dachte er an die Zeit , wo sie das für ihn gearbeitet , und war überzeugt , daß sie während derselben unzählige Gedanken an ihn und so viel Herzliches und Liebes mit hinein verwebt habe . Er sah sie mit einem unaussprechlich süßen Blicke an , und Clara stützte sich mit der Hand auf den Tisch und schlug ihre Augen nieder . Sie wollte lächeln , als er sich nun freundlich bei ihr bedankte , doch zuckte ihr Mund schmerzlich , sie preßte die Lippen fest auf einander , und da sie sich dennoch bemeistern wollte , so öffnete sie ihre Augen , um ihn anzusehen , konnte aber nicht verhindern , daß ihr die hellen Thränen über das Gesicht herab flossen . Arthur begriff wohl das schmerzliche Gefühl , welches ihr Herz erfüllte ; er wußte ja , daß ihn das Mädchen liebe , innig und treu liebe , und deßhalb fühlte er auch , was ihr Inneres bewegte : sie schämte sich ihrer Liebe nicht , aber sie fürchtete sich davor ; Clara sah deutlich die Kluft , welche sie von ihm schied , - eine Kluft , die er zuweilen zudeckte mit freundlichen Reden und süßen Worten , wenn er bei ihr saß , die sich aber wieder schwarz und trostlos vor ihrem Blicke aufthat , sobald er ferne war . Zuweilen hoffte sie , und wenn sie ganz allein war , baute ihre Phantasie eine glänzende Brücke über jenen Abgrund , eine Brücke , die sie dann an seiner Hand schauernd betrat , und die sie glücklich in ein wunderbar prächtiges Land führte . - Aber das waren lächerliche Träume , und sie zerscheuchte sie gewaltsam wieder , ohne jedoch in gänzliche Hoffnungslosigkeit zu verfallen . Nur an solchen Abenden wie der heutige , wo sie wußte , er sei bei seiner vornehmen und stolzen Familie , und müsse den Augenblick , den er hierauf bei ihr zubringen wolle , vor den Augen seiner Verwandtschaft verheimlichen , ihnen förmlich abstehlen , wo sie fühlte , daß vielleicht alsdann in seiner Abwesenheit dort ihrer gedacht werden könne mit geringschätzendem Achselzucken , daß man von ihrem liebenden und treuen Herzen spräche , wie von einem Spielzeuge , das nächstens abgenützt und von ihm auf die Seite geworfen würde , in solchen Stunden fühlte sie sich namenlos elend . - Und so heute . - Das las Arthur in dem seltsamen Blick ihres Auges , in den langsam herabträufelnden Thränen . Und sollte das arme Mädchen in seinen finsteren Träumen und Jene in ihren hochmüthigen Ideen Recht behalten , sollte er dies gute , liebende Geschöpf wegwerfen für eines jener kalten und stolzen Herzen , die sich wohl eine Ehre daraus machten , von ihm , dem reichen jungen Manne , gewählt zu werden , ohne ihm deßhalb mit zärtlicher Liebe anzuhängen ! - Sollte er seine Clara verlassen , weil sie eine arme Tänzerin war , weil ihre Verwandtschaft nicht verzeichnet war im goldenen Buche der Stadt , weil ihr nicht offen standen die geheiligten Schranken irgend einer Rangklasse , weil ihre Tanten und Basen nicht Sitz und Stimme hatten in den Thee- , Kaffee- und Klatschgesellschaften ! - Nein , nein ! so will ich nicht handeln ! dachte sein treues Herz , ich will sie an mich ziehen , fest in meinen Armen halten und mit liebender Sorgfalt über die Klippen dieses Lebens , über die Klippen unserer gesellschaftlichen Zustände führen . - Und werden uns viele solcher Klippen bedrohen ? fragte er sich , und sein leichter Sinn antwortete : o gewiß nicht ! Man kennt mich , meine Freunde und meine Bekannten schätzen und ehren meinen Namen , sie werden auch das Mädchen bei sich aufnehmen und lieb gewinnen , der ich diesen Namen zu geben für gut befunden , - meiner Frau . - Bei diesem letzten Worte mußte er unwillkürlich lächeln , denn es kam ihm so sonderbar vor . Er dachte mit einem Male an seine Junggesellenwirthschaft , an die Zimmer , vollgepfropft mit allerlei Geräthschaften , an die alterthümlichen schweren Seidenstoffe , die er zu den Draperien seiner Gemälde brauchte , und die von der Lehne eines alten geschnitzten Stuhles herab hingen und weit in das Zimmer hinein reichten . - Und dazwischen sollte Clara stehen , verwundert all ' das Seltsame anstaunend und behutsam auf den Zehenspitzen hin und her schreitend ; - ach , und sie schritt so wunderbar auf den Zehenspitzen , das Röckchen leicht gehoben - damit sie glücklich zwischen all ' dem Chaos durchkomme , ohne hier eine Vase zu berühren oder dort an ein frisches Gemälde zu streifen . - Ja , ja , meine Frau soll sie sein , und ich will sie hegen und pflegen mit liebender Sorgfalt , wie ein Kind , das anfängt , gehen zu lernen . Fort mit allen Rücksichten ! Bin ich nicht ein Künstler und deßhalb ein freier Mensch ? Ich will meinem Herzen folgen und meinem Gemüthe alle Ehre machen . Während er das dachte , hatte er unverwandt die Stickerei betrachtet , aber so lange und anhaltend , daß ihm Clara befremdet zuschaute . Sie fürchtete schon , ihre Thränen haben ihn verletzt und ihm sehr wehe gethan , deßhalb bezwang sie sich gewaltsam , trocknete ihre Augen und blickte wieder hell und freundlich auf . Arthur fuhr aus seinen Träumereien empor und mit einem so glücklichen Gefühl im Herzen , daß er es unmöglich vollkommen ausdrücken konnte . Etwas davon spiegelte sich freilich auf seinem Gesichte wieder , und dieser Ausdruck war schon so heiter und froh , daß er nun der Tänzerin ein wirkliches Lächeln ablockte . » Ah ! Sie haben mich zu schön beschenkt , « sagte er ; » liebe Clara , wie soll ich Ihnen dankbar dafür sein ! Freilich habe ich Ihnen auch Etwas mitgebracht , aber es ist so unbedeutend und klein , daß es Ihnen vielleicht gar nicht einmal gefällt . « » Es gefällt