mit der sein verirrter Geist vielleicht alle irdischen Mängel abgestreift hat . “ „ So ist es recht , liebes Fräulein . Es ist besser , Sie prägen sich das Bild seiner verklärten Seele , als das seiner entstellten Leiche ein “ — er schwieg , denn Frau Bertha kam mit einem Frühstück . Über dem Arm hatte sie ein schwarzes Kleid hängen . „ So , mein Gretelchen , da hast Du was zu essen . Ich laß ’ Dich nicht fort , ehe Du Dich ein wenig gestärkt hast . Und dann ist der Herr da wohl so gut und geht einen Augenblick hinaus , wir wollen schnell noch den Rock probieren , Du mußt doch nun trauern , und wo sollst Du ’ s hernehmen . Du armes Wurm ? “ Sie deckte geschäftig den Tisch und Hilsborn verließ das Zimmer . „ So nun komm her , nun wollen wir ’ mal sehen , ob Dir der Anzug paßt . Weißt Du , es ist das Kleid , in dem ich vor zwölf Jahren um Deinen Stiefonkel Hartwich getrauert . Aber es ist noch wie neu , ich hab ’ es gar gut aufbewahrt . Und schau , wenn Du die Schneppe unter den Bund steckst , dann ist es auch ganz modern . Nun sieh einmal an — es sitzt Dir gar nicht schlecht . Ja damals war ich noch schlanker als jetzt . Und ich habe es Dir schnell noch rechts und links ein wenig eingenäht , weil ich mir schon dachte , es sei Dir zu weit . Da ist auch noch der Fleck , wo Du mir als kleines Balg Dein Butterbrot auf den Schoß warfst . Den bringen wir in die Falten — Lieber Gott , das Kleid hatte ich an , als ich Dich verließ . Damals dachte ich nicht daran , daß Du ’ s dereinst tragen und mich darin verlassen werdest wie ich Dich ! “ Es lag etwas rührendes in diesen einfältigen Sorgen und Gretchen warf sich zum ersten Mal freiwillig an die Brust der Mutter . Sie weinten Beide . „ Gretel , “ sagte Bertha , „ Du wirst ’ s auch wieder fühlen , daß Du mein Kind bist , wie ich ’ s fühlte , daß ich Deine Mutter bin . Wenn Dich ’ s dann nur nicht reut , daß Du so von mir gingst ! “ „ Ach Mutter , “ schluchzte Gretchen , „ warum mußtest Du so hart gegen meinen armen Vater sein ? Warum mußtest Du beim ersten Wiedersehen mein Herz so zerfleischen , daß ich mich mit Entsetzen von Dir wandte ? Ich hätte Dich lieben gelernt trotz Allem , denn ein Kind darf nicht mit den Eltern rechten . Was Du an mir versäumt , darum hat Dich kein Vorwurf getroffen , aber der Abgrund , in den Du meinen Vater stürztest , liegt zwischen uns , ich kann nicht darüber hinweg , er trennt uns auf immer ! “ „ Aber , Gretchen , Gretchen , “ rief Bertha . „ Ich habe ja nichts Schlimmeres getan als der junge Herr , mit dem Du doch so gut stehst . — Warum machst Du denn dem keinen Vorwurf ? “ „ Der Mann tat nichts als seine Pflicht gegen einen Freund — und tat es in der schonendsten , mildesten Weise . Das hat auch mein Vater eingesehen und ihm das größte Vertrauen gezeigt , da er mich seiner Fürsorge empfahl . Jenem Fremden war er nichts als der Feind seines Freundes , er hatte keine Pflicht , ihn zu schonen — Dir aber , Mutter , Dir war er einst Gatte gewesen , war der Vater Deines Kindes , und da er gehetzt und flüchtig unter Deinem Dache Schutz gesucht , brachtest Du es übers Herz , ihn zu verraten , und triebst ihn so in Schmach und Tod ! Ich kann es nicht beurteilen — aber ich bitte Dich nur — frage Dich selbst , Mutter , ob er das um Dich verdiente ! “ „ Ach , Du mein Gott , Du magst ja Recht haben , aber es war wirklich , als sollte es so sein . Ich hatte Alles vergessen außer dem vielen Unrecht , das er mir getan . Er hat eben seine Strafe haben sollen und ich muß die meine haben , denn daß ich Dich wie ­ der so lieb gewinnen und doch verlieren muß , das , glaube nur , das ist eine recht schwere Züchtigung . “ Hilsborn pochte an die Tür . „ Meine Damen , wir haben die höchste Zeit , wenn wir noch fort wollen . “ „ Ja so , kommen Sie nur herein — “ rief Bertha . „ Gretchen ist angezogen . “ Hilsborn trat ein . Er betrachtete voll mitleidiger Bewunderung die rührende schwarzgekleidete Gestalt mit dem lieblichen Kindergesicht und den großen traurigen Augen , die ihn an den Blick eines sterbenden Rehes gemahnten . Sein Herz floß über in süßer Wehmut bei diesem Anblick . Er reichte ihr die Hand . „ So wollen wir uns nun auf den Weg machen . “ „ Ich bin bereit , “ hauchte Gretchen vor sich hin . „ Halt , “ rief Bertha : „ Du mußt doch erst etwas frühstücken , “ und sie goß eine Tasse voll Schokolade und rannte Gretchen , welches seine Sachen zusammenraffte , in der ganzen Stube damit nach , bis es davon nippte . „ Und von dem Kuchen mußt Du essen , den hattest Du als Kind so gern und Dein seliger — na ja , wir wollen sagen — seliger Vater auch ! Ach , wenn ich ihm den Kuchen auf den Tisch brachte , hatte ich gute Zeit ! Magst ihn nicht kosten ? Wie Du willst — so nimmst Du ihn mit ! “ Sie riß dem Kinde die Reisetasche weg und packte so viel Kuchen hinein ,