das Kleinste nützte ? Die weinte uns den ganzen Tag die Ohren voll , statt zu arbeiten . Laß Du sie laufen , wohin sie will , hast Du ’ s so lange ohne sie ausgehalten , wird ’ s auch noch ferner gehen . Ich denke , Du kannst an unsern vier Kindern auch genug haben . “ „ Ja — aber — “ „ Jetzt schweig — oder ich führe Dich aus dem Zimmer , “ flüsterte der Gatte nachdrücklich : „ Ich werde mir nicht mit Gewalt die Tochter des Herrn Gleißert aufhalsen , wenn sie selbst nicht einmal will . Sie zieht mit ihrem Ritter und wir kümmern uns nicht mehr um sie ! “ „ In Gottes Namen denn , ’ s ist meine Schuld , nun muß ich ’ s tragen , “ klagte Bertha zum ersten Male mit wahrem Schmerz . „ Mein Fräulein , “ sagte der Oberkellner zu Gretchen , die indessen leise und vertraulich mit Hilsborn gesprochen hatte : „ Wenn Sie von nun an keinerlei Anforderungen an uns erheben wollen , so sind wir bereit , so leid es uns tut — unsere Rechte Ihnen gegenüber an diesen Herrn abzutreten , den ja Ihr Vater ohnehin zu Ihrem Vormund erwählt hat . “ „ Ich habe es Ihnen bereits geschworen , mein Herr , “ erwiderte Gretchen mit einem tiefen Atemzug . „ Ich bin bereit , Ihnen jede Sicherheit dafür zu geben . “ „ O deren bedarf es durchaus nicht , “ beteuerte Herr Meyer artig und sehr vergnügt . „ Sie wissen ja , daß an die Erfüllung jeder Anforderung Ihrerseits — sich unsrerseits auch die entsprechenden Verbindungen knüpfen würden . “ „ Ich weiß das ! “ „ Nun , da wollen wir nicht weiter stören . Vermutlich wird es Ihrem berechtigten Stolze angenehmer sein , auch Ihre Rechnung für dieses Zimmer zu bezahlen . Sie ist nicht hoch — denn verzehrt haben Sie ja nichts . “ „ Höre , das ist wirklich zu ordinär von Dir — “ schalt Bertha . „ Ich soll mein leibliches Kind den Aufenthalt unter meinem Dache bezahlen lassen ? Nein , das tu ’ ich nicht . Gretel sei ruhig , Du sollst noch noch was essen , so laß ’ ich Dich nicht fort , eine Rabenmutter bin ich doch nicht . — Und nun komm . Mann , komm und schäm Dich , daß Du vor den Leutchen den Kellner so herausgehängt hast . “ So , halb zornig , halb gutmütig scheltend zog sie den geschniegelten Gatten zur Tür hinaus . „ O Gott , ich danke Dir , “ rief Gretchen aus tiefster Brust . Doch plötzlich hielt sie inne und überlegte mit sichtlicher Sorge und Verlegenheit . Hilsborn nahm ihre Hand : „ Nun , meine kleine , liebe Mündel — darf ich fragen , was Sie jetzt offenbar neu bedrückt ? “ Gretchen errötete und zögerte . Endlich gewann sie es über sich , dem neuen Freund auch diesen Kummer zu vertrauen . „ Es ist mir erst eingefallen , daß ich nicht weiß , ob ich die Reise bezahlen kann — ich habe wohl Einiges bei mir , was zu verkaufen wäre — aber ob es auch reicht ? “ Hilsborn lächelte : „ Ist es nur das ? O , da beruhigen Sie sich . Ich habe genug bei mir für uns Beide . “ Gretchen schlug beschämt die Augen nieder : „ Das kann ich aber nicht annehmen — gewiß nicht . “ „ Wie , Gretchen — von Ihrem Vormund wollen Sie nichts annehmen ? Das ist ja die Schuldigkeit eines Vormundes . Und ich will es Ihnen nicht schenken , nur borgen ! Sie geben es mir wieder , wenn Sie einmal können . “ „ Ach — da müssen Sie aber wohl lange warten , denn Sie sehen ja — ich habe so wenig , was ich als mein betrachten darf . Das wird mich Ihnen gegenüber recht drücken ! “ „ Gretchen , “ sagte der junge Mann erglühend , „ wir wollen nicht mehr sprechen von den erbärmlichen Einzelheiten , die an der irdischen Erfüllung einer , für mich beseligenden Pflicht hängen . — Ich führe Sie nach N * * ; Sie , Gretchen , Sie führen mich in den Himmel ! Wer ist da der Schuldner ? — Sie — oder ich ? “ Gretchen konnte nichts antworten . Sie war wie betäubt von dieser neuen , nie gehörten Sprache . Der Sonnenstrahl , der erste nach den zerstörenden Stürmen , fiel tief in ihr Herz hinein . Die Knospenhülle sprang auf — sie war kein Kind mehr . Sie senkte das Haupt in lieblicher Verwirrung . Auch Hilsborn hatte seine Unbefangenheit verloren . Sie waren beide verlegen und konnten den rechten Ton nicht mehr finden . „ Wollen Sie mir eine große Bitte erfüllen , “ sagte endlich das Mädchen . „ Nun ? “ „ So führen Sie mich hin , wo mein Vater liegt , und lassen Sie mich noch einmal Abschied von ihm nehmen ! “ „ Mein teueres Fräulein , das würde ich Ihnen von Herzen gern gewähren — aber wir hätten von hier bis zum Leichenhause eine halbe Stunde zu fahren und in drei Viertelstunden geht der Zug . Wenn Sie jedoch noch einen Tag hier bleiben wollen , so bin ich gerne bereit , so lange zu warten . “ „ Nein , o nein , “ rief Gretchen erschrocken . „ Ich möchte nicht noch länger die Gastfreundschaft meines Stiefvaters in Anspruch nehmen , möchte nicht noch einmal den Kampf mit dem wiedererwachten Herzen meiner Mutter bestehen . Es ist besser , ich gehe so rasch als möglich . Mein armer Vater , wenn er mich sehen und hören kann , dann sieht er meinen Abschiedsschmerz hier ebenso , wie wenn es mir vergönnt wäre , bei der entseelten Hülle zu weinen ,