Zusammen besorgten sie die häuslichen Dinge , und hier ließ sich das gute Kind öfters bis zur Handarbeit herunter und wußte sich gleich darauf in alles zu schicken , was höhere Anordnung und Berechnung erheischte . In kurzer Zeit stellte sie eine Ordnung her , die wir bis jetzt im Schlosse gar nicht vermißt hatten . Sie war eine sehr verständige Haushälterin ; und da sie damit angefangen hatte , bei uns mit an Tafel zu sitzen , so zog sie sich nunmehr nicht etwa aus falscher Bescheidenheit zurück , sondern speiste mit uns ohne Bedenken fort ; aber sie rührte keine Karte , kein Instrument an , als bis sie die übernommenen Geschäfte zu Ende gebracht hatte . Nun muß ich freilich gestehen , daß mich das Schicksal dieses Mädchens innigst zu rühren anfing . Ich bedauerte die Eltern , die wahrscheinlich eine solche Tochter sehr vermißten ; ich seufzte , daß so sanfte Tugenden , so viele Eigenschaften verlorengehen sollten . Schon lebte sie mehrere Monate mit uns , und ich hoffte , das Vertrauen , das wir ihr einzuflößen suchten , würde zuletzt das Geheimnis auf ihre Lippen bringen . War es ein Unglück , wir konnten helfen ; war es ein Fehler , so ließ sich hoffen , unsere Vermittelung , unser Zeugnis würden ihr Vergebung eines vorübergehenden Irrtums verschaffen können ; aber alle unsere Freundschaftsversicherungen , unsre Bitten selbst waren unwirksam . Bemerkte sie die Absicht , einige Aufklärung von ihr zu gewinnen , so versteckte sie sich hinter allgemeine Sittensprüche , um sich zu rechtfertigen , ohne uns zu belehren . Zum Beispiel , wenn wir von ihrem Unglücke sprachen : Das Unglück , sagte sie , fällt über Gute und Böse . Es ist eine wirksame Arzenei , welche die guten Säfte zugleich mit den üblen angreift . Suchten wir die Ursache ihrer Flucht aus dem väterlichen Hause zu entdecken : Wenn das Reh flieht , sagte sie lächelnd , so ist es darum nicht schuldig . Fragten wir , ob sie Verfolgungen erlitten : Das ist das Schicksal mancher Mädchen von guter Geburt , Verfolgungen zu erfahren und auszuhalten . Wer über eine Beleidigung weint , dem werden mehrere begegnen . Aber wie hatte sie sich entschließen können , ihr Leben der Roheit der Menge auszusetzen , oder es wenigstens manchmal ihrem Erbarmen zu verdanken ? Darüber lachte sie wieder und sagte : Dem Armen , der den Reichen bei Tafel begrüßt , fehlt es nicht an Verstand . Einmal , als die Unterhaltung sich zum Scherze neigte , sprachen wir ihr von Liebhabern und fragten sie : ob sie den frostigen Helden ihrer Romanze nicht kenne ? Ich weiß noch recht gut , dieses Wort schien sie zu durchbohren . Sie öffnete gegen mich ein Paar Augen , so ernst und streng , daß die meinigen einen solchen Blick nicht aushalten konnten ; und sooft man auch nachher von Liebe sprach , so konnte man erwarten , die Anmut ihres Wesens und die Lebhaftigkeit ihres Geistes getrübt zu sehen . Gleich fiel sie in ein Nachdenken , das wir für Grübeln hielten und das doch wohl nur Schmerz war . Doch blieb sie im ganzen munter , nur ohne große Lebhaftigkeit , edel , ohne sich ein Ansehn zu geben , gerade ohne Offenherzigkeit , zurückgezogen ohne Ängstlichkeit , eher duldsam als sanftmütig , und mehr erkenntlich als herzlich bei Liebkosungen und Höflichkeiten . Gewiß war es ein Frauenzimmer , gebildet , einem großen Hause vorzustehn ; und doch schien sie nicht älter als einundzwanzig Jahre . So zeigte sich diese junge , unerklärliche Person , die mich ganz eingenommen hatte , binnen zwei Jahren , die es ihr gefiel bei uns zu verweilen , bis sie mit einer Torheit schloß , die viel seltsamer ist , als ihre Eigenschaften ehrwürdig und glänzend waren . Mein Sohn , jünger als ich , wird sich trösten können ; was mich betrifft , so fürchte ich , schwach genug zu sein , sie immer zu vermissen . « Nun will ich die Torheit eines verständigen Frauenzimmers erzählen , um zu zeigen , daß Torheit oft nichts weiter sei als Vernunft unter einem andern Äußern . Es ist wahr , man wird einen seltsamen Widerspruch finden zwischen dem edlen Charakter der Pilgerin und der komischen List , deren sie sich bediente ; aber man kennt ja schon zwei ihrer Ungleichheiten , die Pilgerschaft selbst und das Lied . Es ist wohl deutlich , daß Herr von Revanne in die Unbekannte verliebt war . Nun mochte er sich freilich auf sein funfzigjähriges Gesicht nicht verlassen , ob er so schon frisch und wacker aussah als ein Dreißiger ; vielleicht aber hoffte er , durch seine reine , kindliche Gesundheit zu gefallen durch die Güte , Heiterkeit , Sanftheit , Großmut seines Charakters ; vielleicht auch durch sein Vermögen , ob er gleich zart genug gesinnt war , um zu fühlen , daß man das nicht erkauft , was keinen Preis hat . Aber der Sohn von der andern Seite , liebenswürdig , zärtlich , feurig , ohne sich mehr als sein Vater zu bedenken , stürzte sich über Hals und Kopf in das Abenteuer . Erst suchte er vorsichtig die Unbekannte zu gewinnen , die ihm durch seines Vaters und seiner Tante Lob und Freundschaft erst recht wert geworden . Er bemühte sich aufrichtig um ein liebenswürdiges Weib , die seiner Leidenschaft weit über den gegenwärtigen Zustand erhöht schien . Ihre Strenge mehr als ihr Verdienst und ihre Schönheit entflammte ihn ; er wagte zu reden , zu unternehmen , zu versprechen . Der Vater , ohne es selbst zu wollen , gab seiner Bewerbung immer ein etwas väterliches Ansehn . Er kannte sich , und als er seinen Rival erkannt hatte , hoffte er nicht , über ihn zu siegen , wenn er nicht zu Mitteln greifen wollte , die einem Manne von Grundsätzen nicht geziemen . Dessenungeachtet verfolgte er seinen Weg , ob