rief Hyazinth schmerzlich . » Bedauere sie , Corona , verdamme sie nicht . Das Gewissen und das natürliche Licht des Verstandes könnten ihr freilich sagen , welch Unrecht sie begeht . Aber ach ! wie leicht werden die von der Leidenschaft gefälscht und ausgelöscht , wenn man nicht höheres Gesetz und höheres Licht zu Rat ziehen kann , welche sich nicht der Leidenschaft anbequemen , sondern ihre ewige , unwandelbare , objektive Geltung haben . Davon weiß sie nichts , diese Circe ! sie sitzt , wie jener gefesselte Mensch des Plato , in einer düsteren Höhle , mit dem Rücken dem hellen Eingang zugewendet , und sieht vor sich an der Wand nur die Schatten , welche die Gestalten werfen , die sich hinter ihr im Licht bewegen . Der Wahrheit in ' s Auge - sieht sie nie ! hat sie nie gesehen ! o arme Circe ! « » Aber Orest ist noch viel unseliger ! « rief Corona . » Er weiß , was wir wissen , Hyazinth , und ach ! er lebt , als wisse er es nicht . Mir grauet vor jeder Erörterung über diesen Gegenstand mit dem guten Vater , und doch fürchte ich , daß es unmöglich sein wird , länger in dieser Weise fortzuleben - denn Orest will keine Rücksicht mehr nehmen . Ach , Hyazinth ! darf man sich den Tod wünschen ? wenn mich der liebe Gott in die Ewigkeit riefe , so wäre all ' die Trübsal zu Ende und Orest frei . « » Das wäre die Auflösung eines Romans und nicht so pflegt Gott seine Menschen zu führen . Er will sie an sein Ziel , nicht an das ihre bringen . Orest wird nicht frei , wenn er sich ungehindert seiner Leidenschaft hingeben darf - und Du hast nicht Zeit , Dich zu heiligen , wenn Du vor der Zeit vom Leben scheidest . Aber sieh ! Dorn , wohin der Fuß tritt , wohin die Hand greift ! Wermut , was die Lippe berührt : das ist uns heilsam ! das löst uns ab von unserer sündigen Natur , die so selbstsüchtig ist , daß sie in jedem Verhältnis ganz heimlich , wenn auch uneingestanden , Freude und Trost begehrt ; und so betrügerisch , daß sie , möge man noch so innig Gott in ' s Auge und in ' s Herz fassen , all ' Augenblick sucht , ihm das Geschöpf vorzuschieben . Es ist aber kein irdisches Verhältnis ohne Trübsal , ohne Verwirrung , ohne Bitterkeiten , und nur in dem Maß , als wir das erkennen , suchen wir unseren Trost in dem einzigen Verhältnis , das ohne Trübsal für uns ist - in dem , zu unserem göttlichen Heiland . Deshalb müssen wir uns mehr über Dorn und Wermut freuen , als über Nektar und Ambrosia . « » Statt dessen grämt man sich ! « sagte Corona schmerzlich ; » statt dessen verlangt man immer wieder ein wenig blauen Himmel und Sonnenschein - ein wenig Glück ! « » Und ganz besonders : Genuß des Glücks , « entgegnete Hyazinth lächelnd ; - und damit sind wir denn wieder bei unserer selbstsüchtigen Natur angelangt , der wir auf jedem Schritt und Tritt begegnen . « » Was fang ' ich an , Hyazinth ? ich meine immer , ich müsse etwas tun für Orest ! « rief Corona und rang schmerzlich ihre Hände . » Laß Dich mit unüberwindlicher Geduld demütigen und kreuzigen , so tust Du genug , « entgegnete Hyazinth . » Bete viel , opfere viel , hoffe viel - mit einem Wort : liebe viel ; damit brachten die Heiligen große Dinge zu Stande . Aber freilich , das unruhige Menschenherz findet eine Erleichterung in äußeren Handlungen , und läßt sich gern zu ihnen hinreißen ! Bleibe Du in der Stille und Ruhe Deines Herzens . Sieh , die Christenheit feiert jetzt den Advent , die Ankunft des Herrn . Wie kommt der Herr ? mit welchen Taten tritt er auf ? wie bekehrt er die Menschheit ? wie erlöst er die Welt ? Die seligste Jungfrau bereitet ihm ein Kripplein im elenden Stall , und das Kindlein in Windeln ist der menschgewordene Gott und er friert in kalter Winternacht und er weint . So erlöst er die Welt . Er läßt sich demütigen ; und dann - läßt er sich kreuzigen . Weshalb wollten wir es anders machen - da doch gerade dies uns vorgezeichnet ist ? « » Vielleicht , weil gerade dies am schwersten ist , « erwiderte Corona . » Sieh , wie gut es Gott mit Dir meint ! Du sollst es nicht anders haben , als er es hienieden hatte . Weine nicht , Corona , blicke in Dich und über Dich mit dem Auge des Glaubens und Du wirst frohlocken mit jenem heiligen Sänger : Mir ist das Los auf ' s Lieblichste gefallen , mir ist ein herrliches Erbteil geworden . « » Bete für mich , bete für uns ! « sagte Corona . Sie fühlte sich ermutigt durch Hyazinths Zuspruch , und gefaßter sah sie einer Zukunft entgegen , von der sie nicht ahnte , wie drohend sie sich gestalten werde . Auch Hyazinth ahnte es nicht und wußte nicht es anzufangen , um einen klaren Blick in Orests Seele zu werfen ; denn daß dieser ihn nicht eher in seine Pläne einweihen werde , als bis er auf ihre Durchführung hoffen könne - das war zu erwarten . Ihm Vorstellungen machen , hieß aber weiter nichts , als Wasser auf heißes Eisen gießen . Es zischt , es raucht - und bleibt heiß wie zuvor . Er beschloß , Orest mit der größten Liebe zu behandeln und dadurch , wenn nicht Einfluß auf ihn , doch vielleicht sein Vertrauen zu gewinnen . Als Orest sich bald darauf bei den Seinen einfand , übersah Hyazinth gänzlich dessen Verstimmung und äußerte nicht das