tiefen Einkehr in sich selbst zurückgedrängt . Jetzt auf einmal fand die unstäte Begehrlichkeit seines Sinnes einen festen Halt im Daseyn . Er fühlte sich besser , als sonst , folglich auch ihrer würdiger . Die Vergnügungen , in denen er sich ehemals berauschte , ekelten ihn jetzt an - schaal und unschmackhaft waren ihm die Früchte der Weltklugheit , die er gegen den Preis eines reinen Herzens eingetauscht hatte , und gern würde er alle Blüthen seines künftigen Lebens , gleich einer Opfergabe , auf den Altar reiner Anbetung niedergelegt haben , hätte Erna nur freundlich die Hand ausstrecken wollen , sie zu empfangen . Die einzige Annäherung , die er sich gestattete , war des Abends , wo er durch die Straße ging , in der sie wohnte . Dann sah er zu den hellen Fenstern empor , wie man zu den Sternen aufblickt , wenn man die Dürftigkeit der Erde recht tief empfindend , sich nach dem Himmel sehnt . Ihm war dann , als könne er , wenn ein leichter Schatten an den Wänden vorüberschwebte , erkennen , ob sie es sei oder nicht , und nicht nur manche Sekunde im flüchtigen Vorüberstreifen , sondern ganze halbe Stunden ruhig verweilend , brachte er in seinen Mantel gehüllt , dem Hause gegenüber zu , dessen Mauern so glücklich waren , sie zu umschließen . Acht Tage waren so seit jenem Ball vergangen - da fand er einst die Fenster dunkel , folglich seinen Abendspaziergang des höchsten Reizes beraubt . Verdrieslich darüber lief er zwecklos noch durch einige Straßen , und als sein Weg ihn am Opernhause vorüberführte , und , durch die Entfernung gedämpft , Mozarts Zauber in den herrlichen Tönen Don Juan ' s sein Ohr traf , beschloß er , leise von ihnen ergriffen , einzutreten , obgleich die Vorstellung längst begonnen hatte . IX Hier fand er unverhofften Ersatz für seine früher verfehlten Wünsche . Denn als er , im Parterre stehend , gleichgültig und finster sein Auge über die schimmernden Logenreihen hingleiten ließ , wurde er mit einem Male wie durch einen elektrischen Schlag fest an eine Stelle gebannt . Denn er erblickte Erna , welche - ihre ganze Aufmerksamkeit der Darstellung widmend - neben der Gesandtin saß . Daß sie mit unverwandtem Blick auf der Bühne ruhte , begünstigte sein Verlangen , sie , nur sie zu sehen , da es unbemerkt von ihr geschehen konnte . Wie schön war sie wieder , einfach , fast nachlässig gekleidet , und doch von unendlicher Eleganz und Zierlichkeit umgeben . Ein Spitzenschleier bezeichnete , mit seinem ätherischen Gewebe sanft sich an ihr Haupt schmiegend , die schöne Form desselben , und ein türkischer Shawl die edlen Umrisse ihrer Gestalt . Ihre sprechenden Mienen , durch lebhafte Theilnahme an dem was sie sah und hörte , mit immer neuem , kindlich reinem Ausdruck beseelt , boten ihm , in ihrem Anschauen alles um sich her vergessend , eine unerschöpfliche Fülle des Genusses und der Bewunderung . Daher kam es , daß er erst mehrere Male am Ermel gezupft werden mußte , ehe er sich umsah , eine Botschaft der Gräfin Tannow zu vernehmen . Sie befinde sich in der Loge gerade über ihm , ließ sie ihm sagen , und wünsche ihn auf ein Wort zu sprechen . Ungern folgte er ihrem Geheiß , denn wenn er gleich in ihrer Loge den süßen Anblick nicht verlor , der ihn hier fast zur Bildsäule versteinert hatte , so war er doch dort weniger unbemerkt , und gezwungen , seine Blicke sorglicher zu bewachen , als hier , wo er weit unbeachteter sich im Gedränge der Menge verlor . Er mußte indeß gehorchen . Man sieht Sie ja gar nicht mehr , flüsterte die Gräfin ihm zu , als er über ihren Stuhl gebeugt , sie begrüßte . Haben Sie die Absicht , ein Einsiedler zu werden , so bitt ' ich , diesen Plan wenigstens noch ein paar Tage aufzuschieben , denn ich habe auf Sie gerechnet , und zur Strafe für Ihre Misanthropie so unumschränkt über Sie disponirt , als hätte ich das Recht , Sie zu meinen beweglichen oder unbeweglichen Gütern zu zählen . Ahnungslos , welch eine Himmelspforte ihr Vorschlag ihm aufschließen werde , antwortete er , mit sauerm Mismuth im Herzen , aber mit der behenden Gefälligkeit eines gewandten Hoffmanns , daß er keiner Gewalt als der Ihrigen sich freudiger unterwerfe , und sie daher vollkommen berechtigt sei , in jeder Hinsicht über ihn zu gebieten . Der Winter ist so schön , und wir haben ihn eigentlich noch gar nicht benutzt , fuhr die Gräfin fort , denn Bälle , Schauspiele und Assembleen könnte uns allenfalls auch der Sommer gewähren ; nun hör ' ich , daß seit gestern herrliche Schlittenbahn seyn soll , und habe ein Projekt entworfen , wie wir den morgenden Tag recht genießen wollen . Um zwölf Uhr Vormittags sind Sie bei mir zum Frühstück geladen . Sie bestellen zu halb zwei Uhr Ihren Schlitten nach , und haben die Ehre , mich nach Bellevue zu fahren . Dort erwartet uns das Diner in der Orangerie . Mit Fackelschein fahren wir zurück , und , da ein Tag , der so heiter beginnt , nothwendig auch ein frohes Ende haben muß , so bringen wir den Abend bei dem * sischen Gesandten zu , der mit seiner Familie auch von der Parthie seyn wird , und sich ' s ausgebeten hat , daß wir dann sämmtlich bei ihm absteigen . Der Nachsatz ihrer Rede söhnte Alexandern mit dem Vordersatz wieder aus , denn nur mit innerem Widerstreben , aus Höflichkeit , nicht aus Neigung , da er zu geselligen Freuden keineswegs aufgelegt war , hätte er sich außerdem in ihren Plan gefügt , der jetzt seine kühnsten Erwartungen übertraf . So sollte er sie wiedersehn , ohne in dem misfälligen Licht eines Zudringlichen zu erscheinen , ohne sie aufzusuchen , ja , auf eine Art selbst gesucht