Blondine . Sie hatte braunes Haar , aber blaue Augen , die waren gedeckt mit langen Augenwimpern ; wenn sie lachte , so war es nicht laut , es war vielmehr ein sanftes gedämpftes Girren , in dem sich Lust und Heiterkeit sehr vernehmlich aussprach ; - sie ging nicht , sie wandelte , wenn man verstehen will , was ich damit auszusprechen meine ; - ihr Kleid war ein Gewand , was sie in schmeichelnden Falten umgab , das kam von ihren weichen Bewegungen her ; - ihr Wuchs war hoch , ihre Gestalt war zu fließend , als daß man es mit dem Wort schlank ausdrücken könnte ; sie war schüchtern-freundlich und viel zu willenlos , als daß sie in der Gesellschaft sich bemerkbar gemacht hätte . Einmal aß sie bei dem Fürst Primas mit allen Stiftsdamen zu Mittag ; sie war im schwarzen Ordenskleid mit langer Schleppe und weißem Kragen mit dem Ordenskreuz ; da machte jemand die Bemerkung , sie sähe aus wie eine Scheingestalt unter den andern Damen , als ob sie ein Geist sei , der eben in die Luft zerfließen werde . - Sie las mir ihre Gedichte vor und freute sich meines Beifalls , als wenn ich ein großes Publikum wär ; ich war aber auch voll lebendiger Begierde es anzuhören ; nicht als ob ich mit dem Verstand das Gehörte gefaßt habe , - es war vielmehr ein mir unbekanntes Element , und die weichen Verse wirkten auf mich wie der Wohllaut einer fremden Sprache , die einem schmeichelt , ohne daß man sie übersetzen kann . - Wir lasen zusammen den Werther und sprachen viel über den Selbstmord ; sie sagte : » Recht viel lernen , recht viel fassen mit dem Geist , und dann früh sterben ; ich mag ' s nicht erleben , daß mich die Jugend verläßt . « Wir lasen vom Jupiter Olymp des Phidias , daß die Griechen von dem sagten , der Sterbliche sei um das Herrlichste betrogen , der die Erde verlasse , ohne ihn gesehen zu haben . Die Günderode sagte , wir müssen ihn sehen , wir wollen nicht zu den Unseligen gehören , die so die Erde verlassen . Wir machten ein Reiseprojekt , wir erdachten unsre Wege und Abenteuer , wir schrieben alles auf , wir malten alles aus , unsre Einbildung war so geschäftig , daß wir ' s in der Wirklichkeit nicht besser hätten erleben können ; oft lasen wir in dem erfundenen Reisejournal und freuten uns der allerliebsten Abenteuer , die wir drin erlebt hatten , und die Erfindung wurde gleichsam zur Erinnerung , deren Beziehungen sich noch in der Gegenwart fortsetzten . Von dem , was sich in der Wirklichkeit ereignete , machten wir uns keine Mitteilungen ; das Reich , in dem wir zusammentrafen , senkte sich herab wie eine Wolke , die sich öffnete , um uns in ein verborgenes Paradies aufzunehmen ; da war alles neu , überraschend , aber passend für Geist und Herz ; und so vergingen die Tage . Sie wollte mir Philosophie lehren , was sie mir mitteilte , verlangte sie von mir aufgefaßt und dann auf meine Art schriftlich wiedergegeben ; die Aufsätze , die ich ihr hierüber brachte , las sie mit Staunen ; es war nie auch eine entfernte Ahnung von dem , was sie mir mitgeteilt hatte ; ich behauptete im Gegenteil , so hätt ich es verstanden ; - sie nannte diese Aufsätze Offenbarungen , gehöht durch die süßesten Farben einer entzückten Imagination ; sie sammelte sie sorgfältig , sie schrieb mir einmal : « Jetzt verstehst Du nicht , wie tief diese Eingänge in das Bergwerk des Geistes führen , aber einst wird es Dir sehr wichtig sein , denn der Mensch geht oft öde Straßen ; je mehr er Anlage hat durchzudringen , je schauerlicher ist die Einsamkeit seiner Wege , je endloser die Wüste . Wenn Du aber gewahr wirst , wie tief Du Dich hier in den Brunnen des Denkens niedergelassen hast und wie Du da unten ein neues Morgenrot findest und mit Lust wieder heraufkömmst und von Deiner tieferen Welt sprichst , dann wird Dich ' s trösten , denn die Welt wird nie mit Dir zusammenhängen . Du wirst keinen andern Ausweg haben als zurück durch diesen Brunnen in den Zaubergarten Deiner Phantasie ; es ist aber keine Phantasie , es ist eine Wahrheit , die sich nur in ihr spiegelt . Der Genius benutzt die Phantasie , um unter ihren Formen das Göttliche , was der Menschengeist in seiner idealen Erscheinung nicht fassen könnte , mitzuteilen oder einzuflößen ; ja Du wirst keinen andern Weg des Genusses in Deinem Leben haben , als den sich die Kinder versprechen von Zauberhöhlen , von tiefen Brunnen ; wenn man durch sie gekommen , so findet man blühende Gärten , Wunderfrüchte , kristallne Paläste , wo eine noch unbegriffne Musik erschallt und die Sonne mit ihren Strahlen Brücken baut , auf denen man festen Fußes in ihr Zentrum spazieren kann ; - das alles wird sich Dir in diesen Blättern zu einem Schlüssel bilden , mit dem Du vielleicht tief versunkene Reiche wieder aufschließen kannst , drum