hinterher reuen wird . Ich weiß , daß Ihr Herz einer Andern gehört , die seit gestern wieder in unserer Nähe ist . Bruno , der Alles weiß , hat es mir verrathen . Ich will von Ihnen nichts , als was ich schon habe - Ihre Freundschaft . Lesen Sie den Brief , und wenn Sie ihn gelesen haben , verbrennen Sie ihn in Gottes Namen . Ehe Oswald sich von seinem grenzenlosen Erstaunen über diese wunderbare Rede nur so weit erholen konnte , ein einziges Wort über die Lippen zu bringen , war das junge Mädchen schon die Treppe , die von dieser Stelle in den Garten führte , hinab und eilte durch die blumenreichen Beete dem Schlosse zu . Was ist das ? fragte Oswald bebend ; narrt mich denn ein Traum ? Melitta zurück ? und jetzt zurück - gerade jetzt ! Es war ein schauerliches Lachen . Oswald sah sich erschrocken um , ob ein Anderer gelacht habe - ein schadenfroher Dämon , der sich an seiner Qual weidete . Er hielt den Brief noch immer in seiner Hand . Es war ihm , als ob er erst , wenn er diesen Brief lese , Melitta ganz verlieren , erst jetzt das letzte Band , das ihn an Melitta fesselte , zerreißen würde . Für einen Augenblick erschien ihm Helene wie eine schöne Teufelin , die an ihn herangetreten sei , ihn zu versuchen . Wenn er diesen Brief ungelesen verbrannte ? konnte dann nicht Alles gut werden ? Konnte ihm Melitta nicht doch erhalten bleiben ? Und indem er so dachte , hatte er den Brief entfaltet und ihn zu lesen begonnen . Er war mit der Lectüre zu Ende und saß nun , den Kopf in die Hand gestützt , in der Ecke der Bank , auf die er sich , ohne zu wissen , was er that , gesetzt hatte . Vor ihm auf dem Erdboden spielten die Lichter mit den Schatten ; in den dichten Laubkronen über ihm flüsterte der Morgenwind und sangen die Vögel , in dem Garten unten wiegten sich bunte Schmetterlinge über den Blumenwäldern der Beete ; er sah das Alles , er hörte das Alles , aber er empfand nichts dabei , nichts , als das Eine , daß , wenn es ein Paradies auf Erden für ihn gegeben hatte , er jetzt auf immerdar daraus vertrieben sei . Sechsundfünfzigstes Capitel Es war einige Stunden später . Die Baronin saß in ihrem Zimmer auf ihrem gewöhnlichen Platze in der Nähe der geöffneten Fensterthür . Sie hatte eine Stickerei auf dem Schooße ; aber ihre Hände waren müßig ; nur , wenn sich Schritte der Thür , die nach dem Flure führte , näherten , nahm sie schnell die Arbeit auf , und nähte ein paar Stiche , um sie , sobald der Schritt vorüber war , wieder in den Schooß sinken zu lassen . Das wiederholte sich mehrmals , denn es war heute ein sehr lebhaftes Treiben im Schlosse . Die Vorrichtungen zu dem Ball heute Abend hielten Alles in Athem , und machten es der wirthschaftlichen Baronin sehr schwer , hier so müßig zu sitzen , während ihre Gegenwart in Küche und Speisekammer so nöthig war . Aber sie hatte Fräulein Helene bitten lassen , wenn sie mit ihrem Klavierspiel fertig sei , zu ihr zu kommen , und Helene sollte sie ruhig , gelassen , zu einem freundschaftlich ernsten Gespräch aufgelegt finden . Aeußerlich wenigstens . In ihrem Herzen sah es freilich anders aus . Zwar die Sorge um den Brief schien sich als unnöthig erwiesen zu haben . Offenbar war er noch nicht wieder in Helenens Hände gelangt und das war für den Augenblick die Hauptsache . So konnte man doch alle Pfeile , die man aus der Lectüre gesammelt hatte , abschnellen , ohne fürchten zu müssen , daß sie auf den Schützen zurücksprängen . Nichtsdestoweniger hatte die kluge und muthige Frau nie einer Unterredung mit irgend Jemand - und sie hatte doch , da die ganze Last der Verwaltung des großen Vermögens fast ganz allein auf ihren Schultern lag , manche wichtige Verhandlung zu führen gehabt - so voll Unruhe entgegen gesehen . Sie gab sich alle Mühe , diese Unruhe zu bekämpfen , ja , wenn irgend möglich , in einer versöhnlichen , friedlichen , freundschaftlichen Verfassung zu sein . Sie gerieth sogar bei diesem Versuch in eine Art larmoyanter Stimmung . Vielleicht waren , Alles in Allem , Thränen das beste Mittel , das edle Herz der Tochter zu rühren und sie für ihre selbstischen Zwecke zu gewinnen . Da klopfte es an die Thür . Die Baronin griff schnell nach ihrer Arbeit . Auf ihr » Herein ! « trat Helene in das Zimmer . Die etwas kurzsichtige Frau bemerkte nicht gleich , daß das edelstolze Antlitz des jungen Mädchens sehr bleich war , aber nicht von jener krankhaften Farbe , wie sie die Feigheit auf die Wangen malt , sondern von jener Marmorblässe , die sich sehr wohl mit Augen verträgt , aus denen eine heroische Seele leuchtet . Es thut mir leid , liebe Tochter , sagte die Baronin , daß ich Dich heute in Deinem Morgenfleiße stören muß Ich habe Dich rufen lassen , um über eine Sache von der äußersten Wichtigkeit recht ruhig , recht freundschaftlich mit Dir zu sprechen . Aber setze Dich doch ! dort mir gegenüber auf den Stuhl , in welchem Dein Vater zu sitzen pflegt . Ich danke , sagte Helene , stehen bleibend . Der abgemessene , fast kurze Ton , in welchem das junge Mädchen diese beiden Worte aussprach , machte die Baronin von ihrer Arbeit jäh in die Höhe blicken . Sie bemerkte jetzt zum ersten Male die blassen Wangen ihrer Tochter , und ihre eigenen Wangen entfärbten sich . Du fühlst Dich doch nicht unwohl ? sagte sie , und ihre Stimme war weniger fest als sonst . In diesem Falle wollen wir unsere Unterredung auf