die die Kennzeichen einer höhern geistigen Natur tragen , Mund , Nase , weiße längliche Hände , alles das hob seine Erscheinung . Dazu kam der schlanke Wuchs , das schwarze Haar , dessen Tonsur nur wie die natürliche Folge der Anstrengung des Denkers aussah und vollkommen mit dem lichtern Haarwuchse an den Schläfen und Stirnecken zusammenzugehören schien . Beseelt war all dies Aeußerliche von einer weichen , in der mittlern Tonlage sich haltenden und zur Höhe und Tiefe gleich klangvoll sich erhebenden und senkenden Stimme . Bonaventura besaß den ganzen Eifer , den wir immer finden bei einem selbstgewählten Berufe . Damals , als ihn der schauervolle Tod des Vaters und die Verheirathung seiner Mutter in eine tiefe Betrübniß , die an Schwermuth grenzte , versetzte , ging ihm die Mahnung zum geistlichen Beruf wie eine Vision auf . Schon studirte er auf der Universität , um nach einiger Zeit und mit dem gesetzlichen Alter als Freiwilliger in die Armee zu treten und bei ihr auf Avancement zu dienen . Der Fall trat ein ; er verblieb in den Reihen des Militärs bis zur Vollendung seines Offizierexamens . Dann trat er als Fähnrich aus . Es ergriff ihn ein solcher Ueberdruß an weltlichen Dingen , daß er nicht fassen konnte , wie er dem Waffendienste sich mit ganzer Hingebung hätte weihen können . Das Vaterland lag im tiefsten Frieden , eine Lockung des Ehrgeizes oder des Pflichtgefühls , dem Allgemeinen sich zu opfern , sprach nirgends aus der todten oder träumerisch schlummernden Zeit ; was hätte ihn hindern können , dem Zuge zu folgen , der ihn so mächtig ergriff und der ihn aus einer Art geistiger Vernichtung wieder emporzuheben versprach ? Es gibt eine Schwarmzeit im Gemüthe des Jünglings , eine heilige Zeit der Dämmerung und des sehnsüchtigen Träumens . Nicht immer hin an das Herz eines weiblichen Wesens , das man dann allerdings in den meisten Fällen unter Athemzügen wie von Feuergluten lieben muß , oft auch an einen Freund zieht es in dieser Zeit des Jünglings Seele . Diese Stunden sind die der Geburt unsers geistigen Menschen . In diesen Stunden werden die Bücher unsers Schicksals angelegt . In ihnen öffnen sich feierlich und schwer diese großen leeren Blätter , auf welche unser Schutzgeist das Größte , Erhabenste , Glücklichste schreiben möchte , wenn nur nicht die stärkern Dämonen der Weltregierung und die noch stärkern unserer eigenen Leidenschaft ihn von dem Buche hinwegdrängten , ihm die Feder aus der Hand rissen , thörichte Hieroglyphen , Fratzen oft hineinzeichneten , von denen wir in unsern spätern Tagen mit verhülltem Angesicht uns abwenden , mögen sie auch in einem einzigen großen , uns unbekannten , allmächtigen Weltenplane irgendwie auch ihre Schönheit haben und diese Schönheit schon durch die Leiden , mit denen wir sie büßen mußten ! In einer solchen Dämmerstunde , wo wir nichts sind als Gefühl , nichts wollen als die liebende Umarmung des Alls , nichts fürchten und wär ' es die eigene Vernichtung , da ergriff es auch den zwanzigjährigen Jüngling , der über ein Jahr schon auf der Hochschule gewesen , dann schon die Liebe militärischer Kameraden , die Achtung der Vorgesetzten gewonnen hatte , sich loszureißen ganz von der Welt , von dem Staat , von der Gesellschaft und ein Priester zu werden . Das Bild des im Alpenschnee versunkenen Vaters winkte ihm , gleichsam ein Dankopfer darzubringen an die Augustinermönche , die ihn gefunden und begraben hatten . Die plötzliche Heirath der Mutter mit einem Manne , über dessen Stellung zu seinem väterlichen Hause er erst nach und nach die volle Wahrheit ahnte , diese vollends erfüllte ihn so mit Wehmuth und Schmerz und Opferfreudigkeit an das Höchste , daß er ein Kloster aufgesucht haben würde , wenn er nicht vom Dechanten mit der ernstesten Rüge davon wäre abgehalten worden . Drei Jahre verbrachte Bonaventura im Convict einer mitteldeutschen Universität . Er erhielt nach und nach die mehreren Weihen des Priesters . Er war ein Jahr Kaplan zu Kocher am Fall gewesen ; dann seit zwei Jahren Pfarrer zu St.-Wolfgang , Nachfolger eines wenig rühmenswerthen Priesters , Cajetanus Rother . Bonaventura fühlte und füllte die Lücken seines Wissens . Die Ausdehnung auf dem Gebiet aller der je gehegten Meinungen und Irrthümer über jenseitige Dinge ist so groß , die Zahl der Schriften , die gelesen zu haben zur Beruhigung wenn nicht des Herzens , doch der Bildung gereicht , mehrte ihm sich von Tage zu Tage , wie sie sich dem größten Gelehrten mehrt , je länger er forscht ... Da hatte er denn daheim so viel Angefangenes , so viel zog ihn in seine kleine Bibliothek und an seinen Studirtisch zurück , daß er nicht sofort zum Aufbruch kam , als er jetzt in die große Stadt hinunterkommen sollte ... zu dem Kirchenfürsten , mit dem er schon einmal in seinem Leben unter schmerzlichen Umständen zusammengetroffen war . Diese Stadt selbst hatte für Bonaventura immer etwas Beklemmendes gehabt , theils weil sie so unschön , wirr und wild in der Anlage , hier und da sogar wüst im Zurückgebliebensein gegen frühere Macht und Bildung war , theils weil sie neugeboren wurde aus einem ihm nicht sympathischen Geiste , dem protestantischen ; aber am unheimlichsten erschien sie Bonaventura durch die Erinnerung an eine Abschiedsscene , die er vor sieben Jahren hier erlebt , die Trennung von seiner Mutter . Schon seit seinem zwölften Jahre lebte er von ihr entfernt , theils in Kocher , theils auf der lateinischen Schule der Universität . Von seiner Mutter hatte er immer nur die Erinnerung einer Frau gehabt , die er wol mit seinem Vater in ruhiger Einigkeit gesehen und doch nie ganz mit ihm und in ihm aufgegangen . Es war eine große Regierungsstadt mehr nach dem Westen zu , in der Vater und Mutter gelebt hatten . Der Vater hatte einen Freund , der erst der Assessor , dann der Rath von Wittekind-Neuhof hieß , jetzt schon seit lange der Präsident . Dieser