liebte . Was hätten denn Andre vom Leben ! Jeden Abend einsam am Fenster sitzen und an den Einen denken ! Sie solle sich einen Bräutigam , der ' s ehrlich meine , anschaffen ? Ja , wo fände sich der ! Und wenn auch , sie mache sich doch nun mal aus allen Männern nichts , außer Einem . Und die Männer seien alle schlecht , die Weiber freilich auch . Aber er , er allein sei gut . Ja doch , wenn er auch nichts davon hören wolle . Man brauche nur in seine Augen zu sehn , dann sehe man , er sei doch ein guter guter Mensch , wenn auch manchmal etwas unwirsch und heftig . Dann kamen die Geschichten von all den Nachstellungen , denen sie ausgesetzt , da sie ja auffallend hübsch . Dann wieder ein Strom von Zärtlichkeiten . Mitleid und Leidenschaft zugleich ergriffen ihn , als sie so anbetend vor seinem » Genie « ( sie sprach es wie » Jenny « aus ) auf den Knieen lag , obschon sie im Grunde nur mit » Mein Fritz , mein Fritz « ihr Eigenthumsrecht auf ihn betonte . Das Sopha war weich . Draußen auf dem Hofe spielte ein Leierkasten - - Heftiges Klingeln weckte sie auf . Als sie mit noch ziemlich verwirrten Kleidern zur Thür eilte , ergab es sich , daß der Portier Unrath witterte und es für strafbar erklärte , fremde Herrn in die Wohnung zu bringen ; dazu sei sie nicht von ihrer Gebieterin zurückgelassen . » Das ist ja nur mein Bruder ! « versicherte sie . Nach einigem Parlamentiren gab sich der Mann mit dieser berühmten Ausrede zufrieden und verschwand brummend vom Schauplatz seiner Pflichterfüllung , da die Bediensteten und Portiersleute meist zueinanderhalten . » Ach , ich habe ja Ausrede gemacht ! « wiederholte sie mehrmals , als er sich hastig zum Aufbruch fertig machte . Er aber wollte durchaus nicht bleiben , durchaus nicht . Ein widerlicher Schrecken befiel ihn . Wenn man ihn nun hier überraschte - es hing ja nur an einem Haar - , welch ein Skandal ! Und der Ruf des unglücklichen Mädchens für immer ruinirt . Wenn das Weib auch rücksichtslos und schrankenlos sich hingiebt , nur den einen Zweck im Auge , so sollte doch der Mann um so mehr sich zu beherrschen wissen . Und ach , er liebte sie ja nicht ! Lüderlichkeit scheint das einzige Mittel , um sich über die Qualen der Liebe wegzusetzen . Die Sinnlichkeit birgt das Lebensproblem . Nur wer sie überwand , ist glücklich . Traurig genug , daß sich mit Genialität fast immer eine abnorme Sinnlichkeit paart . Und was sucht Sinnenlust anders als Liebe ? Und scheint nicht Liebe nur ein ewiges Suchen und nicht Finden ? Ueberall in jeder Verbindung steckt irgendwas , was vom weltlichen oder vom seelischen Standpunkt aus nicht befriedigt . - Den Tod im Herzen , riß er sich los , während sie , wie eine Klette an ihm hängend , bis vors Haus ( es dämmerte , ein Sonntag-Abend ) ihn hinausgeleitete . Wenn nun aus dieser Ueberrumpelung eines Augenblicks endlose Folgen entstanden , was dann ? Schon brach bei ihr der naive Größenwahn aus , der in jedem Weibe schlummert . Wie die Dienstmädchen heut als Damen sich kleiden und das Theuerste grade gut genug finden , so stellt sich auch jedes Weib , ob hoch ob niedrig , auch sofort ihrem Liebhaber gleich , sobald dieser einmal mit ihr demselben Naturtrieb gefröhnt . Die Maitressen der Fürsten sehen nur einen Mann , der nebenbei auch Fürst heißt und dessen geheimsten Schwächen sie kennen . So behandelte auch dies Mädchen im Triumph eines erlangten Liebeswunsches den Gegenstand desselben schon ganz als ihr zugehörig . Natürlich mußten sie sich morgen gleich wieder treffen , und als er Ausflüchte fand , schalt sie ihn mit zärtlicher Zudringlichkeit . Auch das noch ! Als ein recht trister Würdegreis wankte das Opfer einer erzwungenen Liebe heim und fluchte seiner Schwäche . Und war er etwa schuldlos ? Hatte er früher nicht selbst mit dem Mädel angebändelt und ihr nachgestellt ? War sie nicht blos ihm allein als Beute zugefallen mit der ehrlichen Zuneigung eines naiven Gemüths ? Vor dem Tribunal einer höheren Sittlichkeit blieb er ein Schurke , wenn er das Mädchen nun einfach abschüttelte . Abgesehn davon , was noch leider daraus kommen und was ja Niemand berechnen konnte . Dazu führen stets diese kleinen Unregelmäßigkeiten , welche die meisten Männer auf die leichte Achsel zu nehmen pflegen . Niedrig plebejische » Verhältnisse « , eigentlich doch komischer Art. Allein , was blieb denn ihm anders übrig , einem jungen Mann und armen Teufel ? » Verhältnisse « in der » guten « Gesellschaft kommen viel seltener vor , als das thörichte Gerede annimmt . Und zum Heirathen gehören drei Dinge : Erstens Geld , zweitens Geld und drittens nochmals Geld . Und das besitzt man heut genügend erst , wenn die Zähne schon wacklig werden . So wie er litten die Meisten . Und wer nicht mal mit solchen » Verhältnissen « beglückt , bleibt auf die Kellnerin und die Straßendirne angewiesen , auf die käuflichen Silberlinge und auf die Charité . Nach der Dresdener Straße zu seiner Tante Meyer war er seit jenem Abend mit Schmoller nicht mehr hinausgepilgert . Als er sie neulich auf der Straße traf , hatte sie häßlich aufgelacht und ihm den Rücken gekehrt . Er war wie vom Donner gerührt . Eine unabsehbare Perspektive möglicher Unannehmlichkeiten eröffnete sich vor ihm . Er erkannte , wie Schmoller ' s böse Zunge jenen Abend ausnützen konnte , welchen Grund zum Klatsch er den lieben Herren Collegen geben würde , in welche seltsame Zwangslage er unter Umständen gerathe . Nachdem nämlich sein Incognito gebrochen und sein dortiges Verkehren festgestellt , mußte die semitische Helena auch bald dahinter kommen , daß er sie in seinem naturalistischen Venuslied » Isauscha «