. Ohne zu wissen , wie es geschehen , war ich schon im gleichen Sommer in ein vorbereitendes Kollegium über Rechtswissenschaft geraten und hatte nur wenige Stunden versäumt , da mir bald unerträglich dünkte , das nicht zu kennen , wovon ich vor kurzem nichts gewußt und was niemand von mir verlangte . Von neuen Bekanntschaften , die ich dabei gemacht und die jetzt in die Ferien gereist , hatte ich Bücher geliehen und das eine oder andere auch selbst erworben . Darin las ich nun tage- und nächtelang , als ob eine Prüfung vor der Türe stände , und als im Herbste die Säle sich wieder auftaten , fand ich mich bei dem ersten Lehrer des römischen Rechtes als Hörer ein , keineswegs in der Absicht , etwa ein Jurist zu werden , sondern lediglich , um zu erfahren , was es mit diesen Dingen auf sich habe , und die Textur derselben zu sehen . Meines Bleibens war hier freilich nur so lange , bis ich ein vernünftigeres Gelüste nach der Geschichte des römischen Staates und Volkes überhaupt empfand , und von hier aus lag es nahe , die Hand auch nach den griechischen Geschichten auszustrecken , welche ich in ihrer ersten dürftigen Schulgestalt mitten im Kurs einst mußte fahrenlassen , als ich aus der Schule geschickt worden . Ich verhielt mich jetzt sehr still und ruhig und ließ die Herrlichkeiten mit frohem Behagen auf mich wirken , niemals ohne mir die schönen Landschaften , die Inseln und Vorgebirge zu vergegenwärtigen , wenn ihre wohllautenden Namen genannt wurden . Unversehens aber stieß ich auf die Bände deutscher Rechtsaltertümer , Weistümer , Sagen und Mythologie , welche damals in der Blüte ihres Ruhmes standen ; hier führten alle Pfade wieder in die Urzeit der eigenen Heimat zurück , und ich lernte mit neuer Verwunderung die wachsende Freude an Recht und Geschichte derselben kennen . Zu jener Zeit begann auch schon am Horizonte der Brünhildenkultus als Sehnsucht nach der Germanenjugend aufzutauchen und den Schatten der wackeren Hausfrau Thusnelda zu verdrängen , wie die dämonische Medea dem überreizten Sinne besser gefällt als die menschliche Iphigenia . Insbesondere manchem schwächlichen Ritterlein schien für das Herzensbedürfnis die unverstandene gewaltige Heldenjungfrau gerade gut genug , und sie wurde in ihren Wolkenschleiern nachträglich vielfach angeliebelt . Immerhin aber warf das glänzende Luftbild helle Lichtstreifen über die Landschaften der Vorzeit und rief das Gegenpostulat der Siegfriedsgestalt wach , die im Schatten der Wälder verborgen schlief . So phantasiegeborne Anschauungen verzogen sich jedoch bald vor Gedanken nüchterner Art , als ich mich mehr an das Betrachten der Geschichte gewöhnte und ich wie ein neuer Sancho Pansa beinahe mit ein paar platten Sprichwörtern ausreichte , um die Ergebnisse zusammenzufassen . Ich sah , daß jede geschichtliche Erscheinung genau die Dauer hat , welche ihre Gründlichkeit und lebendige Innerlichkeit verdient und der Art ihres Entstehens entspricht . Ich sah , wie die Dauer jedes Erfolges nur die Abrechnung der verwendeten Mittel und die Prüfung des Verständnisses ist und wie gegen die ununterbrochene Ursachenreihe auch in der Geschichte weder Hoffen noch Fürchten , weder Jammern noch Toben , weder Übermut noch Verzagtheit etwas hilft , sondern Bewegung und Rückschlag ihren wohlgemessenen Rhythmus haben . Ich versuchte daher achtzugeben auf dieses Verhältnis in der Geschichte und verglich den Charakter der Ereignisse und Zustände mit ihrer Dauer und dem Wechsel ihrer Folge welche Art von länger anhaltenden Zuständen z.B. ein plötzliches oder aber ein allgemaches Ende nehmen oder welche Art von unerwarteten , rasch einfallenden Ereignissen dennoch einen dauernden Erfolg haben ? welche Bewegungsarten einen schnellen oder langsamen Rückschlag hervorrufen , welche von ihnen scheinbar täuschen und in die Irre führen und welche den erwarteten Gang offen gehen ? in welchem Verhältnisse überhaupt die Summe des moralischen Inhaltes zu dem Rhythmus der Jahrhunderte , der Jahre , der Wochen und der einzelnen Tage in der Geschichte stehe ? Hiedurch dachte ich mich zu befähigen , schon im Beginn einer Bewegung je nach ihren Mitteln und nach ihrer Natur die Hoffnung oder Furcht zu beschränken , die auf sie zu setzen war , wie es einem besonnenen freien Weltbürger geziemte . Denn » wie man ' s treibt , so geht ' s ! « meinte ich , sei auch in der Geschichte glücklicherweise kein Gemeinplatz , sondern eine eiserne Wahrheit . Für das gegenwärtige Leben sei daher die Erkenntnis nützlich alles , was wir an unsern Gegnern tadelnswert und verwerflich finden , das müssen wir selber vermeiden und nur das an sich Rechte tun , nicht allein aus Neigung , sondern recht aus Zweckmäßigkeit und geschichtlichem Bewußtsein . Mein liebster Aufenthalt waren nun die Stätten , wo gelehrt wurde , und ich trieb mich als eine Art von Halbstudent um , der da alles zu vernehmen und zu sehen begehrte , gleich einem jungen Herrensohn , der zu seiner allgemeinen Ausbildung auf der hohen Schule weilt , sonst es aber gerade nicht nötig hat . Wo von Physikern , Chemikern , Zoologen oder Anatomen merkwürdige Demonstrationen angekündigt und von Redemeistern besonders berühmte Kapitel abgehandelt wurden , befand ich mich stets im Strome der Neugierigen , welche sich hinzudrängten . Und nach bestandenem Abenteuer war ich inmitten der Studentenhaufen zu sehen , wenn sie vor Tisch ihre burschikosen Frühschoppen tranken . Denn erst jetzt handelte ich dem Rate des Eichmeisters zuwider , vor Abend niemals ins Wirtshaus zu gehen , weil es mich trieb , über das Erfahrene sprechen zu hören und mich selbst auszusprechen . Zuweilen gedieh ich im Eifer sogar zum lauten Wortführer , fast genau wie zu jener Zeit , als ich meine Sparbüchse verschwendete , ein Großsprecher unter den Knaben war und einem tragischen Unheil entgegenging . Drittes Kapitel Lebensarten Es gab allerdings wieder eine Sparbüchse , welche ihrer Verwendung harrte . Am Tage nach meiner Abreise vor nunmehr länger als drei Jahren hatte die Mutter sogleich ihre Wirtschaft geändert und beinahe vollständig in die Kunst verwandelt , von nichts zu leben . Sie erfand ein eigentümliches Gericht ,