ich keine Gesandten . Aber eben dieser Vorzug , daß ich meine Geschichten nicht aus der Luft greife , sondern aus Depeschen , nötigt mich , mehr Mühe anzuwenden , sie zu verziffern , als andere hätten , sie aufzuschmücken oder auszusinnen . Kein kleineres Wunder als das , welches das Mauersche Geheimnis und die unsichtbare Kirche und die unsichtbare Loge vergittert und verdeckt , schien bisher die Entdeckung der wahren Namen meiner Historien abzuwenden , und zwar mit einem solchen Glücke , daß von allen bisher an die Verlagshandlungen eingeschickten , mit Mutmaßungen gefüllten Brieffelleisen keines Mäuse merkte . ( Und recht zum Vorteil der Welt ; denn sobald z.B. einer die in der besten Verzifferungskanzlei verzognen Namen der ersten Bände des Titans auseinanderringelt , so stoß ' ich das Dintenfaß um und gebe nichts mehr heraus . ) Aus den Namen ist bei mir nichts zu schließen , weil ich die Paten zu meinen Helden auf den sonderbarsten Wegen presse . Bin ich z.B. nicht oft abends ? während dem Rochieren und Brikolieren der deutschen Heere , die ihre Kreuzzüge nach dem heiligen Grabe der Freiheit taten , in den Zeltgassen mit der Schreibtafel in der Hand auf- und abgegangen und habe die Namen der Gemeinen , die vor dem Bettegehen wie Heiligennamen laut angerufen wurden , so wie sie fielen , aufgefangen und eingetragen , um sie wieder unter meine biographischen Leute auszuteilen ? Und avancierte dabei nicht das Verdienst , und mancher Gemeine stieg zum tafel- und turnierfähigen Edelmann auf , Profosse zu Justizministern , und Rotmäntel zu patribus purpuratis ? - Und krähte je ein Hahn im ganzen Heere nach diesem herumschleichenden , auf zwei Füßen mobil gemachten Observationskorps ? - Für Autoren , die wahre Geschichten zugleich erzählen und vermummen wollen , bin ich vielleicht im ganzen ein Modell und Flügelmann . Ich habe länger als andre Geschichtsforscher jene kleinen unschuldigen Verrenkungen , die eine Geschichte dem Helden derselben selber unkenntlich machen können , studiert und imitiert und glaube zu wissen , wie man gute Regentengeschichten , Protokolle von Majestätsverbrechern , Heiligenlegenden und Selbstbiographien machen müsse ; keine stärkere Züge entscheiden als die kleinen , womit Peter von Cortona ( oder Beretino ) vor dem Herzoge Ferdinand von Toskana ein weinendes Kind in ein lachendes umzeichnete , und dieses in jenes zurück . Voltaire verlangte mehr als einmal - wie bei allen Sachen ; denn er gab der Menschheit wie einer Armee jeden Befehl des Marsches dreimal und wiederholte sich und alles unverdrossen - , daß der Historiker seine Geschichte nach den Gesetztafeln des Schauspiels stellen solle , nach einem dramatischen Fokalpunkt . Es ist aber eine der ersten dramatischen Regeln , die uns Lessing , Aristoteles und griechische Muster geben , daß der Schauspieldichter jeder historischen Begebenheit , die er behandelt , alles leihen müsse , was der poetischen Täuschung zuschlägt , so wie das Entgegengesetzte entziehen , und daß er Schönheit nie der Wahrheit opfere , sondern umgekehrt . Voltaire gab , wie bekannt , nicht nur die leichte Regel , sondern auch das schwere Muster , und dieser große Theaterdichter des Welttheaters blieb in seinen historischen Benefiz-Schauspielen von Peter und Karl nirgends bei der Wahrheit stehen , wo er gewiß sein konnte , er gelange eher zur Täuschung . Und das ist eigentlich die echte , dem historischen Romane entsprechende romantische Historie . Nicht ich , sondern andere - nämlich der Lehnpropst und die Legationssekretäre - können entscheiden , inwiefern ich eine wahre Geschichte illusorisch behandelt habe . Ein Unglück ists , daß schwerlich je die echte Geschichte meines Helden zum Vorscheine kommt ; sonst dürfte mir vielleicht die Gerechtigkeit widerfahren , daß Kenner meine dichterischen Abweichungen von der Wahrheit mit der Wahrheit konfrontierten und darnach leichter jedem von uns das Seinige geben , sowohl der Wahrheit als mir . Allein auf diesen Lohn tun alle königliche Historiographen , skandalöse Chroniker nolens volens Verzicht , weil nie die wahre Historie zugleich mit ihrer erscheint . - Aber unter dem Komponieren der Geschichte muß ein Autor auch darauf auslaufen , daß sie nicht nur keine wahre Personen treffe und verrate , sondern auch keine falsche und gar niemand . Eh ' ich z.B. für einen schlimmen Fürsten einen Namen wähle , seh ' ich das genealogische Verzeichnis aller regierenden und regierten Häupter durch , um keinen Namen zu brauchen , den schon einer führt ; so werden in Otaheiti sogar die Wörter , die dem Namen des Königs ähnlich klingen , nach seiner Krönung ausgerottet und durch andere vergütet . Da ich sonst gar keine jetzt lebende Höfe kannte : so war ich nicht imstande , in den Schlacht- und Nachtstücken , die ich von den Kabalen , dem Egoismus und der Libertinage biographischer Höfe malte , es so zu treffen , daß Ähnlichkeiten mit wirklichen geschickt vermieden wurden ; ja für einen solchen Idioten wie mich war es sogar ein schlechter Behelf , oft den Machiavell vor sich hinzulegen , um mit Zuziehung der französischen Geschichte durch das Malen nach beiden den Anwendungen wenigstens auf Länder zu wehren , in denen nie ein Franzos oder ein Welscher den Einfluß gehabt , den man sonst beiden auf andere deutsche beimisset ; so wie Herder gegen die Naturforscher , welche gewisse mißgestaltete Völker aus Paarungen mit Affen ableiten , die sehr gute Bemerkung macht , daß die meisten Ähnlichkeiten mit Affen , der zurückgehende Schädel der Kalmucken , die abstehenden Ohren der Pevas , die schmalen Hände in Karolina , gerade in Ländern erscheinen , wo es gar keine Affen gibt . Wie gesagt , auffallende Unähnlichkeiten wollten mir nicht gelingen ; jetzt hingegen ist jeder Hof , um welchen meine Legations-Flottille schifft , mir bekannt und also vor Ähnlichkeiten gedeckt , besonders jeder , den ich schildere , der flachsenfingische , der hohenfließische etc. Die Theatermaske , die ich in meinen Werken vorhabe , ist nicht die Maske des griechischen Komödianten , die nach dem Gesichte des verspotteten Individuums gebosselt war18 ,