wie jener ein solches Wesen , wie Agnes sei , also behandeln könne . Er ergoß sich in den bittersten Tadel , und um so lauter , als er selbst in das schöne Kind verliebt war und sein Gewissen ihm sagte , daß das nichts weniger als in der Ordnung sei . Erikson hörte nicht viel darauf , sondern sagte : » Ich will wetten , daß er das arme Ding heute sitzenläßt und nicht mitbringt . Wir sollten ihm aber einen Streich spielen , damit er zur Vernunft kommt . Nimm einen der Wagen , fahre in die Stadt und sieh ein wenig zu ! Findest du den verliebten Teufel nicht zu Hause noch bei dem Mädchen , so bring dieses ohne weiteres mit , und zwar in Rosaliens Namen und Auftrag , so kann die Mutter nichts dagegen haben ; ich werde dies verantworten . Zu Lys wirst du nachher einfach sagen , daß du das für deine Pflicht gehalten , da er dir die Schöne am Abend vorher so hartnäckig anvertraut . « Heinrich ließ sich nicht zweimal auffordern und fuhr sogleich in die Stadt . Auf dem Wege traf er Ferdinand ganz allein in einer Kutsche . » Wohin willst du ? « rief er Heinrich zu . » Ich soll « , erwiderte dieser , » dich aufsuchen und sehen , daß du das feine Mädchen mitbringst , im Fall du es nicht ohnehin tun würdest . Dies scheint nun so zu sein , und ich will sie holen , wenn du nichts dagegen hast . Eriksons schöne Witwe wünscht es . « » Tu das , mein Sohn ! « erwiderte Ferdinand ganz gleichgültig , indem er sich dichter in seinen Mantel hüllte , und fuhr seines Weges , und Heinrich hielt bald darauf vor Agnesens Wohnung an . Das Rollen und plötzliche Stillstehen der Räder widerhallte auffallend auf dem kleinen stillen Platze , so daß Agnes im selben Augenblicke mit strahlenden Augen ans Fenster fuhr . Als sie Heinrich aussteigen sah , verschleierte sich der Blick wieder , doch harrte sie neugierig , daß er in die Stube träte . Ihre Mutter empfing ihn , beschaute ihn um und um , und indem sie fortfuhr , mit einer Straußfeder , die sie in der Hand hielt , ihren Altar , das darauf stehende Bild ihrer vergangenen Schönheit , die Porzellansachen und Prunkgläser davor , abzustäuben und zu reinigen , begann sie mit einem seelenlosen , singenden Tone zu plaudern : » Ei , da kommt uns ja auch ein Stück Karneval ins Haus , gelobt sei Maria ! Welch allerliebster Narr ist der Herr ! Aber was Tausend habt Ihr denn , was hat Herr Lys nur mit meiner Tochter angefangen ? Da sitzt sie den ganzen Morgen , sagt nichts , ißt nichts , schläft nicht , lacht nicht und weint nicht ! Dies ist mein Bild , Herr ! wie ich vor zwanzig Jahren gewesen bin ! Dank sei unserm Herrn Jesus Christ , man darf es ansehen ! Sagen Sie nur , was ist es mit dem Kinde ? Gewiß hat sie Herr Lys zurechtweisen müssen , ich sag es immer , sie ist noch zu ungebildet für den feinen Herrn , sie lernt nichts und beträgt sich unanständig . Ja , ja , sieh nur zu , Nesi ! lernst du das von mir ? Siehst du nicht auf diesem Bild , welchen Anstand ich hatte , als ich jung war ? Sah ich nicht aus wie eine Edeldame ? « Heinrich antwortete auf alles dies mit seiner Einladung , welche er sowohl in Ferdinands als in Rosaliens Namen ausrichtete ; er suchte einige Gründe hervor , warum er und nicht jener selbst komme , indessen die Mutter einmal über das andere rief : » So mach , so mach , Nesi ! Jesus Maria , wie reiche Leute sind da beisammen ! Ein bißchen zu klein , ein kleines bißchen , ist die gnädige Frau , sonst aber reizend ! Nun kannst du nachholen , was du gestern etwa versäumt und verbrochen ! Geh , kleide dich an , Undankbare ! mit den kostbaren Kleidern , die Herr Ferdinand dir geschenkt ! Da liegt der köstliche Halbmond am Boden . Aber komm , jetzt muß ich dir das Haar machen , wenn ' s der Herr erlaubt ! « Agnes setzte sich mitten in die Stube ; ihre Augen funkelten , und die Wangen röteten sich leis von Hoffnung . Ihre Mutter frisierte sie nun mit großer Geschicklichkeit ; sie führte mit großer Anmut den Kamm , und Heinrich mußte gestehen , als er die hochgewachsene Frau betrachtete und die immer noch schönen Anlagen und Züge ihres Gesichtes sah , daß sie wenigstens einen wahren Grund ihrer Eitelkeit gehabt . Doch wurde sein Auge bald von Agnes allein beschäftigt . Sie saß mit bloßem Halse , von der Nacht der aufgelösten Haare umschattet ; um die langen Stränge zu kämmen und zu salben , mußte die Mutter weit von ihr zurücktreten . Sie sprach fortwährend , indessen weder Heinrich noch Agnes etwas sagten . Er hätte gewünscht , ein Jahr in dieser Ruhe zu verharren und keinen andern Anblick zu haben als diesen . Endlich war das Haar gemacht , und Agnese ging in ihre Kammer , das Dianengewand wieder anzuziehen ; die Mutter ging mit , ihr zu helfen ; allein sobald sie einigermaßen damit zustande gekommen , erschienen sie wieder und vollendeten den Anzug in der Stube , weil die Alte sich unterhalten wollte . Agnes sah nun womöglich noch wunderbarer aus als gestern ; denn ihr seltsamer Zustand , in dem sie nicht geschlafen hatte , während sie doch von neuer Hoffnung und Sehnsucht belebt und durchglüht war , warf einen geisterhaften Glanz über sie . Sie fuhren in verschlossenem Wagen durch die Stadt ; sobald sie aber im sonnigen Freien waren , ließ Heinrich die Decke zurückschlagen . Agnes atmete auf und fing an