Ey nun ich war ja in der Oper , und war ja nur um des singenden Cäsars willen hingegangen . Der Vorhang flog auf , und nach einer Weile erschien ein kleiner dicker Mann , der sich alle Mühe gab , sich noch ein wenig dicker zu machen . Recht gern würde ich ihn für einen mit Macaroni wohl ausgestopften Schäfer gehalten haben ; wäre ich nicht durch eine weiß taffetne mit ponceau Bande eingefaßte Toga belehrt worden , daß ich es mit dem unüberwindlichen Cäsar selbst zu thun habe . Welch ein langer Periode ! Meinen Helden würde er in Verlegenheit gesetzt haben . Offenbar fehlte es ihm in der ersten Viertelstunde an Athem . Wir waren ziemlich weit vom Theater entfernt , und konnten ihn sehr deutlich schnaufen hören . Ich schloß die Augen , um nicht an meinen verlornen Cäsar erinnert zu werden . Aber jetzt wurde ich durch ein wirklich meisterhaft vorgetragenes Adagio so lieblich getäuscht , daß ich sie plötzlich wieder öfnete . Da stand nun freilich der kleine Schäfer ; aber er war jetzt zu Athem gekommen , hatte seine Toga in einige recht große Falten geworfen , und stimmte eine Bravourarie an , mit deren Eingang er sich vor Meister und Gesellen konnte hören lassen . Ich horchte . - Wie viel Kraft , wie viel Ründung und Biegsamkeit ! aber o mein Gott ! wie viel Schnirkel und Verzierungen . Der Komponist hatte schon allenthalben verbrämt ; aber unserm Cäsar war es noch viel zu simpel . Triller , Vorschläge u. s w. nichts ward gespart ; aber nichts gieng auch verloren . Das dankbare Publikum nahm alles auf , und äußerte seine Zufriedenheit durch den lautesten Beifall . Wirklich ! es heißt bey uns Deutschen noch immer : je mehr , je lieber . Unsre berühmtesten Sänger mögen in Italien ausgepfiffen werden , glaubwürdige Leute mögen uns versichern , daß wir nur bekommen was man dort nicht brauchen kann , und daß unsre hochgepriesenen Schnirkeleien von dem guten Geschmacke längst nicht mehr anerkannt werden . - Es hilft nichts . Wir müssen bewundern . Dies ist uns eben so sehr Bedürfniß , wie andern Nationen das Tadeln . Julie nach ihrer löblichen Methode , nahm wieder alles von der besten Seite . Während ich mich ärgerte , sah ich sie ruhig genießen . Hin und wieder ein kleines beinah unmerkliches Lächeln abgerechnet , sonst war nichts Tadelndes an ihr zu bemerken . » Liebste Wilhelmine ! « - sagte sie , als ich mich darüber ausließ - » der Freuden sind so wenige ! will man sich nur an dem Vollkommnen ergötzen ; so wird es bald gar keine mehr geben . « Was macht der Obriste ? Hat er noch nicht geschrieben ? Sechszigster Brief Olivier an Reinhold Das ist sie , das ist sie ! An diesem Bilde erkenne ich die Unvergleichliche . Ja wohl hatte der Knabe Recht ; sollte ein Erlöser der Menschen von einer Sterblichen gebohren werden ; so mußte sie diese himmlischen Züge haben . O dieses Zurückziehen vor allem Glänzenden wird sie mir ewig verehrungswürdig und unvergeßlich machen . Wie mit dieser Erinnerung meine ganze unzerstörbare Liebe wieder erwachte ! Wie mir alles Elend jetzt so nichtig erscheint . Nein ! nein ! das Leben hat noch einen Werth ; denn sie athmet darin . Leb wohl ! Morgen geht es nach G ... Trage diesen Ring zu meinem Andenken . Wie ich auch endige ; mit Schande wird es nicht seyn . Ein und sechszigster Brief Olivier an Julie Meine Julie ! ich muß Ihnen schreiben . Ich gehe morgen gegen den Feind . Ich weiß nicht , ob ich Sie wieder sehe . - O meine Julie ! nur seitdem ich Sie kenne habe ich mich selbst , habe ich den Adel der Menschheit begreifen lernen . Haben Sie Dank ! Einzige ! Geliebte ! Unvergeßliche ! Welch ein herrliches , unaussprechliches Gefühl durchströmt meine Seele bey Ihrem Andenken ! Wie sind alle meine Kräfte verdoppelt ! ja , ja ! ich bin etwas werth ! denn ich kann Sie lieben und begreifen . Nichts mehr ! keine Klagen ! Überlebe ich den morgenden Tag ; so schließe ich selbst diesen Brief . Wo nicht ; so besorgt ihn Antonelli oder mein Adjutant . Kein Lebewohl meine Julie ! - Zwey und sechszigster Brief Harrison , Adjutant des General Olivier an Julie von S .. Gnädiges Fräulein ! Ich habe die Ehre : Ihnen die Einnahme von G .... durch die p .... Truppen zu melden . } Unser tapfrer und allgemein verehrter General ist uns erhalten . Gleichwohl hat er zwey schwere Wunden davon getragen , über deren Folgen sich die Ärzte bis jetzt noch zweifelhaft erklären . Vielleicht wäre es möglich diesen großen und seinem Vaterlande unschätzbaren Mann zu erhalten ; wenn Sie , mein Fräulein , sich entschließen könnten , durch Ihre Gegenwart seine Leiden zu mildern . Muß ich Ihnen beschreiben , wie innig er es wünscht , und wie sehr er dennoch fürchtet , Sie durch eine Bitte zu beleidigen ? - Aber meine Kamaraden und ich , wir , mein Fräulein , können und dürfen nicht fürchten , das Leben unsers Generals im Namen des Vaterlands von Ihnen zu fodern . Verzeihen Sie der Freimüthigkeit eines Soldaten , und genehmigen Sie die Versicherung seiner höchsten Achtung , und seiner unwandelbaren Ergebenheit . Drey und sechszigster Brief Der Adjutant Harrison an Reinhold Auf Befehl meines Generals habe ich die Ehre Ihnen folgendes von der Einnahme der Vestung G .... zu melden : Sie liegt auf einem schroffen Felsen und bestreicht acht Hauptstraßen . Hatte sehr gute Werke und etwa zwölftausend Mann Besatzung . Ein Officier der Garnison war zu uns übergegangen . Auch kannten mehrere der Unsrigen das Innere des Platzes ziemlich genau . Hierauf gründete sich unsre Hofnung . Die übrigen , freilich ansehnlichen Schwierigkeiten , machten uns weiter nicht bange . In aller Stille wurde